Agnès Prüm ist Dozentin für Englische Literatur und Kultur und Leiterin des Bachelorstudiengangs Cultures Européennes an der Fakultät für Geistes-, Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit der Lehre auf Distanz

Virtuelle Nähe als Herausforderung

d'Lëtzebuerger Land vom 01.10.2021

Frau Prüm, wie hat sich am Dienstag Ihre erste Hybridklasse angefühlt?

Agnès Prüm: Gemischt, würde ich sagen. Im Vorfeld habe ich mir viele Sorgen gemacht. Funktioniert die Technik? Kann ich ein Klima herstellen, in dem ein Austausch zwischen den anwesenden Student/innen und denen, die sich online zuschalten, möglich ist?

Und?

Als ich die Student/innen im Raum gesehen habe, hat sich meine Aufregung gelegt. Ich wusste aber auch, dass ich im Notfall das IT-Team rufen konnte. Am meisten überrascht war ich darüber, dass ich die Student/innen, die sich online eingewählt hatten, an ihrer Stimme erkannt habe. Vielen von ihnen bin ich bis jetzt ja nur online begegnet. Für mich ist das ein Zeichen dafür, dass es uns trotz Distanz und virtueller Lehre gelungen ist, eine gewisse Beziehung zu den Student/innen aufzubauen. Es war für uns alle das erste Mal, dieses Studieren im Hybridmodus, und ich denke, wir haben das gut hinbekommen. Die Student/innen sahen glücklich aus, da zu sein.

Seit wann arbeiten Sie mit dem Webkonferenzsystem Webex?

Seit März 2020. Am 12. März (Donnerstag) hat der Rektor angekündigt, dass alle Kurse ab Montag, 16. März, online stattfinden würden. Montagmorgen hatten wir ein erstes Treffen mit den Study Programme Representatives (Studierendenvertreter/innen) des Bachelor en Cultures Européennes (BCE), in dem wir Webex zum ersten Mal getestet haben. Naja, und dann ging‘s los.

Welche anderen Online-Tools nutzen Sie in Ihren Kursen ?

Die E-Learning Plattform Moodle, die sowohl zur Lehre als auch zu administrativen und Kommunikationszwecken genutzt wird. Hier können Dozent/innen beispielsweise mit den Student/innen in ihren Veranstaltungen kommunizieren und Lernmaterialien teilen. Aufgaben können auch über Moodle erteilt werden, diese Plattform bietet viele Interaktionsmöglichkeiten. Auf eine Pandemie kann man nicht vorbereitet sein, aber der BCE und unsere Fakultät sind gut organisiert und haben sehr engagierte Mitarbeiter unter den Lehrenden und in der Administration. Das hat Vieles sehr schnell möglich gemacht. Wir arbeiten auch mit Flinga, eines der vielen gratis zur Verfügung gestellten kollaborativen Online-Tools, die wir seit der Pandemie nutzen. Es ist eine Art Whiteboard, auf dem man schnell und einfach gemeinsam Mind-Maps erstellen kann.

Wie haben Sie bisher unter Coronabedingungen unterrichtet?

Alles, was bis zum Ausbruch der Pandemie auf dem Campus stattgefunden hatte, musste ab dem 16. März 2020 virtuell verlagert werden. Dazu haben wir die Moodle Plattform benutzt, auf der alle Aktivitäten der Kurse virtuell gesammelt und teilweise neu erfunden wurden. Wir mussten uns schnell mit Begriffen wie synchrone und asynchrone Lehre auseinandersetzen. Die Student/innen saßen am Anfang der Pandemie zuhause fest und nicht jeder verfügte immer über eine gute Internetverbindung. Klassische Lehrveranstaltungen sind in der Regel synchron – alle sind zur gleichen Zeit im gleichen Raum und hören gemeinsam zu, beziehungsweise nehmen an den gleichen Aktivitäten teil. Als die Pandemie über uns hereinbrach, war damit Schluss. Wir mussten asynchrone Arbeitsstile entwickeln, in denen sich Student/innen trotz technischer Schwierigkeiten oder unterschiedlicher Voraussetzungen von zuhause am Unterricht beteiligen konnten. Das ging über Forumsdiskussionen auf Moodle. Synchrone Elemente der Lehre, bei der ich von meinem Büro aus unterrichtete und die Student/innen online erreichte, liefen über Webex, aber auch über Tools wie kollaborative Whiteboards und Plattformen.

