Am 16. November 1926, um vier Uhr nachmittags, fand in der Kapelle der Franziskanerinnen in Belair eine Abschiedsfeier für sechs Schwestern statt. „Dem dringenden Aufruf des Mis-
sionspapstes Pius XI. folgend“, hatte die Kongregation der Franziskanerinnen von der Barmherzigkeit ihre Beteiligung am „Missionswerk“ angeboten und die Schwestern Maria Ambrosia, Euphrasia, Alphonse-Maria, Stanislas, Salesia und Marie-Paul nach China entsandt. In der Provinz Hunan im Zentrum des Landes sollten sie von den Tiroler Franziskanern ein Waisenhaus übernehmen. Weitere Schwestern folgten, bis 1948 die letzte Missionarin in Shanghai eintraf. Nach der Machtübernahme durch die Kommunisten im Oktober 1949 wurden die Schwestern, darunter chinesische, des Landes verwiesen. Ihr Werk führten sie fortan in Taiwan weiter. Bis heute erinnert ein Missionsmuseum mit Artefakten aus China, Taiwan und Japan an diese Zeit.
Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Sammlung geht auf den Industriellen Eugène Ruppert zurück, der 1894 im Reich der Mitte die Hanyang-Eisen- und Stahlwerke in Wuhan errichten ließ. Zahlreiche weitere Luxemburger Ingenieure waren an diesem Großprojekt beteiligt, das als industrielles Zentrum Chinas große Bedeutung erlangte. Politische Umbrüche, insbesondere die Revolution von 1911, setzten diesen Aktivitäten ein Ende. Ruppert, der inzwischen eine tiefe Wertschätzung für die chinesische Kultur entwickelt hatte, floh gemeinsam mit dem Bildhauer Jean Mich überstürzt an Bord eines österreichischen Kreuzers in die Freiheit.
In seiner Villa am Glacis (heute Sitz der tschechischen Botschaft) schwelgte er fortan in Erinnerungen, umgeben von zahlreichen Kuriositäten, die er aus China nach Luxemburg hatte bringen lassen. Bevor er 1950 starb, vermachte er seine Sammlung dem Franziskanerkloster in Belair und ergänzte dessen eigene Sammlungen. Die letzte Schwester aus der Chinamission starb vor mehreren Jahren im Alter von über hundert Jahren. Heute zählt das Haus nur noch neun Schwestern; Nachwuchs bleibt aus, und Chinesisch spricht nur noch eine Schwester, die früher in Taiwan wirkte, aber seit einiger Zeit „pen-
sioniert“ ist und daher nicht mehr durch die Sammlung führen kann.
Entsprechend verlegen wird das Licht für uns eingeschaltet. In ihrer Farbenpracht wirken die Artefakte in ihrer stillen Wucht auf unseren staunenden Blick wie eine eben noch lebendige Gesellschaft, die uns verschmitzt aus den Augenwinkeln beobachtet. Der Ausstellungsraum ist groß, hell und klar strukturiert. Die gleichmäßige Deckenbeleuchtung und der freie Boden lenken den Blick gezielt auf die Exponate. Alles ist symmetrisch angeordnet, was dem Raum eine feierliche, sakrale Ordnung verleiht.
An den Seiten stehen dunkle Holzvitrinen mit Glasfronten. In ihnen befinden sich zahlreiche kleinere Kunstwerke wie Porzellanfiguren, Skulpturen, Gefäße und dekorative Objekte. Auf Sockeln sind größere, reich verzierte Metall- und Bronzegefäße platziert, die an rituelle oder zeremonielle Zwecke erinnern. In der Mitte dominiert ein aufwändig geschnitzter Schrein. Er ist reich ornamentiert und bildet das visuelle Zentrum des Raumes. In seiner Mitte sitzt eine Figur mit symbolischer Bedeutung, umgeben von weiteren Objekten, Stoffen und Schriftrollen. Mehrere lebensgroße Figuren in traditioneller Kleidung stehen verteilt im Raum. Ihre Gewänder, Kopfbedeckungen und ruhigen Haltungen lassen sie wie historische Beamte oder Hofpersonen erscheinen.
