Um den lamentablen Stillstand zu beenden, müsste die Politik in womöglich schmerzhafte Auseinandersetzung mit Arcelor-Mittal gehen

Die Liebe zur Dommeldinger Schmelz

Dommeldinger Dornröschen- schlaf
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 08.10.2021

Vorab eine Erinnerung: 1989 hatte ein zukünftiger Arbeitskollege den Neuankömmling und dessen Frau einen halben Tag durch die Stadt geführt. Als sie auf dem Bockfelsen standen, sagte dieser von seinem Wesen her sachliche Kollege, der in der Stadt geboren wurde und dort noch heute lebt: „Ich liebe diese Stadt!“ Ich habe diesen Satz und die Szene mit Blick auf die Abbaye Neumünster nie vergessen.

Was heißt eine Stadt (ein Land) lieben? Woran zeigt sich die Liebe und wie sieht eine Stadt aus, die geliebt wird? Sieht man ihr das an? Wie in der Liebe zu Menschen hat es wohl damit zu tun, was ihre Leitung und ihre Bewohner für diese Stadt tun. Im Tun zeigt sich die wahre Liebe. Auf dem Plakat bei den letzten Gemeinderatswahlen wirbt die Bürgermeisterin Lydie Polfer mit den Worten: „Mat Häerz a Séil fir ons Stad“. So drückt sie ihre Liebe zur Stadt aus.

In unserer und in anderen Kulturen hat Lieben immer auch damit zu tun, wie wir mit dem Schwachen und dem Verletzten umgehen. Das Verletzte ist ein Spiegel sowohl für unsere eigene Verletzlichkeit als auch für unsere Humanität. Weiterhin hat Liebe auch mit Schönheit zu tun, mit dem Wunsch, Schönes zu gestalten und um sich zu haben. Die Schönheit einer Stadt gehört allen, kann doch ihre Schönheit nicht in Besitz genommen werden. Ist unsere Stadt nun schöner geworden in ihren großen Erweiterungen und Umgestaltungen? Nicht zuletzt schafft Liebe wesentlich ein soziales Miteinander. Was macht, über ein zuständiges Amt hinaus, eine Stadt sozial? Lädt diese Stadt ein zu Inklusion und Geselligkeit? Durchmischt sie Junge und Alte, Zugezogene und Eingesessene, Arme und Reiche?

Wie ein verlassener Ort im Dornröschenschlaf liegt die 1865 gegründete Wiege der modernen Luxemburger Industrie – die Dommeldinger Schmelz – zwischen Bahngleisen und der Rue de Beggen. Über den angrenzenden Fluss, die Alzette, führt eine kleine Fußgängerbrücke auf das verwunschene Gelände, auf dem einige kleine Betriebe Mieter sind. Von 1909 bis 1928 hatte die Dommeldinger Schmelz die Stadt mit Strom versorgt. Heute fühlt sich der Besucher dieses Ortes in vergangene Zeiten versetzt. Wenn wir sagen, Zeit hinterlässt ihre Spuren, dann gehen wir auf der Dommeldinger Schmelz über ein verletztes und mit vielen Schadstoffen belastetes Terrain.

Über die Ausmaße der Bodengifte in der Dommeldinger Schmelz gibt es Spekulationen und – so ist zu hören – nicht veröffentlichte Probebohrungen. Wer ist für Entsorgung und Sanierung verantwortlich? Normalerweise ist es der Eigentümer Arcelor-Mittal Real Estate, eine Immobilienfirma, für die das Areal wohl nur mehr ein lukratives Verkaufsobjekt bedeutet. Um den für den historischen Ort unwürdigen und die Stadtentwicklung lamentablen Stillstand zu beenden, müssten die auf Landes- und Stadtebene regierenden vier Parteien in forcierte und womöglich schmerzhafte Auseinandersetzung mit dem Eigentümer gehen. Oder sie lassen sich weiterhin vor aller Augen von einem Konzern entmachten und riskieren so ihre Glaubwürdigkeit als Vertreter des Volkes. Liebe zur Stadt hat also auch – und das ist ein weiterer zentraler Aspekt von Liebe – mit Schmerzen zu tun. Schmerzen, mit denen man zu rechnen hat, wenn man um etwas kämpft. Ein Gesetzesprojekt zur Entgiftung verseuchter Böden, welches Fakten schaffen würde, gibt es noch nicht. Es liegt immer noch auf dem Weg der Instanzen, wohl auch in einer Art Dornröschenschlaf.

Der Boden hat in Luxemburg keine Rechte, alle Bodenrechte liegen bei ihren Besitzern. Und da Eigentum in Luxemburg bisher zu nichts verpflichtet, bleiben Böden auch vergiftet Spekulationsobjekte. Und viele Häuser in der Stadt sind absichtlich gewinnbringendem Verfall preisgegeben. Der wachsende Konflikt zwischen Eigenem und Gemeinsamen führt über Dommeldingen hinaus zu Fragen: Wie wollen wir angesichts ökologischer und gesellschaftlicher Herausforderungen in unserem Land leben? Sind wir bereit, unsere Lebensweisen zu ändern? Was wird noch eigen sein am Eigentum, das uns durch selbstgemachte Stürme gerade auseinander genommen wird? Was bedeuten im Kontext dieser Ereignisse Begriffe wie eben Eigentum, Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit, Würde, Verantwortung? Auf lange fiskalisch-juristische Lösungswege fokussiert, scheuen die Regierenden die (Selbst)Konfrontation mit den Privilegien, die sie selber als Bürger genießen.

