Wundertüte

d'Lëtzebuerger Land vom 08.10.2021

Denis, ein arbeitsloser und unglücklicher, verlotterter Mann in den Vierzigern, muss auf die harte Tour feststellen, dass der Glaube an den Weihnachtsmann kein Kinderspiel ist, heißt es in der Ankündigung des Kurzfilms Endstatioun (2020-2021) auf Französisch. Das christliche Fest der Liebe steht vor der Tür. Verheißungsvoll locken bunte Kugeln an Tannenbäumen und im Off läuft Jingle Bells ...

In einer Tiefgarage läuft ein krummer Deal. Es ist viel Geld im Spiel, die weiße, egopushende, kolumbianische Droge der High Society wechselt in einer Einkaufstüte den Besitzer. Denis (Pitt Simon) ist am Ende seiner Träume angelangt und lässt sich auf den Deal ein.

In einem Spielwarenladen bekommt das Mädchen Louise (Lilia Baume) ihr heißersehntes Weihnachtsgeschenk und macht vor Vorfreude Luftsprünge. Die Kundschaft ist ähnlich blasiert wie in Luxemburgs Oberstadt (Annette Schlechter herrlich als naserümpfende ältere Dame).

Eine Fotokabine in einer schmuddeligen Unterführung fängt Schnappschüsse ein. Dorthin verirrt sich Louise und dorthin flüchtet auch Denis, denn mit den ZollbeamtInnen ist nicht zu spaßen. Deren Spürhunde erschnüffeln Drogen schon von Weitem.

Kunstvoll spinnt Endstatioun ein überraschendes Szenario. In dem nur 15-minütigen Kurzfilm, einer Carte Blanche des Film Fund, der ursprünglich von Pol Cruchten produziert werden sollte und nun von Tessy Fritz (Canopée asbl) vollendet wurde, ist alles aufeinander abgestimmt, so auch das Casting: Pitt Simon spielt exzellent den desillusionierten Obdachlosen, der sich durchs Leben mausert. Die SchauspielerInnen überzeugen aber auch in den Nebenrollen: So gibt Sascha Ley gleichermaßen kühl wie charmant eine Zollbeamtin, Pascale Noé Adam zurückhaltend wie leicht devot eine frankophone Verkäuferin, die sich von bürgerlichen Luxemburgerinnen rüffeln lässt... Nicht zuletzt die Drehorte (der Spieleladen „Chez Joujoux“ in Ettelbrück, die Unterführung der Gare SNCF beim Lycée Technique Ettelbrück, die Busroute Thionville-Luxembourg; das Café de la Gare & Salon Colombien im Pfaffental sowie das Parkhaus im Auchan Kirchberg) fangen die vielschichtige und von ihrem sozialen Gefälle geprägte Luxemburger Realität ein – ohne in Klischees zu verfallen. Der unverhoffte Ausgang der Geschichte bringt die ZuschauerInnen nicht nur dazu sich die Augen zu reiben, sondern treibt einem ähnlich wie einst Schwarzfahrer von Pepe Danquart (1992) die Lachtränen in die Augen.

Endstatioun; Produktion: Canopée Produktion asbl, 2020-2021, mit Unterstützung des Film Fund Luxembourg. Mit u.a.: Pitt Simon, Lilia Baume, Pablo Andrès, Joël Delsaut, Annette Schlechter, Eugénie Anselin, Sacha Ley

Anina Valle Thiele
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