Nächste Woche beginnen die Corona-Impfungen. Aber was ist von den neuartigen Impfstoffen zu halten, und wie viele Menschen werden sich impfen lassen? Und was wird aus den „gestes barrières“?

Moleküle gegen die Seuche

d'Lëtzebuerger Land du 25.12.2020

Lokaltermin am Montagabend in der Limpertsberger Victor-Hugo-Halle. Hier besteht seit vergangener Woche ein Corona-Impfzentrum, das erste von fünf. Schwarze Elastikbänder markieren Gassen. In Wartezonen stehen Stühle auf Abstand. Aus hellgrauen Spanplattentafeln wurden Zimmer improvisiert, in denen man sich die Hände desinfiziert oder eine Injektion verabreicht bekommt. „Nichts Spektakuläres“, sagt Luc Feller, Hochkommissar für nationale Sicherheit, der mit Journalistenbesuch durch das Impfzentrum geht. „Die Regel soll ja sein, dass niemand hier lange verweilt.“

Am Montagnachmittag um 15 Uhr empfahl die European Medicines Agency (Ema) in Amsterdam, dem ersten Impfstoff gegen das Sars-CoV-2-Virus die vorläufige Genehmigung zum Einsatz in der EU zu erteilen. Wenige Stunden später gab die EU-Kommission grünes Licht. Von Dienstag bis Donnerstag kommender Woche soll in dem Limpertsberger Zentrum geimpft werden. Dienstag und Mittwoch seien dem Personal aus Spitälern vorbehalten, sagt Luc Feller, der Donnerstag dem Personal aus Pflegebetrieben. Wann der Impfstoff angeliefert werde, wusste der Hochkommissar am Montag noch nicht. Am Mittwoch war vom 26. Dezember die Rede. Damit würde die Impfkampagne, die das Coronavirus auszumerzen helfen soll, am selben Tag starten, an dem „weitere Einschränkungen“ in Kraft treten, wie Premier Xavier Bettel (DP) das lieber nennt als „Lockdown“.

Aber das ist kein Widerspruch. Noch sind die Impfstoffe knapp und die Infektionszahlen hoch. 36 000 Impfdosen seien als erste Lieferung durch den Pharmakonzern Pfizer abgemacht, sagt Feller. Wie es weitergeht, sei noch unklar. Und selbst die 36 000 zu verimpfen, wird dauern: Das Limpertsberger Zentrum könne im Zwölfstunden-Betrieb 1 600 Personen pro Tag empfangen. Vier weitere Zentren sind geplant. Das in der Maison du Savoir der Universität in Belval sei so gut wie bereit, so Feller, das in Findel auch. Wann sie öffnen, bleibe noch zu entscheiden. Auch weil die Regierung den Corona-Impfplan noch weiterschreiben muss: Fest steht bislang nur, dass zunächst Gesundheits- und Pflegepersonal geimpft wird, wenig später auch Bewohner/innen von Alters- und Pflegeheimen. Für Letztere, erklärt Luc Feller, stünden sechs mobile Teams zur Verfügung, um über Land zu fahren und Injektionen in den Heimen zu verabreichen.

Bedenkt man, dass das Sars-CoV-2-Virus sich erst vor einem Jahr auszubreiten begann, erscheint es umso beeindruckender, wie schnell die ersten Impfstoffe ihre Zulassungen erhalten haben und die nächsten kurz davor stehen. Die Ema geht davon aus, sich am 6. Januar über den nächsten Kandidaten zu äußern, das Vakzin des Herstellers Moderna.

