Neue Medien und Bildung

Schule 2.0

d'Lëtzebuerger Land du 07.12.2006

Sie werden Zap-Kinder, digital kids oder Web-Generation genannt. Sie, das sind die Kinder und Jugendlichen von heute, zu deren Lebenswelt Internet, SMS, Mp3 und Skype wie selbstverständlich dazu gehören. Statt gemütlich einen Film zu gucken, wird zwischen diversen Fernsehprogrammen hin und her gezappt oder werden mit der Spielkonsole virtuelle Tore geschossen. Die Verabredung mit dem Freund geschieht sekundenschnell per Daumenklick oder im Chat, neben den Matheaufgaben läuft aus dem Netz geladene Musik und auf der Fahrt in die Schule oder zum Verein ist das Handy der wichtigste Pausenfüller.

Für den Niederländer Wim Veen heißen die Jugendlichen schlicht „Homo zappiens“, eine ironische Anspielung auf den „Homo sapiens“, den wissenden Menschen – und zugleich eine bewusste Abkehr. Denn für den Medienwissenschaftler von der Universität Delft, der Luxemburg im Oktober einen Besuch abstattete, ist die Jugend heutzutage mit einem Wust an Informationen aus einer Vielzahl von Medien konfrontiert, die er zunehmend parallel benutzt. Wissen, so stellte Veen in seinem Vortrag fest, werde nicht länger linear angeeignet, sondern explorativ: Aus einer Vielzahl an Informationen sucht sich der Jugendliche das Passende heraus.

„Man braucht nicht mehr alles zu wissen. Praktisches Wissen ist gefragt, zu wissen, wie man an das Faktenwissen herankommt“, bestätigt der Berliner Medienpädagoge Thomas Seidel im Gespräch mit dem Radiosender 100,7 den Befund. Dass statt reinem Faktenwissen Lernstrategien an Bedeutung gewinnen, ist nicht neu. Ebenfalls seit etwa Mitte der Neunziger predigen Bildungswissenschaftler die Medienkompetenz und die Nutzung von Informationstechnologien (IT) als „grundlegende westliche Kulturtechnik“, neben Lesen, Schreiben und Rechnen. Wer nicht weiß, wie man einen Computer bedient, wer die Maus nicht kennt und keine Mails schreiben kann, riskiert, auf dem umkämpften Arbeitsmarkt das Nachsehen zu haben. Fast alle in Luxemburg ansässigen Unternehmen verfügen über einen Internetzugang (97,5 Prozent), wenn auch nicht über eine eigene Homepage (64 Prozent), das hat eine Studie des Statec vom Januar ergeben. Bei den Privathaushalten wächst die Bedeutung von Email und Internet ebenfalls: Drei von vier Haushalte, 117 000, haben inzwischen einen PC, 65 Prozent benutzen das Internet. Damit liegt Luxemburg EU-weit auf einem beachtenswerten dritten Platz hinter Schweden und den Niederlanden.

Auch in den Schulen haben die neuen Medien Einzug gehalten. Fast alle luxemburgischen Schulen sind am Netz, nur bei den Primärschulen gibt es noch Lücken. Allerdings: Die Zahlen allein sagen nicht viel aus. „Es reicht nicht, einen Computer in den Klassensaal zu stellen. Der Lehrer muss ihn auch einsetzen“, betont Alain Hoffmann vom Centre de technologie de l’éducation. Und genau dort liegt das Problem. Bisher fällt der Einsatz neuer Technologien je nach Schule, Klasse und Lehrer sehr unterschiedlich aus. In einigen Gebäuden, etwa in der Hollericher Primärschule oder in den Teamteaching-Klassen in Bridel, am Lycée Aline Mayrisch oder im Athenäum wird bereits seit einigen Jahren mit dem Computer gearbeitet, engagierten Lehrerinnen und Lehrer sei Dank. In den meisten luxemburgischen Schulen aber spielen Computer und Maus im Unterricht kaum bis gar keine Rolle. Oder wenn, dann oft nur als bessere Schreibmaschine. Statt etwa mit Trainings- und Testprogrammen auf CD-Rom und Internet Französisch oder Deutsch zu lernen, überwiegen weiterhin Vokabelheft und Lexikon.

