Kim Lang lebt seit 15 Jahren in London. Der luxemburgische Modefotograf widmet sich inzwischen zunehmend persönlichen Projekten. Ein Gespräch über Heimat und Inspiration

Die Suche nach dem perfekten Moment

Kim Lang in London
Photo: CB
d'Lëtzebuerger Land du 23.01.2026

Der amerikanische Schauspieler John Lithgow, der für seine Rollen in Filmen wie Killers of the Flower Moon und Conclave bekannt ist, lehnt im eleganten Anzug an einem Geländer der Dachterrasse eines Londoner Luxushotels, während sich hinter ihm die Skyline der Stadt abzeichnet. Es ist ein Fotoshooting für das Magazin The Rake. Hinter der Kamera steht der Luxemburger Fotograf Kim Lang. „Ich arbeite schon seit zehn Jahren mit diesem Magazin,“ sagt Kim an einem Dezemberabend im Café eines Londoner Buchladens. Anfangs fotografierte er die sogenannten Fittings, bei denen der Entstehungsprozess eines maßgeschneiderten Anzugs dokumentiert wird, vom Messen hin zum Schneidern. Das fertige Kleidungsstück wird anschließend in einem Porträt festgehalten. Über die Jahre gewann Kim Lang das Vertrauen des Chefredakteurs, der ihn damit beauftragte, das Titelbild der hundertsten Ausgabe zu erstellen.

Kim Lang wuchs in Luxemburg auf, als Sohn eines kapverdischen Vaters und einer luxemburgischen Mutter. Schon als Kind war er von Kameras umgeben. Sein Großvater war Dokumentarfilmemacher, er reiste viel. Kim und seine Mutter, eine Amateurfotografin, begleiteten ihn öfters. „Als ich sechs Jahre alt war, gab meine Mutter mir eine Kamera, die sie auf der Flughafentoilette gefunden hatte, als wir auf dem Weg nach Namibia waren.“ Sie gab ihm Filme und ließ ihn losknipsen.

Es war eine für Luxemburg ungewöhnliche Kindheit. „Als meine Freunde aus den Schulferien zurückkamen, fühlte ich mich immer so schäbig, weil ich dann sagte: Wir waren in Südafrika oder in Amerika bei Ureinwohnern“, erinnert sich Kim. „Ich wollte auch Urlaub in Südfrankreich oder auf Mallorca im All-Inclusive-Hotel machen, weil meine Freunde das alle gemeinsam hatten.“ Die Reisen seiner Familie gefielen ihm zwar, doch Kim spürte den Gruppenzwang. „Alles, was man wollte, war normal zu sein.“

Zu der Zeit entdeckte Kim Webseiten wie photogen.lu, die Luxemburger Foto-Community, und DeviantArt.com, ein Netzwerk für Künstler, die ihre Werke online ausstellen. Kreative Fotomontagen und Illustrationen sind dort sehr beliebt, digitale Ausdrucksweisen, die ihn prägten. „Ich brachte mir Photoshop selbst bei, doch irgendwann genügte mir das nicht mehr. Deswegen fing ich an, meine eigenen Fotos zu machen, um meine Ideen umzusetzen.“

Kim Langs Mutter, die alleinerziehend war, erkannte den kreativen Antrieb ihres Sohnes, der sich zudem für Theater und Musicals begeisterte. Sie unterstützte ihn kompromisslos. „Es gab Musical-Gruppen in der Schule, aber man musste ein bestimmtes Aussehen haben, um bestimmte Rollen zu bekommen. Meine Mutter hielt das für Unsinn und entschied, ihre eigene Theatergruppe zu gründen.“ So entstand in Schüttringen die Gruppe Musical Fans & Co, die jedes Jahr ein bis zwei Stücke aufführte. „Ich war oft der einzige Junge, viele Mädchen spielten männliche Rollen. Einmal spielte ich eine Frau, weil ich die Choreografie mittanzen wollte. Grenzen waren plötzlich nicht mehr wichtig“, erinnert sich Kim. Er half seiner Mutter beim Kostümdesign und Bühnenbild. „Ich kam aus der Schule und setzte mich dann zu meiner Mutter, um mit ihr zu nähen und über Setdesign nachzudenken“, erzählt er. „Ich war ein anstrengendes Kind. Ich glaube, das war das Beste, was sie machen konnte.“

Doch das kreative Hobby war nicht nur ein Ventil für seine jugendliche Energie, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der eigenen Entwicklung. „Ich konnte mich ausdrücken und es gab mir sehr viel Selbstbewusstsein“, erzählt der Fotograf. Er studierte anschließend Ägyptologie und Kunstgeschichte in Trier und Kommunikationsdesign in Berlin. Mit 20 zog er nach London, wo er nach einem Studium am London College of Fashion seinen Weg in die Modefotografie fand. Ein Traumjob, der theatralische Inszenierungen, Fotografie und Bildbearbeitung, also seine Leidenschaften, vereint.

