Colette Flesch starb in der Nacht zum Mittwoch im Alter von 88 Jahren. Sie brachte in einer männerdominierten Gesellschaft liberale Politik voran. 1979 setzte sie sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein, anfangs „ohne nennenswerte Schützenhilfe aus den eigenen Reihen“, wie das Land damals festhielt. In der Justizkommission der Kammer engagierte sie sich für die Gleichstellung der Geschlechter. Bis 1972 durften Frauen ohne Zustimmung ihres Gatten kein Bankkonto eröffnen. Colette Flesch wollte, dass Schluss ist mit dem Zustimmungsrecht des Ehemanns: „Bestuete Frae waren dono net méi mannerjähreg“. Später wirkte sie an der Lockerung des Abtreibungsgesetzes sowie an der Enttabuisierung der Euthanasie mit.
„Du wars esou oft an dengem Liewen Déi Éischt. Éischt Buergermeeschtesch, éischt Ausseministesch, éischt Vize-Premierministesch, éischt DP-Presidentin!“, schrieb DP-Vizepremier Xavier Bettel am Mittwoch in seinem Nachruf. Am 1. Januar 1970 wurde Colette Flesch im Alter von nur 32 Jahren Bürgermeisterin der Hauptstadt. „Ech hat keng Ahnung vu näischt, mee et ass awer gaangen“, sagte sie rückblickend in einem RTL-Dokumentarfilm von 2022. Ganz richtig ist das allerdings nicht, denn zu diesem Zeitpunkt war sie bereits seit einem Jahr DP-Abgeordnete in der Kammer und hatte erste politische Erfahrungswerte unter ihren Mentoren Gaston Thorn und Paul Elvinger gesammelt. Die Luxemburger Gesellschaft sei einerseits etwas „erschreckt“ gewesen, „datt ee jonkt Meedchen“ Bürgermeisterin wurde; andererseits sei man stolz gewesen, „datt Lëtzebuerg esou fortschrëttlech wor“.
Elf Jahre später wurde sie Außen-, Wirtschafts- und Justizministerin in der Regierung von Pierre Werner. Sie stand nun an der Spitze des Außenministeriums – jenes Ministeriums, das ihr als Frau in den 1960er-Jahren nach einem Studium der Rechts- und Politikwissenschaften in den USA eine diplomatische Karriere verwehrt hatte. Darüber lachte sie später: „La vengeance est un plat qui se mange froid.“ Wählersympathien gewann Colette Flesch zunächst als bekannte Sportlerin. 1960, 1964 und 1968 nahm sie als Fechterin an den Olympischen Spielen teil. Besonders erfolgreich war sie in Rom, Tokio und Mexiko-Stadt allerdings nicht.
Weshalb entschied sie sich für die DP? In der Revue erklärte sie 1990, sie hänge „sehr am mitte-links geprägten Laizismus der liberalen Partei“. Außerdem sei ihr Großvater, der Arzt Auguste Flesch aus Rümelingen, bereits vor dem Ersten Weltkrieg liberaler Abgeordneter gewesen. Ihren Vater Robert Flesch kannte sie kaum; er starb, als sie drei Jahre alt war. Vor dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Ingenieur in Düdelingen, wo sie 1937 zur Welt kam. Die Besatzungszeit verbrachte sie in Frankreich, zog jedoch im Alter von acht Jahren mit ihrer Mutter Madelaine Alexandre nach Belair. Wie viele in der Nachkriegszeit entwickelte sie eine amerikaphile Gesinnung. Mit 17 Jahren ging Colette Flesch für ein Jahr im Rahmen des „American Field Service“ in Springfield, Vermont, zur Schule. Über diese Zeit schrieb sie zwei Beiträge für das Land und stellte fest, in Amerika wollten Lehrer „good citizens“ aus ihren Schülern machen. Zudem versuchte sie ihrer luxemburgischen Leserschaft zu erklären, was Cheerleader sind: „Das sind Gruppen junger Mädchen, die kurze Röcke in den Farben der Schule tragen und akrobatische Sprünge machen.“ Sie heizten die Menge an und riefen während der Sportwettkämpfe etwa: „You make the basket, we make the noise.“
Nach ihrem Studium arbeitete sie kurzzeitig für die amerikanische Botschaft in Luxemburg, anschließend als Verwaltungsrätin im Sekretariat des Rates der Europäischen Gemeinschaften, bevor sie 1969 als DP-Abgeordnete in die Kammer wechselte. Die Revue schrieb 1990 bereits über das bewegte Leben von Colette Flesch: „Überblickt man die lange und reiche Karriere dieser doch sehr ausgewogenen, intelligenten Frau, merkt man sofort, dass sie in ihrem Berufsleben ziemlich viel Abwechslung hatte.“ Dabei blieb Flesch noch bis 2009 politisch aktiv. Vor acht Jahren schrieb das Wort, mit Colette Flesch habe ein „liberales Mini-Matriarchat“ begonnen. Lydie Polfer arbeitet 1977 für sie im Europaparlament, später wurde auch Polfer Bürgermeisterin und Außenministerin wie ihre Mentorin. „Es war Colette Flesch, die mir den Weg in die Politik ebnete und nicht unbedingt mein Vater, wie viele Leute glauben", sagte Polfer vorgestern dem Tageblatt. Die DP-Bürgermeisterin ist „dankbar, dass sie daheim im Bett, ganz ruhig entschlafen ist“, wie sie dem Wort mitteilte.
Trotz ihrer Nähe zu Amerika zeigte sie in Zeiten des Kalten Krieges Interesse an osteuropäischen Ländern; im Rahmen einer Verschwisterung der beiden Hauptstädte reiste sie als Bürgermeisterin in den 1970er-Jahren nach Prag. Zu weit ging sie allerdings, als sie den rumänischen Diktator Nicolae Ceaușescu in Luxemburg als „weisen und realitätsbewussten“ Mann begrüßte. Obwohl ihr Vater einen hohen Posten in der Stahlindustrie innehatte, zeigte sie sich in den 1980er-Jahren als Regierungsmitglied wenig sentimental gegenüber dem Untergang der Stahlindustrie. Als Wirtschaftsministerin war sie seit ihrem ersten Arbeitstag mit Tripartiten befasst – weshalb sie im Eisenerz keine wirtschaftliche Zukunft mehr für Luxemburg feststellte. Einigen Analysen zufolge wurde ihr politischer Höhenflug durch diese, letztlich realistische, Einschätzung gebremst.
2005 ging Colette Flesch mit ihrer Freundin eine eingetragene Lebenspartnerschaft ein. Dem Journal sagte sie vor einigen Jahren, sie habe sich „nie versteckt, aber auch nie zur Schau gestellt“. Dennoch sprach sie nicht öffentlich über ihre sexuelle Orientierung. Sie wuchs in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld auf als ihre Parteikollegen Xavier Bettel, Lex Delles oder Barbara Agostino. In ihrer letzten Lebensphase konzentrierte sie sich verstärkt auf kulturelle Themen: Als Filminteressierte übernahm sie, nachdem 2011 das Luxembourg City Film Festival gegründet worden war, dessen Präsidentschaft bis 2020. An ihrem Lebensabend ging sie zudem gerne spazieren und freute sich, „wann esou ee léift Déier, wéi ee Kaweechelchen, mer iwwer de Wee leeft, och wann ech weess, datt se guer net esou léif sinn“.