Hier und da liegen Beschriftungen in den Vitrinen. In ihrer Allgemeinheit vermitteln sie jedoch kaum nähere Informationen zu den gezeigten Exponaten. Raymond Harsch, gerichtlicher Sachverständiger für russische und chinesische Kunst, insbesondere für chinesisches Porzellan, kennt das Museum seit über 40 Jahren persönlich. Den Franziskaner-Schwestern hat er unter anderem dabei geholfen, ihre Sammlung neu zu ordnen. „Alles, was Bronze, Statuen und Gottheiten betrifft, stammt von den Schwestern und Patern. Herr Ruppert hat vor allem Porzellan und einige größere japanische Bronzen beigesteuert“, erklärt Harsch. Der Schrein, das zentrale Ausstellungsstück, sei dagegen typische Exportware, um 1900 hergestellt für amerikanische und europäische Abnehmer. „Er macht natürlich Eindruck, auch wenn sich über den kunsthistorischen Wert streiten lässt“, so der Experte weiter.
Harsch hebt vor allem die alten Bronzen und die taoistischen sowie buddhistischen Kultfiguren in der Sammlung hervor. Für den gerichtlichen Sachverständigen hat die Ausstellung aber auch einen ethnologischen Wert, etwa durch ausgestellte Kleidung und Schuhe. Traditionen, wie gebundene Füße, wurden theoretisch seit der chinesischen Revolution abgeschafft, was einige Objekte zu Relikten eines progressiven Modernisierungsprozesses mache. Beim Porzellan stamme der Großteil aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Bezüglich der Akquise dieser Objekte liegen die Ursprünge im Dunkeln. Historisch müsse man das Missionsmuseum klar in einen kolonialen Kontext einordnen, meint Harsch. Auch wenn Kolonisieren nicht das Kernziel der Franziskanerinnen gewesen sei: „Di waren do, fir Mënschen ze hëllefen, an accessoirement ze bekéieren.“
Aber was lässt sich darüber abschließend sagen? Welchen Aussagewert haben Missionsberichte aus dieser Zeit? Wie viel Gewicht haben Zeitgeist und adressatenorientierte Sprache? Die luxemburgische Gesellschaft stand der Missionierung jedenfalls größtenteils positiv gegenüber: „Luxemburg hat keine Kolonien, wenigstens keine territorialen, aber geistig ist es in allen Weltteilen dabei“, schrieb man in jenen Jahren. „In Australien, Amerika usw., bei Weißen und Schwarzen, bei Gelben und Braunen, bei jungen Völkern und aussterbenden Stämmen – überall stehen Luxemburger Söhne und Töchter auf vorgeschobenen Posten, und pflanzen mit dem Christentum etwas vom Geist Luxemburger Treue ein.“ In einem Aufsatz für Hémecht 2014 hob Historiker und Kolonialforscher Régis Moes hervor, dass die Geschichte der Missionen und Missionare Luxembourgs ein großes Forschungspotenzial biete. Obwohl dieses Forschungsfeld an einer „historiographie éclatée, peu problématisée et peu conceptualisée“ leide, gebe es vielerlei zugängliche Quellen im In- und Ausland.1
Luxemburg tut sich nach wie vor schwer mit seinem kolonialen Erbe – von der Frage der Restitutionen einmal abgesehen. Im Kontext der Wirren, die China durchlief, lässt sich die Sammelfreude der Franziskanerinnen zwar rückblickend als Gnade bezeichnen, für manche Objekte mag sich jedoch die Frage stellen. Ruppert jedenfalls wollte das gesammelte Material ursprünglich dem Museum am Fëschmaart übergeben. Recherchen von Raymond Harsch vor Ort förderten jedoch nichts Vergleichbares zu Tage, was den Schluss nahelegt, dass das Staatsmuseum damals kein Interesse zeigte. Seine eigenen Versuche, die staatlichen Stellen für die Sammlung zu interessieren, seien an Argumenten wie zu wenig „Luxemburg-Bezug“ gescheitert, an nicht genug Ausstellungsraum und dem Risiko, dass die Sammlung über Jahre in den Depots verschwinden würde. Insgesamt sieht Harsch aktuell keine praktikable Lösung, die Sammlung besser zu nutzen oder zu präsentieren, was besonders angesichts der jüngsten Diebstahlswelle chinesischer Artefakte in Frankreich besorgniserregend ist.
