Spätestens seit Corona boomt das Geschäft mit privaten Swimmingpools. Die Hitzewellen tun ein Übriges.
Mit Billigpools aus dem Baumarkt können auch ärmere Haushalte dem Trend folgen, vorausgesetzt sie haben einen Garten. Der Trinkwasserbedarf ist beträchtlich

Feuchte Träume

d'Lëtzebuerger Land du 19.08.2022

Regeln „Hé, mon ami! C‘est la première fois que tu viens ici? À l᾽intérieur, il est interdit de fumer. Je vais t‘expliquer les règles“, raunzt mich der zwei Meter große Mann vom privaten Sicherheitsdienst vor dem Eingang an. Er meint es vermutlich nicht böse, doch wegen seiner imposanten Statur wirkt alles, was er sagt und tut, irgendwie bedrohlich. Neben ihm auf einem ausklappbaren Holztisch aufgereiht stehen mehrere Flaschen Deodorant, die genau wie mitgebrachte Getränke im öffentlichen Freibad in Düdelingen als Gefahrgut gelten. „Je suis déjà venu. Je sais qu᾽il est interdit de sortir pour fumer, une fois qu᾽on est dedans“, antworte ich etwas verlegen und nehme noch einen letzten Zug, bevor ich die Kippe in den etwas weiter entfernten Mülleimer werfe. Doch der Sicherheitsmann pfeift mich zurück. „Les shorts sont interdits. Montre-moi ton maillot de bain.“ Auch das wusste ich schon, deshalb hatte ich meine eng anliegende Badehose eingepackt. Ich öffne meine Tasche und zeige sie dem Türsteher. Er scheint zufrieden: „Ça va, tu peux y aller.“

Das Freibad ist an diesem frühen Freitagabend nicht so gut besucht wie am Sonntagnachmittag vor drei Wochen.

Auch das 50-Meter-Becken ist diesmal nicht so voll. Die Sonne versinkt allmählich hinter dem Hauptgebäude, wo früher der Eingang war. Trotzdem ist das Wasser wegen der außergewöhnlich hohen Außentemperatur noch angenehm warm. Ich ziehe meine Bahnen, schwimme abwechselnd Brust und Freistil. 50 Meter sind lang, die letzte Zigarette hätte ich mir sparen sollen.

Obwohl das Becken riesengroß ist, muss ich gut aufpassen, dass ich nicht mit anderen Schwimmern kollidiere: Jugendliche, die sich mutig vom Fünf-Meter-Turm stürzen und so schnell wie möglich wieder aus dem Wasser wollen, um den nächsten Sprung zu wagen; ältere Damen, die gemächlich ihre Runden drehen, peinlich darauf achtend, dass ihre Haare nicht mit dem Wasser in Berührung kommen; Paare, die sich eng umschlungen ihrer Liebe zueinander hingeben; Väter mit Kindern, die Breiten statt Längen schwimmen, weil die Entfernung kürzer ist; Halbwüchsige, die Saltos vom Beckenrand springen und danach für einige Sekunden orientierungslos umher treiben; ein muskulöser Sportschwimmer mit Flossen, der pfeilschnell durch das Wasser schießt. Insbesondere beim Freistil ist es nicht leicht, sie alle im Blick zu behalten.

Gegenstrom In dem Moment wünsche ich mir, ich wäre reich und hätte ein Haus mit Garten und einem Privatpool. Obwohl die zum Bahnen ziehen eigentlich viel zu klein sind, ist es dank technischer Innovation inzwischen möglich, auch in kleinen Pools Sportschwimmen zu betreiben. Mit einer sogenannten Gegenstromanlage schwimmt man wortwörtlich gegen den künstlich erzeugten Strom, jedoch ohne sich von der Stelle zu bewegen. Aber auch ohne Gegenstromanlage kann ein Privatpool durchaus angenehm sein: Nach einem langen, heißen Arbeitstag bietet er Erfrischung und in Kombination mit einem kühlen Drink (und einer Zigarette) kann so ein Bad durchaus entspannend wirken. Kinder können sich während der langen Sommerferien darin vergnügen, die Eltern an den Wochenenden Poolpartys feiern und sich am nächsten Morgen verkatert einfach auf dem Wasser treiben lassen.

Privatpools sind vor allem in Neusiedlungen im Speckgürtel der Hauptstadt beliebt: In Bridel, Senningen, Leudelingen und Rammeldingen, wo viele Expats wohnen. Aber auch in anderen Dörfern, in denen Vermögende und die von der hohen Inflation kaum betroffenen Angehörigen der oberen beiden Einkommensquintile sich niedergelassen haben, sind sie zu finden. Wieviele Haushalte sich in Luxemburg dieses Vergnügen gönnen, ist nicht bekannt. Privatpools seien eben „privat“ und würden deshalb nicht von den Behörden erfasst, heißt es aus den Ministerien und vom Statec. Konstrukteure schätzen, dass in den vergangenen beiden Jahrzehnten jährlich um die 100 gebaut wurden; in den letzten 20 Jahren dürften demnach rund 2 000 neue Privatpools entstanden sein.

