Wie finden sich Forscher/innen zu interdisziplinären Projekten? Ein Interview mit der Wissenschaftssoziologin Jennifer Dusdal

„Hey, lass uns das zusammen machen!“

d'Lëtzebuerger Land du 20.11.2020

d’Land: Frau Dusdal, wieso ist in letzter Zeit so viel die Rede von interdisziplinärer Forschung?

Jennifer Dusdal: Grundsätzlich ist diese Idee nicht neu: Zusammengearbeitet haben Wissenschaftler/innen eigentlich schon immer. Der Begriff „Interdisziplinarität“ ist in den letzten Jahren zu einem Modewort in der Wissenschaft avanciert. Heute gibt es natürlich viele Forschungsfragen, die sich aus einer einzelnen Disziplin heraus gar nicht beantworten lassen, weil eine bestimmte Ausrüstung und Geräte fehlen, oder Methodenkenntnisse und Theorieexpertise aus anderen Bereichen unverzichtbar sind.

Das heißt, die Entwicklung der Wissenschaft hat einen Punkt erreicht, an dem die Disziplinen überwunden werden müssen?

Nein, und ich glaube, die meisten meiner Kolleg/innen würden mir zustimmen, dass die einzelnen Disziplinen einen wesentlichen Beitrag zur Wissensgewinnung leisten. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Grundlagenforschung. Aber das eine schließt das andere nicht aus. Es geht einerseits darum, dass herausragende Einzelleistungen möglichst Disziplinen übergreifend gebündelt werden sollten, um interdisziplinäre Spitzenforschung voranzutreiben. Andererseits hat sich wissenschaftliche Forschung aber auch immer weiter ausdifferenziert und spezialisiert – was es umso wichtiger macht, dass dieses Spezialwissen geteilt wird. Ist von herausragender Forschung die Rede, heißt es meist: interdisziplinär, international und vergleichend.

Funktioniert die Wissenschaft anders als früher?

Was genau geschieht, ist eine spannende Frage. Heute ist nicht nur die Rede von Interdisziplinarität, sondern auch von Multidisziplinarität und Transdisziplinarität. In der Literatur sind die Begriffe definiert, aber was sie in der Forschungspraxis bedeuten, ist nicht so klar. Häufig geht es um Zusammenarbeit, doch man muss genau hinschauen: Interdisziplinäre Kooperation kann auch funktionieren, ohne direkt zusammenzuarbeiten. Man kann einen Historiker mit einem Mediziner zusammenbringen und jeder legt innerhalb eines Projekts Arbeitspakete fest. Der eine beschafft die Daten, der andere ist für die Methodenentwicklungen zuständig. Aus meiner Sicht geht es aber darum, das gemeinsam zu tun. Entscheidend ist, ob sich eine gemeinsame Fragestellung finden lässt, eine gemeinsame Forschungsidee. Dann wird aus einer interdisziplinären Kooperation Zusammenarbeit: Daten, Methoden und theoretische Ansätze werden von Anfang an miteinander verzahnt. Aber dafür braucht es ein gemeinsames Forschungsinteresse.

Wie ist das im Karriereweg: Sind junge Wissenschaftler/innen oft neugierig auch auf andere Disziplinen, aber dann werden sie in der Doktor-Phase zu stark auf eine Disziplin festgelegt?

Karrierewege sind nicht gradlinig. Grundsätzlich sind Dissertationen disziplinär ausgerichtet: Durch sie wird der höchste wissenschaftliche Abschluss vergeben, und wie gesagt: Zur Gewinnung neuen Wissens sind die Disziplinen essenziell. In Luxemburg haben wir vier Doktorandenschulen: „Science and Engineering“, „Rechtswissenschaften“, „Wirtschafts- und Finanzwissenschaften“ und „Geistes- und Sozialwissenschaften“. Aber zusätzlich gibt es DTUs, Doctoral Training Units. Ihre Aufgabe ist es, theoretische und methodologische Brücken zu bilden. Ich zum Beispiel bin mit einer DTU affiliiert, in der es um „Data-driven Computational Modelling and Applications“ geht. Dort kommen Kolleg/innen aus unterschiedlichsten Disziplinen zusammen. Das verbindende Element sind datengesteuerte Ansätze. Das finde ich ganz spannend.

Also ist in Luxemburg die Promotionsphase interdisziplinärer geworden?

