Mit viel Getöse ging die 76. Berlinale zu Ende. In dem durchwachsenen Wettbewerb waren zumindest einige Bären plausibel. Bleibt die Frage, wie viel Politik verträgt das Filmfestival?

Kino als Widerstands- und Kunstform

d'Lëtzebuerger Land vom 27.02.2026

Zehn Tage lang waren in Berlin 276 Filme zu sehen, wobei die Wettbewerbsfilme die Kritik spalteten. Zu fade, nichts Neues, keine wirklichen Überraschungen befanden einige; vermehrt wurde kritisiert, dass Filme gezeigt wurden, die etwa im Wettbewerb in Cannes abgelehnt worden waren (etwa Rosebush Pruning von Karim Aïnouz), Restposten gewissermaßen; „ein starker Wettbewerb“ befand hingegen die Frankfurter Rundschau.

Mit seinen Aussagen zur Trennung von Kunst und Politik hatte Jury-Präsident Wim Wenders schon zu Beginn eine Polemik ausgelöst. Filmemacher sollten sich aus der Tagespolitik heraushalten ... Wollte er die Kunst vor dem gesinnungswallenden Fahnenschwenken schützen und die Filmschaffenden auf ihre eigentlich geforderte Kernkompetenz verweisen? Wenders sprach sich nicht für ein Politikverbot aus, sondern für das Kino als Kunstform, die Empathie fördern kann. Dennoch ein recht unglücklicher Start, denn so ist diese Aussage natürlich unhaltbar. Dafür muss man nicht Roland Barthes gelesen haben.

Der Unmut über die Aussage Wenders‘ spiegelte sich in einem offenen Brief von mehr als 80 Filmschaffenden wider, darunter Tilda Swinton und Javier Bardem. Sie kritisierten „Zensur“ und das „Schweigen" der Berlinale zum Gaza-Krieg, während sie über den Terror von Hamas, Hisbollah und Iran schwiegen. In dieselbe Kerbe schlug der syrisch-palästinensische Filmemacher Abdallah Alkhatib, dessen Arbeit Chronicles From the Siege als bestes Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde. Er brachte zur Abschluss-Gala eine Palästina-Flagge mit und warf der deutschen Regierung vor, sie sei Partner „des Völkermords im Gazastreifen“. Zudem drohte Alkhatib: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war und geschwiegen hat.“

Unplausibel-gefälliger Goldener Bär

Umso mehr erstaunte dann die Preisvergabe des Goldenen Bärs an İlker Çatak für sein Drama Gelbe Briefe. Denn gerade bei diesem eher schwachen, sehr vorhersehbaren Wettbewerbsbeitrag handelt es sich um ein offenes Statement gegen autoritäre Regime; ein im Theaterbetrieb schaffendes Künstlerpaar zwischen Ankara und Hamburg gerät darin wegen seiner Regimekritik unter Druck. Schwer, dabei nicht an das Erdoğ an-Regime zu denken. „The real threat is not among us. It is out there. It’s the autocrats. [...] Let’s not fight each other. Let’s fight them“, sagte Çatak, als er den Goldenen Bären entgegennahm.

So konnte man sich schon die Augen reiben angesichts dieses nicht gerade einhellig gefeierten Dramas, aber auch, weil diese Auszeichnung im Widerspruch zu den anfänglichen Bekundungen von Jury-Präsident Wenders stand. Oder sollte es angesichts des Wettbewerbs am Ende wenigstens einen Goldenen Bären für Deutschland geben? Seit 22 Jahren waren die deutschen Filme nicht mehr so erfolgreich wie bei dieser Berlinale.

Überraschend war auch der Hauptpreis, der Silberne Bär Großer Preis der Jury für Kurtulus von Emin Alper. Darin belauern zwei verfeindete Clans einander in einem abgelegenen Bergdorf, wobei die Geschichte allein aus der Perspektive des Clans im Oberdorf erzählt wird, während der andere Clan unsichtbar bleibt und dafür umso heftiger dämonisiert wird ... Hinzu kommen Verschwörungstheorien und sich verselbstständigende Desinformation in sozialen Medien.

Verdiente Bären

Vollkommen verdient hingegen der Silberne Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle an Sandra Hüller für Rose von Markus Schleinzer. Hüller spielt in dem beeindruckenden Schwarz-Weiß-Drama eine gewiefte Land-und-Leute-Betrügerin, die sich überzeugend als Mann ausgibt. Einleuchtend erscheint zudem die Vergabe des Silbernen Bären für die Beste Regie für Everybody Digs Bill Evans von Grant Gee. Der sorgsam durchkomponierte Film rund um den Jazz-Pianisten ist eine filmästhetisch eindrucksvolle Hommage an den Film Noir.

Auch dass das Drama der Britin Lance Hammer mehrfach ausgezeichnet wurde, ergibt in dem durchwachsenen Wettbewerb Sinn. Mit Queen at Sea wagt sich Hammer mutig an das Thema Demenz. Ihr Film stellt die Frage nach dem adäquaten Umgang mit einer an fortgeschrittenen Demenz erkrankten Familienangehörigen. Direkt zu Beginn ertappt die Tochter (Juliette Binoche) ihren Stiefschwiegervater (Tom Courtenay) dabei, wie er mit ihrer dementen Mutter Sex hat. Aufgebracht wirft ihn die Tochter aus dem Haus und ruft die Polizei ... Hammer schafft es, das Thema auf sehr explizite Weise zu filmen. Das Drama ist spannend und sensibel erzählt und Binoche glänzt in der mit der Situation überforderten Rolle der Tochter und Mutter. Für die Rolle der Mutter mit fortgeschrittener Demenz und ihren Ehemann erhielten Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay die beiden Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle.

