Schulbauten

Besser heute als morgen

d'Lëtzebuerger Land vom 14.09.2006

Mit weißem Bauhelm und gut gelaunt präsentierte sich Bautenminister Claude Wiseler, als er Anfang der Woche mit der Presse das neue Lycée technique Mathias-Adam in Petingen besuchte. Die Baustelle des riesigen, für 1 500 bis 1 800 Schüler konzipierten Schulkomplexes bildete den Auftakt eines kleinen Besichtigungsreigen: Am Donnerstag folgte die Schul-Baustelle in Wiltz, die in Mersch steht noch aus. Der Neubau in Petingen ist mit seinen knapp 107 Millionen Euro hohen Kosten allerdings das teuerste Projekt in der Reihe.

Was in Petingen Politikergesichter vor Zufriedenheit strahlen lässt, war seinerzeit sehr umstritten. Das Mathias-Adam-Lyzeum wird zwischen der Bahntrasse und der Süd-Collectrice mitten im PED-Industriegebiet (Pôle européen de développement) gebaut. Aus Sorge vor Umweltschäden und Lärmbelästigungen liefen Eltern, Lehrer und Schüler vor Jahren Sturm gegen den Bau. Vergeblich. Inzwischen ist der Protest verklungen, Ruhe ist ins Schulbaudossier trotzdem nicht eingekehrt. Die Schülerzahlen wachsen weiter, in diesem Jahr sind es allein im Postprimär rund 1 260, die zusätzlich untergebracht werden müssen - in bestehenden Schulstrukturen und provisorischen Containern.

Da passt es, dass die Demokratische Partei erst kürzlich wieder den Bau eines "Nordstad-Lyzeums" forderte, in einer Pressemitteilung kritisierten die Liberalen zudem vermeintliche Widersprüche bei der Schulinfrastrukturplanung. Anlass war ein Brief der Unterrichtsministerin an zwei Lehrer aus Weiswampach vom 22. März dieses Jahres, in dem Mady Delvaux-Stehres (LSAP) angeblich das Projekt einer Sekundarschule im Norden des Landes auf Eis legt. Die Absage passe nicht anders lautenden Beteuerungen, empörte sich die DP. Im Juli vergangenen Jahres hatte Paul Seiwerath, im Unterrichtsministerium zuständig für den Lyzeums-Sektorplan, im Luxemburger Wort das "baldige" Kommen eines Lyzeums im Clerfer Kanton angekündigt. Ganz anders der Brief der Ministerin: "Il n'nest pas prévu pour le moment de construire un tel lycée", heißt es darin kurz und knapp.

Was wie ein Gegensatz scheint, ist es aber nicht - und das hätten die Liberalen, die vor wenigen Jahren selbst das Bildungsressort innehatten, auch wissen können. Denn der Sektorplan, dessen Entwurf noch unter der damaligen Unterrichtsministerin Anne Brasseur erstellt wurde, sieht ausdrücklich zwei Bauphasen vor: eine erste für neue Schulstandorte in den "Polen" Osten (Junglinster), Norden (Redingen) und Süden (Esch-Belval), um die allergrößte Raumnot zu lindern; und eine zweite, in der zusätzlich zu einem weiteren Lyzeum im Zentrum noch je eines im Norden und Süden entstehen soll. "An dem Plan halten wir nach wie vor fest", betont Raymond Straus von der Bauabteilung des Unterrichtsministeriums.

In Redingen steht der Rohbau, mit dem Unterricht soll im Jahr 2008 begonnen werden. Derzeit arbeiten Direktor Claude Boever und sein 17-köpfiges Lehrerteam mit Schulexperten von der Universität Nottingham daran, das pädagogische Konzept der Schule auszuarbeiten. Als Ausbildungsschwerpunkte sind in Redingen eigentlich Handel und Wirtschaftslehre vorgesehen. Weil aber die Arbeitsmarktsituation in diesem Bereich momentan nicht so rosig aussieht, sind darüber hinaus auch Umwelttechnologien als Ausbildungsangebot im Gespräch.

Für das Lyzeum in Esch-Belval hat der Regierungsrat das Avant-projet de loi in seiner letzten Sitzung vor den Ferien gut geheißen; auf den Arbed-Industriebrachen im Süden soll neben dem unteren Zyklus auch der mittlere und obere Zyklus des technischen Sekundarunterrichts untergebracht werden. Das Avant-projet de loi für das Lyzeum in Junglinster ist ebenfalls kurz vor seiner Fertigstellung, Ausbildungsschwerpunkte sollen dort insbesondere die Elektronik und Informatik sein. Wenn alles nach Plan verläuft, wird die Schule in Junglinster ebenso wie jene in Esch-Belval bis zum Jahr 2010 bezugsfertig sein.

