Ein Hörbuch der luxemburgischen Autorin Marie-Henriette Steil

Harmlose Geschichten

d'Lëtzebuerger Land vom 08.10.2021

Über das Leben der Autorin Marie-Henriette Steil, die 1930 im Alter von nur 32 Jahren an einem Blutsturz starb, ist wenig bekannt. Geblieben ist nur eine einzige Fotografie, die sie mit ihrem Dackel, einer modischen Kurzhaarfrisur und einem Panama-Hut zeigt. Ein weites weißes Kleid, freie Arme. Sie trat modern auf, verkörperte weibliche Modetrends und blieb unverheiratet – und das in den 1920-er Jahren, eine Wendezeit, auch in Luxemburg, auf die wir als Goldenes Zeitalter zurückblicken. 1919 wurde in Luxemburg zum Beispiel das Wahlrecht für Frauen eingeführt, und so steht Marie-Henriette Steil für eine junge Generation, die ihre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpfte und verteidigte. Die Autorin schrieb für deutsche Zeitungen sowie die Luxemburger Zeitung, Les Cahiers luxembourgeois, Jonghémecht, Junge Welt und das Tageblatt.

Jetzt hat der Centre national de littérature ihr längst vergriffenes Buch Tier und Mensch – harmlose Geschichten als Hörbuch herausgegeben. Das Buch erschien erstmals 1926 beim damals renommierten Xenion-Verlag in Leipzig, mit Illustrationen von Gust (Auguste) Trémont, grob geschnittenen Lithografien, die Tiere zeigen. Heute, fast 100 Jahre später, liegt eine Hörfassung von Steve Karier vor. Schon zuvor hatte der Schauspieler, Regisseur und Sprecher Steve Karier wichtige Werke der luxemburgischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts vertont, Michel Rodanges Renert oder Schacko Klak von Roger Manderscheid. Der Rückgriff zu den Harmlosen Geschichten macht also nicht nur das Werk der Autorin überhaupt wieder zugänglich, sondern etabliert Marie-Henriette Steil auch als bedeutende Figur der Literaturgeschichte Luxemburgs im frühen 20. Jahrhundert.

In den Kurzgeschichten werden Menschen, Tiere und Pflanzen untersucht: In kleinen Szenen wird das Innenleben der Figuren vor einer großen Herausforderung geschildert, etwas passiert oder wird unternommen, woraus schlussendlich eine Moral der jeweiligen Geschichte hervorgeht: zumeist süffisante, knappe Beobachtungen über das menschliche Miteinander, schnippische Kommentare, humorvolle Betrachtungen oder Denkanstöße. Tiere treten wie Menschen auf, ein Seepferdchen wird zu einem emanzipatorischen Einzelkämpfer und hinterfragt die Sphären der Geschlechter, es geht um Liebe und Eifersucht in einem Zirkus, um die Bedeutung von Freiheit für ein Äffchen, das in einem Käfig sitzt, und um Zusammenhalt.

Dabei merkt man der Sprache an, dass sie schon etwas älter ist, und doch passt der Tonfall zu der Märchenform und den Tierfabeln, der schmunzelnd-belehrenden Stimme dieser Geschichte und dem Ton des Erzählers. Es ist ein angenehmes, mit ruhiger Stimme erzähltes Hörbuch mit zahlreichen, recht kurzen Geschichtchen, die man zwischendurch oder hintereinander hören kann – und gleichzeitig eine Gelegenheit, eine Zeit und ihre Autorin kennenzulernen, in verwunschene Allegorien und Orte einzutauchen, vom Zirkus bis in eine Wunderland-artige Welt, und die Menschen durch die Augen der Tiere zu betrachten.

Marie-Henriette Steil: Tier und Mensch. Harmlose Geschichten. Gelesen von Steve Karier. MP3-CD und Download. CNL (2021). 20,00 Euro

Claire Schmartz
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