Seit 2020 sei die Zahl der Anfragen enorm gestiegen, sagt Joël Back im Gespräch mit dem Land. Back ist Gründer und Geschäftsführer des Schwimmbadbauers Aquadeluxe, der seit über 15 Jahren in diesem Bereich tätig ist. Menschen, die bereits seit längerem über die Anschaffung eines eigenen Pools nachdachten, hätten während Corona endlich den Schritt gewagt; was während des Lockdowns und in Zeiten von Reisebeschränkungen durchaus bequem erschien. Doch inzwischen verbringen viele ihren Urlaub wieder am Meer. Abzureißen scheint der Boom trotzdem nicht. Die wegen des Klimawandels immer länger und heißer werdenden Hitzewellen spielen dabei sicherlich eine Rolle. Überfüllte Badeseen und Freibäder vielleicht auch. Nicht zuletzt trägt die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft dazu bei, dass Menschen, die über ausreichend Budget und Land verfügen, sich ihr eigenes kleines Paradies zuhause im Garten erschaffen. Auf andere Rücksicht zu nehmen brauchen sie dort nicht, niemand steht ihnen im Weg.

In den vergangenen 20 Jahren haben sich in Luxemburg drei größere Firmen etabliert, die Schwimmbecken, Whirlpools und ähnliche Anlagen bauen. Konkurrenz haben sie fast nur aus der Grenzregion. Wegen der hohen Nachfrage während Corona wurden in den vergangenen beiden Jahren jedoch neue Unternehmen von Quereinsteigern gegründet oder Baufirmen haben ihren Geschäftsbereich erweitert. Diesen Trend habe es aber auch schon vor 2020 gegeben, sagt Joël Back: Die einen kommen, die anderen gehen. Pools verkaufen, ist nicht allzu kompliziert: Eine Ausbildung braucht man dafür nicht, nur eine Handelsermächtigung; die Becken aus Kunststoff, Edelstahl oder Beton werden im Katalog ausgesucht, im Ausland nach Maß angefertigt und geliefert; den Aushub und die Installation übernehmen – im Idealfall – Fachfirmen.

Samt Einbau kostet ein Pool in etwa so viel wie ein Luxuswagen. Inklusive Montage und Arbeitskosten müsse man bei ihm mit rund 100 000 Euro rechnen, sagt Back. Nach oben seien fast keine Grenzen gesetzt. Andere Anbieter haben schon Modelle für weniger als 50 000 Euro im Sortiment. Insgesamt seien die Pools im Laufe der Zeit kleiner geworden. Lagen die Standardmaße vor 15 Jahren noch bei zehn mal fünf Metern, würden inzwischen immer häufiger die Maße 3,50 bis vier mal acht Meter verkauft, bei einer Tiefe von 1,50 bis zwei Meter. 60 Prozent der Schwimmbäder baut Aquadeluxe im Innenbereich, lediglich 40 Prozent sind Outdoor-Pools.

Backwashing Um sie zu füllen, werden je nach Größe 40 000 bis 80 000 Liter Trinkwasser gebraucht. Mit dieser Menge kann ein Mensch ein ganzes Jahr lang zweimal täglich fünf Minuten duschen. Befüllt werden muss der Pool in der Regel nur einmal im Jahr. Mit der richtigen Abdeckung kann man das Wasser in Outdoor-Pools sogar im Herbst und Winter im Becken lassen. 200 bis 400 Liter pro Woche gehen durch Verdunstung und das sogenannte Backwashing verloren. Beim Backwashing werden Sand, Algen und Schmutzpartikel aus dem Filter herausgewaschen. Dieses Wasser kann anschließend für die Bewässerung des Gartens verwendet werden. Entsprechende Auffangbecken können optional mitbestellt werden. Für den Wasserverbrauch problematisch sind Lecks, die meist durch nicht fachgerechte Installation oder undichte Anschlüsse entstehen. Deren Abdichtung sei eine Aufgabe, mit der seine Firma häufig befasst werde, erzählt Joël Back.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Energieverbrauch durch Wärmepumpen oder die mit Gas oder Heizöl betriebenen Wärmetauscher. Kaum ein Schwimmbad kommt noch ohne sie aus. Insgesamt müsse mit Unterhaltskosten von 2 000 Euro pro Jahr gerechnet werden, schätzt Back, chemische Produkte wie Chlor und Heizkosten inklusive.

Gesetzlich geregelt ist das Anlegen von Privatschwimmbädern in Luxemburg nicht. Wenn der Pool in die Erde eingelassen wird, braucht es lediglich eine Baugenehmigung von der Gemeinde. Ab 200 Kubikmeter Füllvolumen muss das Becken an den Kanal angeschlossen werden, was aber auch schon bei kleineren Pools üblich ist. Manche Gemeinden haben die Höchstfläche begrenzt, wie Mondorf, wo nur noch Pools bis 28 Quadratmeter erlaubt sind. Im Reichenviertel Belair in der Stadt Luxemburg sei das Anlegen neuer Pools sogar verboten, berichtete Le Quotidien im Februar.