Doch für den steigenden Bedarf reicht das nicht, so dass im Unterrichtsministerium bereits an der zweiten Bauphase überlegt wird. So groß ist die Raumnot, dass Ministerin Mady Delvaux-Stehres nicht umhin kam, diese auf ihrer diesjährigen Pressekonferenz zum Schulanfang zu thematisieren. Rasche Hilfe ist nicht in Sicht; das Lyzeum in Dommeldingen wird erst im nächsten Jahr fertig, außerdem soll es hauptsächlich Schüler aus den aus allen Nähten platzenden Nebengebäuden des Lycée technique du centre (LTC) aufnehmen. Auch das technische Lyzeum in Wiltz, neben Ettelbrück, Lallingen und dem LTC am stärksten vom Platzmangel betroffen, wird ausgebaut. Die erweiterten Infrastrukturen sind ebenfalls dafür gedacht, Entlastung für die voll gepfropften Klassenzimmer zu schaffen. Neuen Schülergenerationen im Norden ist damit nicht geholfen - genau das soll der Bau einer weiteren Schule in Clerf ändern. "Wir arbeiten intensiv an den Vorarbeiten", erklärt Raymond Straus auf Land-Nachfrage. Bis Ende Oktober wollen Experten aus Statec, Unterrichts- und Bautenministerium ein genaueres Bild über Schülerzahlen und Schulraumbedarf erstellen. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass vorige Berechnungen in etwa zutreffen: 2 000 Mädchen und Jungen hatte das Unterrichtsministerium als Potenzial für eine weitere Schule in der Nordregion berechnet. Nächste Woche trifft sich die interministerielle Arbeitsgruppe, um über die weitere Vorgehensweise zu beraten. Genaueres wird noch nicht verraten, einen möglichen Standort haben sich die Planer von Unterrichts- und Landesplanungs- und Bautenministerium aber bereits ausgeguckt. "Er ist nach allen Gesichtspunkten ideal", sagt Straus und veweist auf die dem Sektorplan zugrunde liegenden Kriterien des Integrativen Verkehrs- und Landesentwicklungskonzepts (IVL). Das Grundstück befindet sich an einer großen Straße, nahe der Bahntrasse, die Anbindung an den öffentlichen Transport wäre demzufolge gewährleistet. Zudem würde das Angebot im Norden mit dem Bau einer weiteren Schule vervollständigt, so wie es der Dezentralisierungsgedanke vorsieht. IVL-Kriterien sind aber nicht alles. Ausländische Pädagogen und Architekten fordern schon seit längerer Zeit, Schulen kleiner, übersichtlicher und vor allem schülergerechter zu bauen. Weil "ein soziales Umfeld soziales Verhalten bedingt", haben sie anonymen Lernfabriken und farblosen Betonkästen den Kampf angesagt. Statt traditioneller viereckiger Klassenzimmer plädieren sie für Großräume, die Platz für differenzierte pädagogische Lernformen bieten, aber auch für Ruhezonen für den individuellen Rückzug. In Luxemburg halten solche Ideen nur ganz allmählich Einzug. Die Unterrichtsministerin hat sich bereits mehrfach kritisch über die überdimensionierte Schularchitektur hier zu Lande geäußert. Für die Mega-Schule in Rodingen kann Delvaux-Stehres nichts; sie wurde wie Redingen vor ihrem Amtsantritt geplant und gebaut. Doch die Lyzeen in Esch-Belval und Junglinister stammen allesamt aus ihrer Amtszeit – und sie sind ebenfalls für 1 200 bis 1 500 Schüler konzipiert. "Wir brauchen eine bestimmte kritische Masse, damit sich Werkstattangebote überhaupt lohnen", verteidigt Bautenminister Claude Wiseler (CSV) das Festhalten an der traditionellen Großbauweise. Das Argument stimmt nur zum Teil, schließlich wären auch stärker spezialisierte Schulen denkbar. Das Lyzeum in Dommeldingen, wo ab Sommer 2007 die Schüler des unteren Zyklus aus den Nebengbäuden des Lycée technique du centre eine neue Heimat finden werden, zeigt, dass unter gewissen Bedingungen durchaus auch Sekundarschulen kleiner und übersichtlicher gebaut werden können. Allerdings muss der Steuerzahler bereit sein, für die zusätzlichen Bauterrains und Infrastrukturen mehr zahlen. Immerhin: In Redingen, Junglinster und Esch sind dank neuerer Bauvorschriften größere Klassenzimmer von 64 Quadratmetern und mehr geplant, die Platz für Projektarbeiten bieten. Auch Lehrerarbeitszimmer sind inzwischen Standard. In Redingen wurden zunächst kleinere Säle vorgesehen, weil aber der Direktor die Bauarbeiten von Anfang begleitet hat, konnte er nachträglich Einfluss nehmen und einige Räume in größere umwandeln lassen. Ein Beweis dafür, wie wichtig es ist, pädagogische Konzepte und architektonische Gestaltung von Anfang an zusammen zu denken. "Wir werden künftig häufiger mit den Direktoren zusammenarbeiten", verspricht Raymond Straus. In Esch-Belval soll noch ein Schritt weiter gegangen werden: Auf Anregung des Architekten Jim Clemes sollen sich erstmals auch Schüler an der Gestaltung beteiligen - im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten und auch nicht von Anfang an. Alle neueren Schulbauprojekte sind zudem in ihrem Grundriss offener geplant. Großzügig gestaltete Eingangsbereiche, Caféteria-Bereiche, begehbare Lichthöfe und in der Größe flexibele Festsäle bieten Raum für mehr Miteinander. Werkstattateliers mit integrierten beziehungsweise nahe gelegenen Lernplätzen sorgen zudem dafür, dass Theorie und Praxis auch räumlich näher zusammen. Viel mehr an schularchitektonischer Innovation ist für die Zukunft allerdings eher nicht zu erwarten: In einer Zeit, in der die Raumnot so akut ist, dürften derartige Modellschulen, seien sie pädagogisch auch noch so sinnvoll, erst recht wie verzichtbarer Luxus wirken. 

Ines Kurschat
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