Sie mussten den Unterricht in gewisser Weise neu erfinden. Wie war das für Sie?

Diese Umstellungen waren für mich ein „Wir-Erlebnis“ auf mehreren Ebenen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich als Studienleiterin vieles an- und mitdenken muss, aber auch daran, dass Vieles, sowohl Positives wie auch Negatives, an mich herangetragen wurde. Ich habe gelernt, in schwierigen Situationen konzentrierter und intensiver zuzuhören. Ich hatte das Glück, mit einem solidarischen Team zu arbeiten, wir konnten uns gegenseitig unterstützen. Uns war wichtig, zu verhindern, dass sie sich zu sehr von ihrem Studiengang alleingelassen fühlten. Die Studierendenvertreter/innen waren eine große Hilfe, da sie Schwierigkeiten gemeldet haben, und wir so schnell wie möglich darauf eingehen konnten, bevor sie zu richtigen Problemen wurden. Anderseits haben sie uns auch über innovative Unterrichtsstile berichtet. Eine ähnliche Solidarität gab es unter Dozenten. In meiner Tätigkeit als Dozentin hatte die Umstellung auf virtuelle Lehre unverhoffte Auswirkungen: Webex verfügt über eine Chat-Funktion. Dadurch konnte ich in der Diskussion „in der Zeit zurückgehen“ und auf Kommentare eingehen, die Student/innen fünf oder zehn Minuten vorher gemacht hatten. Ich denke, dass mein Lehrstil so viel inklusiver geworden ist, weil ich alle Ideen der Student/Innen mit einbinden konnte.

Macht Ihnen das Unterrichten, das jetzt so technik-
lastig geworden ist, überhaupt noch Spaß?

Die Kommunikationstechnologien haben sich in den letzten Jahren sehr schnell entwickelt, somit haben sie auch das Verhalten der Menschen beeinflusst. Dieser Fakt war für mich schon länger Teil der Forschung und Lehre. Die letzten 18 Monate waren eine Art Crash-Kurs darin, wie man Technik kreativ und produktiv einsetzen kann. In dem Sinne ist dieses Neuerlernen der Lehre trotz Pandemie mit einem gewissen „Spaß“ verbunden, wenn man dieses Wort in diesem Kontext benutzen darf. Die Technologie hat uns ja auch ermöglicht, aus dem nötigen social Distancing heraus eine gewisse virtuelle Nähe oder Verbundenheit zu schaffen. Es wäre falsch, sich die Lehre im virtuellen und hybriden Raum als rein technologisch, kalt und unpersönlich vorzustellen, es ist durchaus möglich, diese Lehre lebendig und menschlich zu gestalten.

Werden die Studenten, die sich im Online-Modus befinden, nicht abgehängt?

Es gab eine Reihe von Studien und Umfragen zum Wohlbefinden von jungen Leuten und Jugendlichen während der Pandemie, die natürlich auch Informationen dazu lieferten, wie unsere Student/innen die Pandemie erlebt haben. Die Uni hat eine Reihe von Initiativen zur psychologischen und finanziellen Unterstützung von Studierenden ins Leben gerufen, ich denke da zum Beispiel an die Anlaufstelle UMatter. Ich glaube, dass sich die meisten Studen/innen darüber freuen, endlich wieder an die Uni kommen zu dürfen, und so ein gesünderes Gleichgewicht zwischen virtuellem und analogem Leben zu erlangen. Das wird ihnen hoffentlich auch helfen, die nötige Motivation über die Dauer ihres Studiums aufrechtzuerhalten..

Franziska Jäger
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