Verständlicherweise sorgt dieses Tempo nicht nur für Begeisterung, sondern auch für Ängste. Die Ema-Beamten versicherten bei ihrer Online-Pressekonferenz am Montag, die Zulassungsprozedur sei „wissenschaftlicher Evidenz gefolgt und sonst nichts“, und dass der Impfstoff der Mainzer Firma Biontech, den der US-Pharmakonzern Pfizer in die industrielle Massenproduktion gebracht hat, „die strengen EU-Standards erfüllt“. Meldungen aus Großbritannien und den USA über allergische Reaktionen Geimpfter relativierte Sabine Strauss, die Vorsitzende des Pharmacovigilance and Risk Assessment Committee der Ema: Die US-Seuchenschutzbehörde CDC habe „sechs mögliche derartige Fälle auf mehr als 270 000 in den Vereinigten Staaten Geimpfte“ gemeldet, so der Stand vom Montag. „Dabei handelt es sich größtenteils um milde Fälle.“

Fakt ist dennoch, dass die Impfstoffentwicklung bis zur ersten, wenngleich vorläufigen Zulassung kein Jahr dauerte, wo es sonst nicht selten zehn sind. Im Land hatte der langjährige Experte bei der Ema, Jean-Louis Robert, vor zwei Wochen erläutert, dies liege unter anderem an der „rolling review“, der die Hersteller mit den Zulassungsbehörden gefolgt sind: Sie gaben schon während der Impfstoffentwicklung Daten an die Behörden; das hat Zeit gespart (d’Land, 11.12.2020).

Zwei andere Gründe nennt der Luxemburger Facharzt für Mikrobiologie und Infektions-Epidemiologie Michel Pletschette: Einerseits stehe zur Entwicklung der Covid-Impfstoffe viel Geld zur Verfügung, insgesamt an die zwölf Milliarden US-Dollar. Das habe die Hersteller veranlasst, die drei Phasen von Entwicklung und klinischen Tests nahtlos ineinander übergehen zu lassen, während sonst nach jeder Phase analysiert wird, welche Erfolgsaussichten ein Impfstoffkandidat hat und welche Gewinnerwartungen sich damit verbinden lassen. Dagegen hätten angesichts der Corona-Pandemie beizeiten genug Mittel bereitgestanden, um sogar Fabriken hochzuziehen, während die Vakzine noch entwickelt wurden. „Normalerwiese würde kein Pharmahersteller das tun, warum sollte er auch?“

Andererseits, sagt Pletschette, der unter anderem bis 2017 bei der EU-Kommission die Abteilung zur Bewertung sanitärer Politiken leitete und jetzt an der Universität München forscht, seien die bei den Covid-Impfstoffen eingesetzten Technologien so neu nicht. „Die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna gehen auf Verfahren zurück, die seit Jahren in Laboren erprobt werden.“ Messenger-RNA regen Zellen zur Produktion von Proteinen an. Vor allem in der Krebsforschung werde versucht, dies nutzbar zu machen: „Man weiß, dass Krebszellen Proteine benötigen, die normale Zellen nicht bilden. Also wird versucht, den menschlichen Organismus per mRNA zu veranlassen, diese Proteine nicht zu bilden, damit der Tumor stirbt.“ Technisch sei das weitaus schwieriger als einen Impfstoff herzustellen. „Biontech ist ein Unternehmen, das an Anwendungen von mRNA zur Behandlung von Krebs arbeitet.“ Nachdem Ende Januar aus China die Sequenz des ersten Sars-CoV-2-Genoms publik wurde, habe die Firma entschieden, einen
mRNA-Impfstoff gegen das Virus zu entwickeln.“ Andere seien seit längerem mit Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten wie die Tollwut oder das Zika-Virus beschäftigt. Oder gegen das auf der Arabischen Halbinsel zirkulierende Mers-Virus: „Dieser Impfstoff-Kandidat befindet sich in Phase 2 der klinischen Erprobung. Er basiert auf einem molekularbiologischen Trick, den die National Institutes of Health der USA gefunden haben, um die mRNA stabil zu halten. Er konnte eins zu eins in die Corona-Impfstoffe eingebaut werden.“