Das Do-it-Yourself-Ethos, das seine Mutter ihm vorgelebt hat, kommt ihm heute in seinem Beruf zugute. Bei seinen Shoots kümmert er sich zum Beispiel manchmal selbst um Make-up. „Ich bin mir zwar nicht immer sicher, ob ich es kann, doch ich habe das Selbstbewusstsein, dass ich das irgendwie hinkriegen werde.“ Es ist das Endprodukt, das zählt. „Man muss halt lernen, was man lernen muss, um das Beste fürs Produkt zu geben.“

Neben kommerzieller und redaktioneller Modefotografie widmet sich Kim zunehmend persönlichen Projekten. In seiner Serie Odyssey of Reconnection erkundet er Kap Verde, den Herkunftsort seines Vaters. Er ist nicht mit der Kultur seines Vaters aufgewachsen, doch ein Familienereignis brachte ihn schlussendlich zum Inselstaat. Dort fing er an zu fotografieren. „Es war ein sehr wichtiger, spannender Moment. Die Fotografie habe ich als Mittel genutzt, um emotionale Themen zu erkunden.“

Er ist seitdem mehrmals nach Kap Verde gereist. Nach jeder Reise setzt er sich Monate lang mit dem Material auseinander. Eindrücke können sich im Laufe der Zeit verschieben. „Es gibt Dinge, bei denen ich anfangs dachte, das muss ich unbedingt dokumentieren. Wenn ich mir die Bilder später anschaue, wird mir klar, dass das der Tourist in mir war“, sagt Kim Lang lachend. Im Gegensatz können flüchtige Momente später eine tiefere Bedeutung annehmen.

In seiner Serie Nations of the Atlantic porträtierte der Fotograf Einwohner kleiner Inselstaaten und zeigt, welche Rolle das Meer in ihrem Leben spielt. Auf Barbados fotografierte er zum Beispiel Pferdebesitzer, die ihre Tiere bei Sonnenaufgang zum Abkühlen ins Meer führen. Ein stiller, zärtlicher Moment zwischen Mensch, Tier und Meer, abseits der Gefahren des Klimawandels, denen diese Inseln ausgesetzt sind. „Das war sehr poetisch.“

Für diese intimen Portraits ist das Vertrauen der Fotografierten entscheidend. Das Selbstvertrauen, jemanden anzusprechen, hat Kim Lang sich bewusst in London angeeignet. „Wenn ich nichts zu tun hatte, lud ich einen Film in meine Kamera ging raus um von zehn Menschen ein Porträt zu machen.“ Damals lebte er in Finsbury Park, im Norden Londons, wo er lokale Menschen ansprach und fragte, ob er sie fotografieren dürfe. Die unterschiedlichen Reaktionen der Menschen nahmen ihm die Schüchternheit. Auch lernte er, dass aus einem geplanten Foto manchmal einfach nichts wird.

In Brasilien wollte er zum Beispiel einen Mann fotografieren, der am Strand neben einem Volleyballfeld ein Telefongespräch führte. Farblich passte alles zusammen, doch es kam nicht zum Foto. „Man muss wissen, wann man die Leute anspricht. Wenn du selbst gerade am Telefonieren bist, willst du auch nicht gestört werden.“ Manchmal verfliegt ein perfekter Moment eben.

Es ist das Reisen, das Kim Lang neue Ideen bringt. „Inspiration finde ich immer auswärts. Jahrelang dachte ich, dass es ein Problem mit Luxemburg sei, dass ich dort keine Verbindung hätte, die mich inspirierte. Ich dachte, wenn ich nach London ziehe, würde sich das ändern.“ Doch so kam es nicht. „Wenn ich mich zu sicher fühle, langweile ich mich. Ich brauche stets neue Stimulation.“ London bietet dem Fotografen eine kulturelle Vielseitigkeit, die er sehr genießt. „Hier treffen unzählige Kulturen aufeinander, die authentisch existieren können – man reist immer irgendwie. Genau das hält mich hier.“

Claire Barthelemy
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