Ein daran angrenzendes Forschungsfeld böte der Umstand, dass viele Frauen nicht nur aus tiefem Glauben und missionarischem Eifer, sondern auch aus dem Wunsch nach einem sinnstiftenden Leben in den Orden eingetreten waren. Die Mission eröffnete ihnen zugleich Handlungsspielräume, Bildung und Verantwortung, die ihnen sonst oft verschlossen geblieben wären. Auch wenn es, wurde der Traum oder, je nachdem, die klösterliche Anweisung tatsächlich Realität, zuweilen allzu schnell ging: „Jeder Abschied ist schwer. Eine Gemeinschaft reißt nur unter Schmerzen“, liest man bezüglich der ersten Delegation von 1926. „In diesem Augenblick, wo Männer zögern, sich nach diesem Lande der Wirren einzuschiffen, nehmen diese sechs Frauen aus der Hand ihres Bischofs das Kreuz und tragen es hinaus“, schreibt das Wort.
„Zwei bereitstehende Autos holten uns ab und brachten uns in Windeseile zum Bahnhof. Wie intensiv wir diese letzte kurze Zeit auf heimischem Boden noch auskosteten!“ So berichten die sechs Schwestern in einem nach Hause gesandten Schreiben. Bevor sie Europa verließen, durchliefen sie noch einmal das volle katholische Programm. Über die Schweiz reisten sie nach Assisi und weiter nach Rom. Vermutlich wurden sie in Neapel oder Genua nach China eingeschifft. Dort angekommen, konnten sie wegen „ausgebrochener Unruhen“ den für sie vorgesehenen Posten in Hunan zunächst nicht antreten und blieben vorerst in Shanghai.
Nach dem Sturz der Qing-Dynastie 1911 befand sich China in einer Phase politischer Instabilität und sozialer Zersplitterung. Die Kuomintang (KMT), gegründet von Sun Yat-sen, versuchte, eine vereinte Nation zu schaffen, kämpfte jedoch gegen mächtige regionale Kriegsherren, die ihre eigenen Interessen verfolgten. Parallel dazu wuchs die Kommunistische Partei Chinas (KPCh), die vor allem in ländlichen Regionen zunehmend Unterstützung fand. Ein Wendepunkt war die Nordexpedition von 1926 bis 1927, mit der die KMT unter Chiang Kai-shek versuchte, das Land zu einen. Anfangs kooperierten KMT und KPCh, doch der Konflikt eskalierte, als Chiang brutal mit den Kommunisten brach.
„Damals herrschte in der Heimat bezüglich der Chinamission manche irrige Anschauung“, wie das Wort die Anstrengungen des Frauenordens aus Belair beschreibt, der in Rom um Rat fragte. Von dort kam jedoch lediglich die Weisung, „der Nachschub junger Kräfte sei nicht nur nicht zu unterlassen, sondern sollte im Gegenteil möglichst verstärkt und beschleunigt werden“. Was auch geschah: Bereits 1927 verließen zwei weitere Schwestern Belair in Richtung Shanghai. Des Weiteren, so die Obrigkeit in Rom, sollten die Schwestern (für den Fall, dass einzelne Verbindungswege unterbrochen wären) an sicheren Orten abwarten und sich durch das Studium der Sprache und der Landessitten auf die Missionstätigkeit vorbereiten: „Im Übrigen sollten die evangelischen Arbeiter auf Gott vertrauen.“
Kurz nach der Ankunft der dritten Delegation 1929 starb, aus nicht näher genannten Gründen, Schwester Salesia aus Elvingen, eine der ersten sechs Schwestern, in Huangshigang, wie Mutter Gregoria in ihrer Schrift Im chinesischen Hexenkessel. Missionsfahrt der Luxemburger Franziskanerinnen 1929/30 berichtet. Wo Schwester Salesia sowie ein halbes Dutzend weiterer Schwestern begraben liegen, darüber kann heute nur noch gemutmaßt werden. In den Wirren der kommunistischen Machtübernahme wurde vieles dem Erdboden gleichgemacht. Anderswo, etwa in Wuhan, haben viele christliche Kirchen überlebt. Solcherlei Frauenschicksale (nicht nur innerhalb der Kirche, aber besonders dort) sind leider weitgehend unsichtbar geblieben. Gegenüber Léon Nilles, der 1976 über die Belairer Franziskanerinnen für die Revue berichtete, meinte eine Schwester dennoch über China: „Ech gèng buerbes zrèck.“