Selbst dort, wo Beamer und Computer inzwischen zur Grundausstattung gehören, wie in den Primärschulen der Stadt Luxemburg, nutzen längst nicht alle Lehrer die gebotenen Möglichkeiten. Als vor zwei Jahren eine erste Evaluation des Laptop-Projekts des Lycée Aline Mayrisch gemacht wurde (eine zweite ist derzeit in Arbeit), stellten die Berliner Forscher fest, dass die Laptops „offensichtlich nur zu einem Drittel der gesamten Unterrichtszeit pädagogisch sinnvoll eingesetzt wurden“. Die Daten bezogen sich auf Schätzungen der Lehrer; die Schüler, die sich mehrheitlich für IT im Unterricht begeistern, schätzten die Quote deutlich niedriger ein. Die viel und oft polemisch diskutierte Frage, ob jeder Schüler einen eigenen Laptop besitzen sollte, erweist sich als eher nachrangig: Was nutzt ein Computer, wenn er überwiegend für das simple Tippen von Aufsätzen oder aber im Fach Informatik eingesetzt wird? Von „transversaler Kompetenz“ und „mehr Unterrichtsqualität durch neue Lehrmethoden“, viel beschworene Modewörter im Zusammenhang mit IT, kann keine Rede sein.

„Viele Lehrer wissen gar nicht, was sie alles mit dem Computer machen können“, erklärt Gaston Nilles vom städtischen IT-Dienst Technolink (www.technolink.lu) eine Erklärung. Für ihn steht fest: Differenzierung, Projektunterricht und Teamarbeit sind mit dem PC-Einsatz in der Klasse leichter möglich, aber nur für denjenigen, der die Medien auch gut beherrscht. Einen Automatismus zwischen PC-Einsatz und Lernerfolg gibt es aber nicht. Nilles ist IT-Pionier. Ihm ist es zu verdanken, dass sämtliche Primärschulen der Hauptstadt über neue Medien verfügen, das heißt 1 800 Apple-Computer für rund 5 200 Kinder, sowie über einen technischen Hilfsdienst, der bei Problemen sofort einspringt. Darüber hinaus, und das ist in der Form in Luxemburg bisher einmalig, steht den hauptstädtischen Grundschullehrern ein breit gefächertes Angebot pädagogisch-didaktischer Materialien für den Unterricht zur Verfügung – jederzeit per Mausklick abrufbar, nach Eingabe von Username und Passwort natürlich.

Da können Matheaufgaben geladen und dem individuellen Bedarf angepasst werden. Es gibt ein digitales Klassenbuch, in das Hausaufgaben eingetragen werden können, die  explorativauch die Eltern einsehen können. Vokabeltests und Sprachübungen erfolgen am Bildschirm, wobei der Lehrer auf seinem Computer nachvollziehen kann, wer wo welche Schwierigkeiten hat. Mit Hilfe des genial einfachen „Minibooks“ arbeiten Kinder themenorientiert, lernen Sprache und trainieren zugleich quasi nebenbei grundlegende Medienkompetenzen wie das Benutzen diverser Tools und das Laden von Bildern. Der Computer als Lernwerkzeug wie Stift und Papier.

Ein ähnliches Angebot bietet die Bettemburger Firma EducDesign S.A. (www.educdesign.lu), deren Begründer Frank Trierweiler, wie Nilles, ebenfalls ein ehemaliger Lehrer ist. Seine Primärschule in der Gemeinde Roeser war eine der ersten in Luxemburg, die mit einer eigenen Homepage den Weg in das World Wide Web fand. Heute hilft EducDesign Schulen im ganzen Land beim Entwickeln und Gestalten des eigenen Internetauftritts, schult Lehrer in der unterrichtsbezogenen Anwendung und Nutzung der neuen Medien, bietet maßgeschneiderte pädagogische Materialien für den PC und, wie Technolink, eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung.

Die ist unheimlich wichtig: Einige Male im Programmlabyrinth versackt, an technischen Problemen vor der amüsierten Klasse gescheitert, und die anfängliche Offenheit für IT kann leicht ins Gegenteil umschlagen. Fehlendes Wissen, Unsicherheit in der Anwendung und die Angst vor einer Blamage werden von Lehrern häufig als Gründe gegen IT im Schulunterricht genannt. Nicht ganz zu Unrecht, denn wer PC und Beamer pädagogisch sinnvoll einsetzen will, muss sich auf eine radikal andere Lehrerrolle einstellen.