Ebenfalls nicht neu sei der Ansatz, den die Universität Oxford mit dem britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca verfolgt und der auch dem in Russland schon eingesetzten Impfstoff Sputnik V unterliegt: Ein solches Vektor-Vakzin bewähre sich seit drei Jahren in Afrika gegen Ebola. Virus-RNA kommt bei den Vektor-Impfstoffen wie bei den mRNA-Vakzinen zum Einsatz, siehe „Neue Impftechnologien“ auf der nebenstehenden Seite. Beide Technologien unterscheiden sich nicht zuletzt im Aufwand: Die mRNA in den Präparaten von Biontech und Moderna ist schwerer stabil zu halten als das Duo aus Vektor und RNA. Deshalb müssen die mRNA-Vakzine tiefgekühlt werden, der Biontech-Impfstoff sogar bei minus 75 Grad. Vektor-Vakzine dagegen halten sich bei gewöhnlicher Kühlschranktemperatur monatelang. Und sie kosten weniger: Für den AstraZeneca-Impfstoff ist die Rede von rund zwei Euro pro Dosis. Bei den mRNA-Vakzinen sind es sieben bis zehn Mal so viel.

So dass es im Laufe des nächsten Jahres vermutlich mehrere Impfstoffe nicht nur unterschiedlicher Zusammensetzung, sondern auch unterschiedlichen Typs geben wird. Und sich unter anderem die Frage stellt, wer sich impfen lassen wird, und welcher Anteil an der Bevölkerung immunisiert sein muss, damit die Seuche zurückgeht. Über die Impfbereitschaft spekulieren will im Moment niemand. Hochkommissar Luc Feller sagt, unter dem Gesundheitspersonal „liegt die Spanne von-bis“. RTL meldete am Mittwoch, kommenden Dienstag sei ein Drittel der Impfkapazität des Limpertsberger Zentrums für Personal aus dem CHL reserviert. Im Gesundheitsministerium wird die Impfbereitschaft in der Bevölkerung allgemein als „hoch“ eingeschätzt. Das lasse sich jedenfalls aus den regelmäßig erstellten Berichten zum Immunisierungsgrad gegen das sehr ansteckende Masern-Virus ableiten.

Michel Pletschette hält es für völlig richtig, dass die Corona-Impfung freiwillig sein soll. „Die Menschen müssen darüber nachdenken können, was eine Impfung ihnen bringt.“ Dass vor zwölf Jahren sich nur wenige gegen die Schweinegrippe H1N1 impfen ließen, habe daran gelegen, „dass es einen Widerspruch gab zwischen dem, was aus der Gefährlichkeit dieses Virus gemacht wurde, und der Qualität des Impfstoffs“. Dagegen habe in den Sechzigerjahren, als in Luxemburg die Kinderlähmung umging, „niemand“ nach Impf-Nebenwirkungen gefragt: „Da kannte quasi jeder einen Betroffenen, und für die Spitäler wurden eilig Eiserne Lungen gekauft, weil die Kinderlähmung zum Atemstillstand führen kann.“

Nebenwirkungen gebe es bei den Covid-Vakzinen natürlich. „Aber das sind Entzündungen an der Injektionssstelle, Kopfweh oder Fieber. Und nicht jeder bekommt sie.“ Doch immerhin: Die US-Medikamentenbehörde FDA teilte am Dienstag mit, bis zu 84 Prozent der in den Vereinigten Staaten bisher Geimpften hätten solche Reaktionen entwickelt.

Berichte von allergischen Komplikationen hält Michel Pletschette zurzeit nicht für besorgniserregend: „Sechs solcher Fälle auf mehr als 200 000 Geimpfte entsprechen 20 Komplikationen auf eine Million Impfungen. Das ist selten.“ Grund zu Sorge bestehe momentan auch nicht, dass die in Großbritannien entdeckte Virusmutation die Wirksamkeit der Impfstoffe hemme: „Nach dem bisherigen Kenntnisstand beeinflusst sie nicht die Bildung der Spike-Proteine, die bei Geimpften eine Immunantwort auslösen sollen.“ Ähnlich hatte am Montag auch die Ema argumentiert, und am Mittwoch wurde in deutschen Medien der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission beim Robert-Koch-Institut, der Ulmer Virologieprofessor Thomas Mertens, zitiert, dass es „im Moment“ keinen konkreten Hinweis gebe, dass der erste in der EU zugelassene Impfstoff nicht auch gegen die Mutation schützt. In Großbritannien und bei Biontech werde das aber untersucht; mit Ergebnissen sei in zwei Wochen zu rechnen.

