Kawumm! Mit einem gigantischen Knall fallen lange Holzplanken auf die leere Bühne. An der Tür zum großen Saal im Haus der Berliner Festspiele hieß es vor Einlass: „Bei der Aufführung von Tanzende Idioten kommt es zu vorübergehender Staubentwicklung sowie einem einmaligen Effekt mit hoher Lautstärke zu Beginn des Stücks.“ Und jetzt kommen sie gefallen: zweimal drei Stapel Bretter. Und ein toter Fisch, schön sauber in Zeitungspapier verpackt.
Eingang Katze. Auf leisen Pfoten, mit stolzem Kopf und keckem Blick bahnt sich das Tier seinen Weg über die Bretter bis ganz nach vorne, entdeckt den Fisch und verzehrt ihn genüsslich, langsam, zufrieden kauend, fast glaubt man es schnurren zu hören. Der ausverkaufte Saal grölt. Sebastian Blomberg lässt sich Zeit, genießt das Spiel; sein Kater Apollo ist durchaus eigensinnig. In anderen Inszenierungen Thorsten Lensings war er schon einmal ein ertrinkender Vogel (Unendlicher Spaß) oder eine uralte Schildkröte (Verrückt nach Trost). André Jung verkörperte einen beeindruckenden Hund oder einen trägen Menschenaffen; Ursina Lardi einen intelligenten, quirligen Tintenfisch.
Alle zwei oder drei Jahre erzählen Thorsten Lensings Inszenierungen mit einem neuen, unerwarteten Kapitel nur die unendliche Geschichte der Absurdität unserer Existenz, die unweigerlich mit dem Tod endet. Erneut trennen Gordian Blumenthal und Ramun Capaul die Bühne der Breite nach in zwei Teile, diesmal mit einer Bretterwand, die während des Stücks gezimmert wird. Erneut sind es ein Tier und sein Phlegma, die dem Schwermut des Menschen kontrapunktisch Leichtigkeit entgegensetzen.
Goldie (Ursina Lardi trägt das Stück mit einer Mischung aus Kraft, Humor, Wut und Verzweiflung) ist unheilbar krank. Die Beine können sie schon lange nicht mehr tragen, Kater Apollo benutzt sie als Sofa, schmiegt sich an sie. Aber Thorsten Lensing entgeht dem Pathos und dem Kitsch, zeigt sie nicht leidend im Rollstuhl. Ihr Fortbewegungsmittel ist ein unbemannter Gabelstapler! Ein Helfer fährt sie hoch gegen Himmel, ins Licht, denn „mit Sonnenlicht im Gesicht sehen wir alle glücklich aus!“ Wunderbare Buster Keaton-Szenen entstehen daraus mit dieser trocknen Komik, die Lensings Universum ausmacht. Goldie weiß um ihren nahenden Tod, doch sie gibt nicht auf, sie will noch einmal ihre ganze Wohnung umbauen lassen; im Geruch des frischen Holzes und dem Lärm der Hämmer träumt sie von einem anderen Leben.
Ihr Vater Tony (André Jung, unerwartet gemein) ist mit dem elektrischen Wohnmobil auf Durchreise und will es bei Goldie aufladen. Doch während der Zeit interessiert er sich nicht für sie, sondern für seine neue Freundin Vivian Phoenix (Karin Neuhäuser, neu im inoffiziellen Lensing-Ensemble). Beide haben schon einige Lebenspartner/innen überlebt, sind frisch verliebt und selbstbezogen wie Teenager.
Der Figurenkanon von Thorsten Lensings neuem Stück Tanzende Idioten stammt von Denis Johnson (USA, 1949-2017), die Lebensphilosophie, die ihm zugrunde liegt, könnte allerdings von Nietzsche sein: „Frei ist, wer in Ketten tanzen kann.“ Denn auch hier haben die Figuren unendlichen Spaß. Tony und Vivian lernen synchron Kajakfahren im Wohnzimmer der sterbenskranken Tochter und erzählen sich ihre vergangenen Leben (soweit sie sich erinnern können); alle zusammen schwitzen sie in einer viel zu engen Sauna, woraus ein ekstatisches Tanzritual entsteht.
Der lustigste Moment allerdings ist die gescheiterte Mondlandung: Goldie ist Nasa-Fan, was der Name des Katers andeutet. In einem Exkurs – „der Tod duzt [sie] schon“ – spielen Goldie und Sebastian Blomberg in der Rolle von Neil Armstrong, eine der Apollo-Missionen textgetreu nach. Es war Apollo 12, November 1969, Eric M. Jones hat den genauen Ablauf aller Missionen im O-Ton transkribiert - und es ist zum Totlachen. Denn die Fernsehkamera funktioniert nicht, einer der Astronauten hatte sie in die Sonne gehalten. „Jetzt bin ich auf dem Mond und niemand sieht mich“, empört sich Goldie. Bester Satz in Zeiten des Selfiewahns.