Auf jeden Fall. Aber in der Promotionsphase ist das noch recht überschaubar, da ist man noch wie in einem schützenden Kokon. Es muss ja zunächst das Handwerk einer Disziplin verfestigt werden, man muss sich finden, sich orientieren und sattelfest werden. Schwierig wird es danach, in der Postdoc-Phase, wo sich die Weichen hin zu einer Professur stellen. Da herrscht Druck im System, da ist Leistung gefordert. Man soll möglichst viele internationale Kontakte knüpfen, sein Netzwerk aufbauen, mobil sein, kooperieren, international, interdisziplinär, wie auch immer. Und man soll natürlich möglichst gut publizieren und Drittmittel einwerben. Die Professuren sind in ihren Denominationen aber häufig disziplinär ausgerichtet. Da gibt es dann eine für Bildungssoziologie, eine für Mittelalterforschung, eine für Maschinenbau, und so weiter.

Anscheinend gibt es aber mittlerweile auch interdisziplinäre Professuren, auch an der Universität Luxemburg.

Ja, es findet ein Wandel statt, aber das ist ein komplexer Prozess. In den Berufungsverfahren für Professuren sind die Kandidat/innen immer wieder mit Disziplinarität konfrontiert, sei es durch die Gutachter oder weil ein Bewerberprofil auf die Stellenausschreibung für eine interdisziplinäre Professur doch nicht passt. Was dazu führen kann, dass man sich zwischen den Stühlen wiederfindet, wenn man sich zu früh interdisziplinär ausrichtet: Man macht alles, vielleicht auch alles recht gut, verpasst es aber, sich innerhalb seiner originären Disziplin Reputation aufzubauen. Deshalb haben es etablierte Kolleg/innen häufig wesentlich leichter, interdisziplinäre Forschung voranzutreiben. Sie haben den Stress nicht mehr, sich auf eine Professur bewerben zu müssen und können ihr angehäuftes wissenschaftliches Kapital nutzen, um es in einem anderen Feld einzutauschen und erfolgreich interdisziplinäre Projekte anzustoßen. Sie können mutiger sein und so genannte „High-risk, high-gain“-Projekte einfach mal einreichen.

Nimmt die große Wissenschaftsgemeinschaft interdisziplinäre Forschung nicht ernst genug?

Das würde ich nicht sagen, denn es ist eine vielversprechende Art der Wissensgewinnung, kreative Köpfe zusammenzubringen, die Lust auf so etwas haben. Und gerade interdisziplinäre Grundlagenforschung kann zu wichtigen wissenschaftlichen Durchbrüchen führen. Aber an den Disziplinen führt kein Weg vorbei. Das ist wie ein Zuhause für die Wissenschaftler/innen. Deshalb muss Interdisziplinarität zunächst disziplinär gedacht werden.

Wie meinen Sie das?

Es gibt eine ganze Reihe von Unterschieden zwischen den Disziplinen. Epistemische, aber auch Unterschiede in den Fächerkulturen oder darin, wie Forschung organisiert wird. Ein Beispiel: Eines meiner Forschungsthemen ist Data Sharing. Die Wissenschaftspolitik betont, dass Daten, die im Rahmen öffentlich finanzierter Forschung produziert werden, geteilt und zugänglich gemacht werden sollen, denn die Forschung wird mit Steuergeldern finanziert. Forscher/innen wiederum wissen, dass Daten reproduzierbar sein sollen, also haben auch sie ein Interesse am Data Sharing. Dazu wurden Anreize und Infrastrukturen geschaffen. Aber: Man kann Daten auch als Kern des Forschungsprozesses auffassen und als Grundbedingung zur Generierung wissenschaftlichen Wissens. Wissenschaftler/innen haben deshalb ihre eigenen Regeln, formelle oder informelle, wie sie miteinander interagieren. Sie handeln aus, mit wem sie ihre Daten teilen und mit wem nicht. Das ist ein reziproker Akt. Es geht dabei auch um intellektuelle Eigentumsrechte. Beispielsweise möchte ich erst mal meine eigenen Ergebnisse publizieren, ehe ich meine Daten mit Kolleg/innen teile, denn das trägt zu meiner Reputation bei, und wie wichtig die für die Karriere ist, haben wir ja vorhin erwähnt. Wenn ich mit einer Mathematikerin in einem interdisziplinären Projekt zusammenarbeite, dann hat meine Kollegin unter Umständen eine andere Vorstellung darüber, welche Daten wann geteilt werden sollten und wie wir unsere Ergebnisse gemeinsam publizieren wollen. Um interdisziplinär zu forschen, muss man verschiedenste Aspekte berücksichtigen und unter einen Hut bekommen, wenn es um Zusammenarbeit geht.