Aus 30 aktuellen oder geplanten Baugebieten in der Hauptstadt hatte die Asbl „Eis Stad“ Ende 2020 die Dommeldinger Schmelz als einen besonders interessanten und vielschichtigen Ort ausgewählt, um in einem Workshop modellhaft eine Form frühzeitiger und ernsthafter Bürgerbeteiligung zu praktizieren, die in der Stadt bisher fehlt. Corona bedingt wurde aus dem Workshop eine Online-Umfrage, an der 179 Personen teilnahmen. In den über 800 individuellen Antworten werden neben bezahlbaren und nachhaltigen Wohnformen zentral die Entgiftung des Terrains und der städtebauliche Erhalt dieses für das kulturelle Gedächtnis der Stadt wichtigen Ortes genannt. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen ein vielschichtiges Bild von dem, was aus der Dommeldinger Schmelz einmal werden könnte, wenn man die Ideen und Wünsche der Bürgerinnen und Bürger ernsthaft berücksichtigt. (Eine Auswertung sowie Dokumentation der Originalbeiträge sind auf eisstad.lu veröffentlicht.)

Unter dem Motto „Luxembourg in Transition“ hat Claude Turmes, Minister für Raumplanung, ein ambitioniertes Projekt zur künftigen Gestaltung Luxemburgs bis 2050 ins Leben gerufen, an dem internationale Fachleute mit ihrer Expertise gefragt sind: „Cette consultation internationale s’adresse aux professionnels mais également aux universités, écoles supér-
ieures techniques et organismes de recherche ayant une expertise dans les domaines de l’aménagement du territoire, de l’urbanisme, du paysage et de l’architecture, soutenus par les disciplines de l’environnement ainsi que les sciences humaines et sociales“ (www.luxembourgintransition.lu). Dabei sieht der Minister vor allem drei zu bewältigende Aufgaben: zum einen die ökologische Krise mit ihren Klimafragen, dann ist da der Umgang mit der Covid-Pandemie und ihren Fragen der Digitalisierung und der Produktion vor Ort, die den ländlichen Raum verändern werden. Drittens nennt er die Aufgabe der sozialen Integration der vielen Menschen, die in Luxemburg arbeiten und leben. Im Hintergrund der Ansprache von Herrn Turmes sehen wir das Land in einem schönen Werbefilm: Pei-Museum, Uni-Belval, die Tram, die Mosellandschaft.

Fern jeder Absicht, Bürgerbeteiligung von unten gegen Fachexpertise von oben auszuspielen, sei an dieser Stelle – kostenfrei – dem Minister eine praktische Umsetzung seiner „Luxembourg in Transition“ Idee nahegebracht. Zuerst drehen wir seinen Hintergrundfilm weiter bis zur Dommeldinger Schmelz. Dort Punktlandung der Drohne: Wahrnehmung der verletzten Erde in Dommeldingen, Feststellung des Grades und der Arten der Vergiftungen, Verpflichtung der Sanierung durch den Eigentümer mit Hilfe eines Sanierungsgesetzes, schlussendlich städtebauliche Innovationen, welche den menschlichen Zusammenhalt lebendig und nachhaltig fördern. Somit würde das Transitions-Projekt mit den Füßen auf der Erde landen.

Der französische Philosoph und Soziologe Bruno Latour spricht vom „Terrestrischen“, einem Begriff, mit dem er die politische Landschaft neu vermisst und die Erde selber als Teilnehmerin am (ökologischen) Geschehen benennt. Die Erde, der Boden, das Klima – die gesamte „Terra“ – spricht zu uns in ihren Ausbeutungen, Verletzungen und in ihren Bedürfnissen nach Pflege und Schutz, die es ihr und ihren Bewohnern erlaubt, auch in Zukunft miteinander zu leben: „Hier geht es nicht mehr um kleine klimatische Schwankungen, sondern um eine das gesamte Erdsystem tangierenden Erschütterung... Das Terrestrische hängt zwar an Erde und Boden, ist aber auch welthaft in dem Sinne, dass es sich mit keiner Grenze deckt und über alle Identitäten hinausweist“ (Das terrestrische Manifest, Berlin, 2018). Bruno Latour spricht dabei nicht von Krisen, sondern von Mutationen.

Ohne den Blick für das Ganze zu verlieren, könnte „Luxembourg in Transition“ sich inspirieren lassen von den in Dommeldingen schon existierenden Start-Ups, der Kultur-
einrichtung „Bamhaus“ und anderen Initiativen vor Ort. Es könnte ein erkenntnisreicher Schwenk sein, hin zu einer stadtgeschichtlich bedeutsamen Stelle, die uns alle angeht. Die Dommeldinger Schmelz könnte der Knoten im Taschentuch des Ministers Turmes sein, wie es Georg Büchner 1836 seinem Stück Leonce und Lena ausdrückt:

König Peter: „Ha, was bedeutet der Knopf im Schnupftuch? An was wollte ich mich erinnern?“

Erster Kammerdiener: „Sich an etwas erinnern.“

König Peter: „Eine verwickelte Antwort! – Ei! Nun, und was meint Er?“

Zweiter Kammerdiener: „Eure Majestät wollten sich an etwas erinnern, als Sie diesen Knopf in Ihr Schnupftuch zu knüpfen geruhten.“

König Peter: „Was? Was? … Ja, das ist’s, das ist’s: Ich wollte mich an mein Volk erinnern.“

Winfried Heidrich ist Theologe und Präsident von „Eis Stad“ Asbl

Winfried Heidrich
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