Den Silbernen Bär für das Beste Drehbuch gewann Nina Roza. Das Drama von Geneviève Dulude-de Celles, das zwischen Quebec und der bulgarischen Pampa spielt, erzählt die Geschichte eines Wunderkindes. Doch vielmehr als um den Hauptstrang der Geschichte rund um das mysteriöse, talentiert malende Kind geht es in diesem poetischen Film um Entwurzelung und darum, wie weit man Sorge für (s)ein Kind tragen sollte ... Trotz geistreicher Regie-Ideen und Dialoge fasert das von Wehmut durchzogene Drama gegen Ende hin leider etwas in Kitsch aus. Wer sich selbst ein Bild davon machen will, kann dies im Rahmen des Luxfilmfestivals, wo Nina Roza ebenfalls gezeigt wird.

Ein Highlight des Wettbewerbs war der Film Yo (Love is a Rebellious Bird) von Anna Fitch und Banker White. Nach dem Verlust ihrer Freundin Yo, einer freigeistigen Künstlerin, baute Anna deren Haus im Maßstab 1:3 wie ein Puppenhaus nach. Yo wurde 1924 in der Schweiz geboren, studierte in Basel Kunst und lebte ihr Leben ganz nach eigenen Vorstellungen. Anna Fitch erschuf einen magischen Raum, in dem Yos Geschichten weiterleben und ihre Freundschaft über Yos Tod hinaus fortbestehen kann. Der Film wurde völlig zu Recht als Herausragende Künstlerische Leistung gewürdigt.

Keine Bären

Etwas schade ist, dass Eva Trobischs‘ Drama Etwas ganz Besonderes unprämiert blieb, ein bemerkenswerter Beitrag, indem eine Heranwachsende im Mittelpunkt steht, die an einer Castingshow teilnimmt. Trobischs‘ Drama erzählt jedoch mehr – und zwar von einem Hof in einer abgehängten Region in Thüringen, die schwer vom Strukturwandel betroffen ist. Dieses Drama ist anrührend und schafft es, ein Stück deutsch-deutsche Geschichte einfühlsam zu vermitteln. Ein gutes Drehbuch und ein exzellenter Cast: Vor allem Frida Hornemann beeindruckt in der Rolle der Teenagerin.

In den Bann zog auch Moscas von Fernando Eimbcke. Der mexikanische Film erzählt aus dem Leben einfacher Leute und von ihren Überlebensstrategien. Gezeigt wird die Annäherung zwischen einer anfangs griesgrämigen Frau und einem neunjährigen Jungen. Dessen Mutter ist an Krebs erkrankt und muss sich in einer Klinik einer Chemotherapie unterziehen. Sein Vater „parkt“ seinen Sohn in einer Wohnung gegenüber dem Spital. Der Junge ist verrückt nach Computerspielen und vertreibt sich die Zeit mit dem Abschießen von außerirdischen Eindringlingen – was zum Sinnbild des Kampfs seiner Mutter gegen die Krebszellen wird. Der Beitrag ist interessant gefilmt, wenig prätentiös und die Geschichte geht ans Herz.

Als schräg und unkonventionell gedreht erwies sich Truly Naked von Muriel d’Ansembourg, der in der Sektion Perspectives lief. Bereits die ersten Einstellungen des britischen Films, zwei goldschimmernde Körper, die sich in Zeitlupe bewegen und intim wirken, sind irritierend an- und abstoßend. Nach einem abrupten Schnitt werden die Zuschauer/innen in die kalte Realität eines Pornodrehs katapultiert, wodurch die zentrale Spannung des Films entsteht. Das Drama schafft es tatsächlich, auf urkomische Weise zu untersuchen, wie Pornografie das Privatleben der Beteiligten prägt. Es konzentriert sich vor allem darauf, ob und wie Alec eine „echte“ Beziehung zu Frauen aufbauen kann. Dass er sich ausgerechnet in eine Mitschülerin verliebt, die feministisch sozialisiert wurde, erscheint etwas überkonstruiert ... Dennoch ist Truly naked ein phantasievoller, amüsanter Film.

Special Mention

Im Wettbewerb stach die luxemburgische Filmproduktionsfirma Amour Fou mit drei eindrucksvollen Produktionen auf der diesjährigen Berlinale hervor. Zwar wurden diese in Nebensektionen gezeigt, aber Liebhaberinnen von Koxi ist eine ausgefallen-schräge und mutige Jelinek-Adaptation, Die Blutgräfin mit Isabelle Huppert vermochte ein breites Publikum zu verzaubern und Roya, ein mutiger und eindrucksvoller Film, wurde mit einer lobenden Erwähnung (Special mention) vom Amnesty International Film Award bedacht.

Dass viele der prämierten Werke letztlich von Frauen, eminent politisch oder von Filmschaffenden mit Migrationshintergrund sind, die auf Menschenrechte pochen, zeigt, dass die Berlinale durchaus ein politisches Filmfestival ist. Statt sich in Widersprüchen zu verheddern, verteidigte Festivalleiterin Tuttle denn auch ihr Festival und den Charakter der kontroversen Diskussion proaktiv, wenngleich ihr Fazit fast etwas zu versöhnlich ausfiel: Seine Stimme zu erheben und Kritik zu üben sei Teil der Demokratie.

Anina Valle Thiele
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