Die kleine Zeitzeugin

Morgen geh ich impfen

d'Lëtzebuerger Land du 22.10.2021

Es gibt Menschen, die haben ihr ganzes Leben Angst vor Aids gehabt. Vor lauter Angst sind sie ins Kloster eingetreten, oder haben geheiratet. Aber nicht einmal das hat sie gerettet, denn selbstverständlich hatten sie auch Angst, sich testen zu lassen. So einen Test hätten sie nämlich nicht überlebt. Dann war es doch besser, sich vor jedem Fieberbläschen zu fürchten, jedem Husten, man gewöhnt sich ja auch an so eine Angst, sie gehört dann einfach dazu, so sehr, dass man sie hin und wieder auch vergisst. Und Verdrängen ist auch was Tolles, entgegen dem was Freud & Co immer behaupten.

Die meisten Menschen haben Angst vor Corona. Manche eine Extraportion. Sie fürchten sich davor, ganz allein mit Aliens zu sein, auch wenn sie freundliche Augen haben. Sie fürchten sich davor, um Atem zu ringen und dann mit dem Tod. Sie fürchten sich davor, allein eingesperrt zu sein, und jemand legt ein Überlebenspaket vor die Tür mit Mitteln zum Überleben. Oder niemand legt ein Überlebenspaket vor die Tür. Und hinter der Tür müssen sie sich immerzu kontrollieren. Ob sie noch Luft kriegen. Sie fürchten sich davor, im Teufelskreis der Liebsten eingesperrt zu sein, plötzlich hustet eine.

Dann lass dich doch impfen, sagen die andern. Die andern sind aber immer die andern. Ja, mach ich eh, sagt Blockierte. Sagt Zauderer. Sagt Angsthäsin. Sagt Mensch mit Verhinderung. Mach ich sowieso. Bald. Morgen. Morgen geh ich impfen.

Aber heute. Grad nicht. Geht grad nicht. Geht grad gar nicht. Bei so schönem Wetter, da kann man doch Schöneres tun, wahrlich. Bei so grauseligem Wetter, da ist einem sowieso schon so grauselig. Die Arbeit. Und dann die Freizeit. Da will man doch frei sein, und nicht auf Symptome lauern. Vierzehn Tage lang sich beobachten. Es gibt keine Beobachtungspause. Was ist, wenn die Hirn-vene in der Nacht? Immer kann man doch nicht nicht schlafen. Dann würde die Hirn-vene erst recht. Man kann seine Hirn-venen nicht immer beobachten. Oder seinen Herzmuskel. Oder beides zusammen. Es gibt unzählige Symptome, und auch ganz neue. Vielleicht weltweit neu. So erforscht ist das ja noch nicht. Man hat dann eine Symptompremiere, aber wer will so eine Premiere haben? Das ist dann vielleicht das Letzte, das man hat.

Die Leute gehen da so drüber hinweg. Zucken mit den Achseln, schütteln den Kopf, reden das übliche Zeug. Ziegelstein auf dem Kopf. Woher wissen die alles, wieso tun die alles, alles richtig, und wieso sind sie sich so sicher? fragt sich Virenzähler, gebannt starrt er auf Tabellen, Statistiken, Studien, immer kommt eine neue und noch eine neuere und die allerneuste. Nicht nur Ausbrüche, auch Durchbrüche! Vielleicht auf den Totimpfstoff warten, immer sich totstellen ist schlussendlich auch kein Leben? Obschon tot auch nicht toll klingt.

Warum sind die rundherum so Kamikazes? Wobei, eigentlich genießen sie, total unfair, ihr Leben. Prosten einander zu, in Innenräumen gar, streifen durch Kunstgalerien als wäre nichts. Gechippt sind die wahrscheinlich nicht, wenn man sie beobachtet, sind sie nicht mehr gechippt als eh und je. Steuern auf ihr Bier zu, auf Modequatschboutiquen, den Pheromonen hinterher. Eigentlich unverdächtig.

Aber dass sie eine so stressen. Das ist wie bei Junkies, oder Vampiren. Kaum angefixt, gehören sie dazu. Ein richtiges High stellt sich anscheinend ein nach dem ersten Shot, oder Piks, wie sie das so niedlich nennen, ab dann ist das eine eingeschworene Gemeinschaft, über alle Zweifel erhaben. Das Geimpfte ist jetzt ein Teil von ihnen. Sie sind jetzt die Geimpften. Die andern die Ungeimpften, un-, so ein Unwort. Manche betteln schon um den dritten Schuss.

Eigentlich verlockend der Zustand. So wie alle, und nicht draußen vor der Tür wie das Schwefelholzmädchen zu Weihnachten. Wo nicht mal Rumziehen inmitten von Wolken von Aerosolen mit all den ganz weißen oder hyperbunten Freiheitsfreund*innen als Ausweg erscheint. Dann muss man sich erst recht wieder beobachten. Morgen geh ich impfen. Also wenn das Wetter nicht zu schön ist.

Michèle Thoma
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