Luxemburgensia

Die Sprache der Gewalt

d'Lëtzebuerger Land du 25.12.2020

In Roland Meyers Roman Glous ist es heiß. Ständig herrschen satte 35 Grad Celsius, die Sonne prallt aufs Dorf und strahlt durch die Fenster bis in die hintersten Ecken des Klassenzimmers. Schweiß läuft über die Stirn, es gibt Stress. Die Hauptfiguren stehen an der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend und fühlen, wie es glüht, bis es brennt, bis das Gewitter sich entlädt. Glut ist nicht nur das, was sie umgibt und droht, bald in Flammen aufzugehen. Die Glut steckt auch in ihnen, in ihrer Lust, der Wut und den Wörtern, in der Gewalt.

Das neue Buch von Roland Meyer erzählt die Geschichte der Gewalt, der Erlebnisse eines Jungen, und ist zugleich eine Reflexion der Sprache unseres Erlebten. Der Lehrer, Autor und Musiker hat über 40 Theaterstücke, Jugendbücher und Romane auf Luxemburgisch und Deutsch verfasst. Ist Glous mit seinen jungen Hauptfiguren nun ein Jugendroman? Gewiss auch, aber nicht nur, denn der Stil des Textes lädt zu verschiedenen Lesarten ein. Spannungsvoll rasch, zugleich distanziert und voller subtiler Reflexion, werden verschiedene Themen verbunden. In der Klarheit der Erfahrungen eines jungen Menschen, in der Intensität seines ersten Erlebens, ist es ebenfalls, wie TelMo (2017), ein Kannerbuch fir erwuesse Leit. Ein aufregendes Buch, das schockt.

Aber man erlebt nicht nur die Geschehnisse mit den Protagonisten; auch ihre Welt, und woraus sie gemacht ist, wird untersucht – die Wörter, die die Kinder begleiten, ihr Umgang mit Sprache und Geschichten. Die Botschaften und Erinnerungen, Symbole und Wegweiser, die sich in der Sprache verstecken und die weitergegeben werden. Es wird gezeigt, wie sie die Grenze zwischen Realität und Einbildung verschwimmen lassen können. Ein kluges Buch, absolut lesenswert, das sich in dieser Verbindung zwischen Erlebtem und Betrachtung, mit seinem starken, eigenen Stil, ähnlich Édouard Louis‘ En finir avec Eddy Bellegueule, einen literarischen Ehrenplatz erobert.

Ein etwa 14-jähriger Junge beschreibt seine Erlebnisse in der Schule und seinen Alltag: die Gesten und Aussagen seiner Großeltern, bei denen er und seine Eltern leben. Die Erinnerungen sind haptisch, beschwören Gerüche, Geräusche und Bilder herauf. Sein Vater arbeitet „op der Schmelz“, trinkt und schlägt ihn. Es ist eine kühle Welt, in der Leben und Tod, Gewalt und Waffen, Versagen und Angst, aber auch das gemeinsame Mittagessen und die Liebe des Großvaters zu seinen Kaninchen eng nebeneinander existieren – auch wenn diese geschlachtet werden.

Der Junge macht erste sexuelle Erfahrungen, merkt, wie sein Körper sich verändert und er neue Gefühle entdeckt. Lust, Liebe. Aber seine Welt ist auch brutal; er wird Zeuge des tödlichen Unfalls seiner Mitschülerin Mercedes; in alle dem steckt Gewalt, sprachliche Gewalt, die körperlich wird. Woher kommt diese Gewalt? Mal absichtlich verursacht, mal in Kauf genommen, schleicht sie sich von den Eltern in die Worte, in die Spiele der Kinder ein, die erwachsen sein wollen. Sie kennen keine Bewertung dafür, sie war schon immer ein Teil ihrer Welt, des Schulhofs, ihrer Sprache, der Handlungen der Menschen um sie herum. Gewalt wird erkannt und mit gewissem Stolz reproduziert: „Dat war näischt fir d’Kanner, dat hues de direkt gemierkt“, als gehöre sie zu den neuen Gefühlen, die die Heranwachsenden entdecken. Sie haben davon gehört, sie kennen die Phrasen und die Regeln, und jetzt wollen sie sich ihnen stellen. Der Junge verbringt viel Zeit mit seinen Freunden Tun und Carlo, bis in der Schule Pascal, ein Kind aus dem Jugendheim, auftaucht. Sie haben Namen und Vorurteile für ihn, einer „aus dem Heim“, aber Pascal selbst folgt anderen Regeln ... und er hat ein Messer: „Mee du hues näischt gesot, dech net gemuckst, an diem Moment waars du houfreg, de Pascal als däi Kolleg ze hunn.“

Innerhalb der Schulklasse wird ein ständiger Klassenkampf ausgefochten – mit den Worten der anderen, der Eltern. Er richtet sich gegen den Mitschüler Arseni, denn seine Familie, „dat si Kapitalisten, sot mäi Papp, Kapitalisten, wéi se am Buch stinn. Kee Mënsch konnt soen, wéi ee Buch dat war, an diem d’Kapitaliste stoungen, mee hie sot esou. Mee hie sot och dacks Säckdréier, wéi se am Buch stinn, oder Drecksäck, wéi se am Buch stinn“, zitiert er die Sprache, die benutzt wird, um die anderen zu bezeichnen.

Was aber, wenn die Sprache nicht (mehr) zu dem Erlebten passt? Der Protagonist erkennt allmählich, wie das Gehörte sich von der Realität unterscheiden kann, wenn Bezeichnungen und seine Erfahrungen nicht länger miteinander vereinbar sind.

Auf dieser Schwelle, wie auch er zwischen Jugend und Kindheit steht, bahnt er sich einen eigenen Weg. Er entdeckt nach einem Krankenhausaufenthalt die Sprache der Bücher und der Literatur. Er entdeckt die Macht der Worte, Geschichten heraufzubeschwören. In der Begegnung mit Huck und Tom, „dat ware meng Frënn, meng Helden a meng Virbiller“, oder Kapitän Ahab aus Moby Dick verschwimmen Realität und Fiktion. Er entdeckt neue Lebenswege, Abenteuer, Figuren und Geschichten, die nicht nur ihn und seine Erlebnisse in der Schule und mit Pascal verändern. Es ist die Entdeckung der Macht des Schreibens und der Vorstellungskraft, dass Sprache als Geschichte einen Raum zum Träumen eröffnet. Im Bewusstsein, dass Sprache etwas auferstehen lassen kann, das „Weider!“, „Nach weider!“, „Nach e bësse weider!“ führt, eignet er sich die Sprache an und schreibt seine eigene Geschichte, die sich aus vielfältigen Erfahrungen zusammensetzt, aus Gefühlen, Erinnerungen und Gerüchen, dem Schweiß der Großmutter, der Alkoholfahne des Vaters, aus der Gewalt, den Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, die Spuren in der Sprache der Großeltern, aber auch in der des Jungen hinterlassen haben, genau wie in der richtigen Welt (man muss nur graben!), in der er sich nun bewegt und erinnert. Und erzählt.

Roland Meyer: Glous. Erzielung, Lëtzebuergesch.Op der Lay 2020

Claire Schmartz
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