Welche Rolle spielen die Wissenschaftszeitschriften? Sind die nicht auch eher disziplinär?

Das ist ein wichtiges Thema. Publikationen sind für uns Forscher/innen unser wissenschaftliches Kapital und Zeitschriften in allen Disziplinen das wichtigste Publikationsformat. Sie sind ja schon recht alt, die ersten wurden Ende des 17. Jahrhunderts von den Akademien gegründet. Diese Art Zeitschriften war schon damals Disziplinen übergreifend. Allerdings wurden die meisten Zeitschriften von Fachgesellschaften gegründet, die natürlich disziplinär orientiert sind. Sie öffnen sich aber zunehmend und werden interdisziplinärer; was auch daran liegt, dass mehr Disziplinen übergreifend geforscht wird. Top-Journals wie Science, Nature oder PlosONE sind multidisziplinär, doch da will jeder rein, da ist der Wettbewerb riesig. Interdisziplinäres Publizieren ist eine große Herausforderung, weil jede Disziplin ihre eigenen Publikationslogiken hat. Die Wissenschaftler/innen müssen dann miteinander aushandeln, wo sie etwas einreichen, und vielleicht Kompromisse schließen, da eine hochrangige Zeitschrift in einer Disziplin nicht zwangsläufig die gleiche Bedeutung in einer anderen Disziplin hat. Deshalb haben sich immer mehr Zeitschriften herausgebildet, die bestimmte wissenschaftliche Gemeinschaften zusammenbringen, die Interesse an einem gemeinsamen Thema haben.

Muss interdisziplinäre Forschung organisiert werden? Nach allem, was wir besprochen haben, scheint es nicht zu genügen, der wissenschaftlichen Neugier freien Lauf zu lassen.

Ganz von allein geht es nicht. Allerdings haben Sie absolut recht, dass man Wissenschaftler/innen den Raum und die Freiheit geben muss, ihren Forschungsinteressen unter bestmöglichen Bedingungen nachzugehen. Wer lieber innerhalb in seiner Disziplin bleibt, soll das tun, das ist absolut in Ordnung, und ich kann mir auch ehrlich gesagt kein Hochschul- oder Wissenschaftssystem vorstellen, in der die einzelnen Disziplinen nicht mehr sichtbar sind. Eine Frage ist, wie und wo sich Forscher/innen unterschiedlicher Disziplinen begegnen können, damit es zu einem Kontakt kommt und die eine zum anderen sagt: Hey, das ist eine großartige Idee, lass uns das zusammen machen! Universitäten sind besonders geeignet, solch einen Begegnungsraum zu schaffen und bottom-up-Prozesse zu ermöglichen. Das geschieht, gar nicht so selten. Auf der anderen Seite regen Universitätsleitungen auch strategische Kooperationen an, top-down also, aber beständige Zusammenarbeit wird in Teams und Arbeitsgruppen gelebt und langfristig entwickelt. Salopp gesagt: Wenn A keinen Bock hat mit B zusammenzuarbeiten, geschieht das auch nicht.

Ist Interdisziplinarität auch ein Faktor im Wettbewerb zwischen Universitäten?

Ja, wer interdisziplinäre und international sichtbare Forschung aktiv fördert, sichert sich einen Standortvorteil. Umgekehrt ziehen solche Standorte kluge Köpfe an. Besonders die Universitäten dienen als Bindeglied innerhalb vielfältiger Kooperationsnetzwerke, da sie viele Disziplinen unter einem Dach vereinen. Aber sie müssen die strukturellen Rahmenbedingungen verbessern und disziplinäre Unterschiede berücksichtigen, um diese Art Forschung zu ermöglichen. Unis sollten Programme und Praktiken entwickeln, um mit ihren Wissenschaftler/innen zu interagieren, und eine Kultur schaffen, die es den Forscher/innen ermöglicht, ihrer Neugier freien Lauf zu lassen. Nötig ist auch, finanzielle Lücken in der bisherigen Unterstützungsstruktur der Forschungsförderung zu schließen, um Ideen-
austausch zu fördern und neue Kooperationen anzustoßen: Wer sich dazu entschließt, das Wagnis Interdisziplinarität einzugehen und eine innovative Idee hat, sollte auch neben den traditionellen Förderinstrumenten der Mittelgeber die Möglichkeit bekommen, ein Projekt anzuschieben. Schließlich ist auch der Erfolg beim Einwerben von Drittmitteln stellenrelevant und dient der Weiterqualifizierung jüngerer Wissenschaftler/innen..

Peter Feist
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