Regelrecht falsch, so Michel Pletschette, sei die Behauptung, die mRNA-Impfstoffe griffen ins menschliche Genom ein: „Das können sie nicht, dazu würden sie ein bestimmtes Enzym benötigen, das sie jedoch nicht haben.“ Und die mRNA halte sich nur für Sekundenbruchteile im Organismus, danach werde sie ausgeschieden.

Für sehr wichtig hält Pletschette die Frage, wie die Gesellschaft mit der Corona-Seuche umgehen soll, wenn die Impfungen fortgeschritten sind. „Solange keine ausreichende Immunität in der Bevölkerung besteht, darf man die Schutzmaßnahmen nicht aufheben.“ Wie die Dinge liegen, gerade in Luxemburg nicht: „Wir haben zurzeit eine im EU-Vergleich sehr hohe Übertragungsrate.“ Die werde so schnell nicht sinken. Nötig sei, auf so wenig Fälle wie möglich hinzuarbeiten. „Da können wir von Ländern wie Südkorea oder Neuseeland lernen.“

Spätestens, wenn klarer wird, wie viele Impfdosen wann zur Verfügung stehen werden, wird die Regierung Antworten in diese Richtung entwickeln müssen. Vorher muss sie den Impfplan vervollständigen. Die Nachbarländer sind da schon weiter: In Deutschland etwa existiert seit vergangener Woche ein Stufenkonzept, das die Bevölkerung in sechs Gruppen einteilt. Die erste umfasst Hochbetagte und besonders gefährdetes Personal in Medizin und Pflege, Stufe zwei unter anderem Menschen ab 75 sowie am Down-Syndrom und an Demenz Leidende. In Kategorie drei fallen ab 70-Jährige, Menschen mit einem transplantierten Organ sowie enge Kontaktpersonen von Schwangeren; in Stufe vier Menschen ab 65, Lehrer/innen und Erzieher/innen sowie „Personen mit prekären Arbeits- und/oder Lebensbedingungen“, so das Robert-Koch-Institut. Stufe fünf umfasst unter anderem ab 60-Jährige sowie im Einzelhandel und bei „kritischer Infrastruktur“, wie Elektrizitäts- und Wasserwerken Beschäftigte, Stufe sechs schließlich alle unter 60.

In Luxemburg, ist aus dem Gesundheitsministerium zu erfahren, wird zurzeit daran gearbeitet, „Risikopatient/innen“ zu identifizieren, um ihnen eine bevorzugte Impfung anzubieten. Der Conseil supérieur pour maladies infectieuses erarbeitet eine Methode, um diese Informationen möglichst schnell und vollständig von den Ärzt/innen zu erhalten.

Neue Impftechnologien

Für die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna werden Nanoteilchen aus Fett hergestellt, so genannte virusähnliche Teilchen. Sie nehmen jenes Stück der RNA des Sars-CoV-2-Virus auf, das als Botschafter die Produktion der „Spike-Proteine“ anregt, der aus dem Coronavirus herausragenden Spitzen. Werden die Nanoteilchen mit der RNA-Botschaft injiziert, beginnt in den Muskelzellen die Bildung dieser Spike-Proteine. Sie werden vom menschlichen Organismus als fremd erkannt und eine Immunantwort bildet sich aus.

Auch Vektor-Impfstoffe wie der von der Universität Oxford mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelte oder der russische Sputnik V nutzen RNA des Coronavirus. Die RNA wird einem harmlosen Adenovirus angehängt, der genetisch so modifiziert wurde, dass er sich nicht mehr schnell reproduzieren kann. Er dient lediglich als Vektor, als Trojanisches Pferd für Sars-CoV-2-RNA. Ein paar Stunden nach der Injektion des Impfstoffs ist der Vektor von menschlichen Immunzellen aufgefressen. Die Freisetzung von Corona-RNA beginnt und die Bildung einer Immunantwort. Damit der Vektor nicht zu schnell vernichtet wird, denn Adenoviren sind Erkältungsviren, greift der AstraZeneca-Impfstoff auf Adenoviren zurück, die in Schimpansen vorkommen.

Peter Feist
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