Keine Genehmigung wird für aufblasbare oder aufstellbare Becken aus dem Baumarkt benötigt. Die etwas teureren Aufstellpools sind schon für wenige hundert Euro zu haben. Samt Sandfilter- oder Kartuschenfilteranlage. Ihr Fassungsvermögen liegt in der Regel zwischen 3 000 und 8 000 Liter. Diese „demokratisierte“, massentaugliche Version der Luxuspools für handwerklich begabte Amateure bringt aber einige Probleme mit sich. Häufig seien sie undicht und nicht professionell angeschlossen, sagt Back. Vor einem Monat hatte das Wasserwirtschaftsamt wegen der anhaltenden Trockenheit die phase de vigilance beim Trinkwasserverbrauch ausgerufen. In dem Zusammenhang hatte die Behörde erklärt, dass an besonders warmen Tagen viele Bürger ihre Pools gleichzeitig befüllten, was in einigen Gemeinden zu einem erheblichen Anstieg des Trinkwasserverbrauchs geführt habe. Auch müsse das Wasser aus hygienischen Gründen regelmäßig gewechselt oder mit chemischen Produkten behandelt werden, warnte das Wasserwirtschaftsamt, und empfahl dem Volk, lieber ins öffentliche Freibad zu gehen. Dieser Ratschlag galt aber nur für die Besitzer günstiger Pools. Eigentümer teurer Luxuspools durften weiterhin in ihrem Garten planschen. Sie hatten ihr Becken schließlich bestenfalls schon im Frühjahr gefüllt, als Trinkwasser noch in großen Mengen verfügbar war.

Ähnlich verhält es sich mit der Empfehlung des Wasserwirtschaftsamts, in Zeiten von Trockenheit lieber zu duschen als zu baden, und dabei noch das Wasser abzustellen, während man sich einseift. Für das Befüllen einer Badewanne werden 150 bis 200 Liter Wasser gebraucht, für eine fünfminütige Dusche sind es lediglich 80 Liter. Von den 200 bis 400 Litern, die wöchentlich durch das Backwashing im Privatpool verloren gehen, steht in der Warnung des Wasserwirtschaftsamts nichts. Verbote kann die Behörde eh nicht aussprechen, das können nur die Gemeinden, wenn das Wasser wirklich knapp zu werden droht.

Luxussteuer Joël Back sieht durchaus ein, dass seine Kund/innen mehr Wasser verbrauchen als solche, die nicht über ein eigenes Schwimmbad verfügen. Sie könnten es sich eben leisten. Deshalb plädiert er für eine jährliche Steuer oder Gebühr für Poolbesitzer: „Meinetwegen 3 000 oder 5 000 Euro pro Jahr. Leute, die sich einen Pool für 100 000 Euro kaufen, können das bezahlen.“ Diese Einnahmen könnten Staat und Gemeinden dazu verwenden, um Projekte zur Verbesserung des Trinkwassers oder im Bereich des Klimaschutzes zu finanzieren, so seine Idee.

Eine solche Luxus-Wassersteuer sei von der Regierung zurzeit nicht geplant, bestätigt Luc Zwank, stellvertretender Direktor des Wasserwirtschaftsamts, gegenüber dem Land. Auch andere Regelungen und Beschränkungen im Bereich von Privatpools seien nicht vorgesehen. Als umweltverträglichere Alternative zu herkömmlichen Pools führt Zwank die sogenannten Naturpools an. Sie sind zwar platzaufwändiger, doch kann auf den Einsatz von Chemikalien weitgehend verzichtet werden. Neben einem Schwimmbereich verfügen sie noch über einen angegliederten Naturteich, wo Pflanzen und andere Organismen das Wasser auf natürliche Art und Weise reinigen.

Für reiche umweltbewusste Familien mit einem Hang zu Statussymbolen dürften Naturpools sicherlich eine sinnvolle Anschaffung darstellen. Schließlich dienen Privatpools nicht nur der Abkühlung und dem Vergnügen an heißen Sommertagen. Sie dienen auch der Schaffung von Mehrwert auf dem Wohnungsmarkt: „Pour le plaisir de la baignade, bien sûr, mais aussi parce que c’est un investissement très profitable pour la valeur de votre maison“, empfiehlt die BIL ihren Kunden auf ihrer Webseite. In den Immobilienanzeigen kosten Häuser mit eigenem Pool selten weniger als zwei Millionen Euro; in guter Lage und je nach Größe des Hauses und des Grundstücks liegen die Preise eher bei vier bis sieben Millionen Euro. Bei Neubauten in diesen Preisklassen rate der Architekt den Eigentümern häufig, den Pool gleich mit einzuplanen, sagt Joël Back: „Bei Häusern ab drei Millionen Euro kommt es auf die 150 000 Euro für ein Schwimmbecken auch nicht mehr an.“

Luc Laboulle
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