„Der Lehrer wird zum Coach, der Schüler zum mündigen Partner“, beschreibt Frank Trierweiler den Rollenwechsel. Er passiere fast zwangsläufig, da viele Jugendlichen ohnehin weit besser als ihre Lehrer über die neuen Technologien Bescheid wissen. Der so genannte digital gap verläuft nicht nur zwischen Männer und Frauen, Armen und Reichen, sondern ganz besonders auch zwischen Jung und Alt. Weil es keine verpflichtende Fortbildung gibt, geschieht das Umlernen nur langsam, meist im Kontext von Schulprojekten. Das Script bietet Weiterbildungen an (www.script.lu), die immer öfter in den anfragenden Schulen selbst stattfinden. „So kann ich am besten auf die Bedürfnisse der Lehrer eingehen“, sagt Alain Hoffmann, zuständig unter anderem für Training und E-Bac bei My School (www.myschool.lu). Das vor drei Jahren ins Leben gerufene Informationsportal, das sich an Lehrer, Schüler und Eltern richtet, bietet Dienstleistungen rund um das Thema Schule: vom virtuellen Abitur bis zum multilingualen Testprogramm. Inzwischen zählt die Site rund 13.000 Besucher wöchentlich, ein Erfolg, findet Hoffmann. Etwas langsamer wächst das Interesse an elektronischen Angeboten wie der E-Rémédiation, bei der Lehrer und Schüler via Internet und Skype kommunizieren, und der Fernschule E-Bac.

Eine andere Möglichkeit für Lehrer und Schüler, das Internet kennen zu lernen, bietet www.etwinning.lu. Dort können luxemburgische Schulen virtuelle Partnerschaften mit anderen Schulen in Europa eingehen, gemeinsame Projekte organisieren. Sie erhalten im Gegenzug dafür ein Qualitätslabel. Eine prima Sache, an der sich bereits 31 Schulen beteiligen, allerdings krankt das zentral verwaltete System, woran so vieles aus Brüssel krankt: Obwohl das Motto Kiss lautet (Keep it small and simple), beklagen Teilnehmer den „großen Aufwand“ und die „Schwerfälligkeit“ des Angebots. Der Server ist häufig überlastet, der Vorführeffekt scheitert an technischen Problemen. Die Qualität der Beiträge lässt zudem teilweise zu wünschen übrig.

Am wichtigsten für die weitere Verbreitung von IT an den Schulen bleibt aber die Politik. Sie muss den inhaltlichen Rahmen stecken, Möglichkeiten für die Umsetzung schaffen – und die nötige Überzeugungsarbeit leisten. Bis auf das Laptop-Projekt im Aline Mayrisch hat sich die Unterrichtsministerin zum Thema IT im Unterricht bisher eher verhalten geäußert; die pädagogische Freiheit des Lehrers wurde offenbar bislang höher geschätzt als das auf EU-Ebene im Rahmen der Lissabon-Deklaration beschlossene Ziel, die heranwachsenden Generationen auf die Herausforderungen der „Wissensgesellschaft“ adäquat vorzubereiten. „Wir haben die Dinge vorangetrieben, oft mit wenig bis keiner politischen Unterstützung“, erzählt ein Insider. Immerhin: Im geplanten Primärschulgesetz wird die Medienkompetenz erstmalig als Lehrziel ferstgeschrieben.

Auch die Differenzierung, Projektunterricht und die Teamarbeit werden sind vorgesehen. Bisher hat das Unterrichtsministerium es aber versäumt, eine konkrete Vision zu formulieren, wie diese Elemente in einer pädagogischen Praxis zusammengeführt werden könnten. Wenn schon über Kompetenzen und neue Evaluationsverfahren geredet wird, warum nicht auch die digitale Kompetenz im Zeugnis vorsehen? Das würde den Druck auf die Schulen erhöhen, sich um die digitale Ausbildung ihrer Schützlinge zu kümmern. Allerdings: Das kostet und derzeit ist die LSAP/CSV-Regierung bemüht, die Kosten im Bildungsbereich eher zu senken als zu erhöhen. Außerdem setzt der Einsatz von IT entschlackte respektive entsprechend neu formulierte Programme voraus. Dass dies die Unterstützung sowohl der Ministerin als auch der Programmkommissionen findet, ist zum gegebenen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich.

„Wir stehen erst am Anfang“, meint Gaston Nilles. Bis IT flächendeckend im Unterricht eingesetzt wird, so schätzt der Technolink-Begründer, werde noch mehr als ein Jahrzehnt vergehen. Er wird nicht mehr dabei sein: Im Mai geht Nilles in den verdienten Ruhestand. 

Ines Kurschat
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