Das MNHN steckt voller Kuriositäten – seltene Fossilien, zig Millionen Jahre alte Skelette, grotesk geformte Mineralien. Doch nur ein winziger Teil der Sammlungen des Hauses sind ausgestellt. Hinter der Fassade schlummert ein viel größerer Schatz

Die Spitze des Eisbergs

d'Lëtzebuerger Land vom 07.10.2022

Der Luxemburger Steinzeitmensch Loschbour, in Trenchcoat und Bart, hängt lässig seinen Arm über die Lehne des roten Sofas im Eingang. Er weist den Weg hinein zur Dauerausstellung. Vorbei geht es an einem riesigen Strauß und einer winzigen Antilope, dann werden die Ausstellungsstücke zunächst kleiner und lebloser. In dem Raumabteil stehen die eindrucksvollsten Mineralien, die die Sammlung des Nationalmuseums für Naturgeschichte (MNHN) zu bieten hat – zackige und leuchtend grüne, große, kantige, und leuchtende weiße – hinter Glas, mit Licht in Szene gesetzt. Nur etwa ein Dutzend Mineralien finden hier den Ehrenplatz. Dabei umfasst die Mineraliensammlung des Museums knapp 10 000. Ein Professor aus Brasilien hat dem Museum diese Sammlung 2019 vermacht. Sie ist eine wissenschaftliche Sammlung, ihr Hauptzweck sind nicht Ästhetik und Strahlkraft, sondern die Erkenntnisse, die die Forschung aus den Stücken ziehen kann. Patrick Michaely, Direktor des MNHN, erklärt: „Das sind nicht alles Stücke, bei denen man sagen würde, wow, die müssen wir ausstellen. Aber sie sind von der Komposition oder der Mineralart super interessant. Die Wissenschaftler untersuchen daran, warum es solche Stücke gibt und wie sie entstanden sind.“

Das Museum und seine Ausstellungen sind nur der sichtbare Teil. Dahinter, an das Museum angegliedert, liegen Sammlungen mit zigtausenden Einzelstücken in Lagern. Am Forschungszentrum des Nationalmuseums für Naturgeschichte untersuchen Wissenschaftler die Vorkommen verschiedener Arten in der Natur. Eines der Gebäude des Forschungszentrums steht just gegenüber dem Museum. In den Fluren riecht es nach Desinfektionsmittel, im Biomolekularlabor arbeitet eine Wissenschaftlerin mit Mundschutz und Pipette an der Werkbank, in einem Büro im Obergeschoss liegen einige Fossilien auf Tischen und Wagen herum, große, kleine, in grauem und braunem Stein, in Pappkartons mit Etiketten versehen. In Plastikkisten an der Wand im Regal liegen weitere Exemplare. „Die sind aus den Sammlungen“, sagt Patrick Michaely. „Manchmal werden Sammlungen hervorgeholt, weil sie zum Beispiel für eine aktuelle Studie gebraucht werden.“ Die Fossiliensammlung des Museums ist einige Jahrzehnte alt. Durch neue Funde bei Ausgrabungen wächst sie ständig weiter.

Noch ein Stockwerk höher, unter dem Dach, liegen Bienen, Käfer und andere Insekten in Schubladen massiver Aktenschränke. Patrick Michaely dreht an einem Rad und die Schränke schieben sich zur Seite, öffnen den Gang zwischen Wespen- und Hummelarten. In flachen Holzschubladen schweben die Insekten, fein säuberlich in Reihen, mit Stecknadeln aufgepiekst und mit Etikett beschriftet, pro Art eine Schublade mit etwa 100 Exemplaren. Doch auch die vielen Schubladen mit Insekten und Käfern sind wiederum nur ein kleiner Teil der Sammlung, der Großteil liegt in einem Lager außerhalb der Stadt. Etwa drei Millionen Insektenexemplare hat das Museum. Zurzeit arbeiten die Wissenschaftler an einem Wildbienenatlas für Luxemburg. Etwa 300 Arten gibt es hierzulande. Doch immer wieder verschwinden einige. Die Aufgabe der Forscher ist es, das Vorkommen der Arten zu erfassen. So kann im Nachhinein genau bestimmt werden, wann eine Art ausgestorben ist.

Im Museum teilen sich die Insekten einen Raum mit größeren Tieren, denn Käfer und Wespen sind weniger publikumswirksam als Säugetiere mit großen Zähnen. In der Dauerausstellung finden die repräsentativsten Stücke Platz. „Wir stellen die aus, die gut anzusehen sind und viel aussagen“, sagt Patrick Michaely. Größere Tierarten, Fossilien, deren Musterung besonders gut zur Geltung kommt, kuriose Mineralien, ebenso wie Skelette. Das Skelett eines Meeresreptils zieht sich über die Wand, gut einen Meter lang. Zahlreiche Wirbel setzen sich zu einem Körper zusammen, ein schmaler Kopf. „Auf dieses Stück sind wir besonders stolz. Das ist die echte Melusina. Das lag Jahre lang in einem Keller und wurde erst später entdeckt.“ Dieses Exemplar des Plesiosauriers, ein mindestens 66 Millionen Jahre altes Meeresreptil, wurde Anfang der 1990er in Sanem entdeckt, ruhte dann in den Lagern des Forschungsinstitutes, bis sich 2017 noch einmal eine Paläontologin dem Tier annahm. Erst vor fünf Jahren wurde das Skelett als Sensationsfund erkannt. Mit ihm hat das MNHN eine neue Art bestimmt. Der Microcleidus Melusinae, so wurde die Spezies getauft, ist als Holotypus in die Sammlung eingegangen, ein Referenzstück für die internationale Wissenschaft. Alle Forscher, die über den Plesiosaurier schreiben, werden auf das Luxemburger Exemplar eingehen. „Das sind die wahren Schätze eines naturhistorischen Museums. Und dieses ist in sehr gutem Zustand, der Kopf ist fast vollständig erhalten.“ Solche Funde sind selten, da die meisten Arten, ob Pflanzen oder Tiere, schon bestimmt und beschrieben wurden, und die wenigen Ausnahmen selten ausgerechnet in Luxemburg gefunden werden. Ausgrabungsobjekte bleiben in der Regel in dem Land, auf dessen Boden sie entdeckt wurden.

Die große Mehrheit der neuen Arten, ob Fossilien, Skelette, Pflanzen oder Mineralien, werden nicht während der Feldarbeit entdeckt, sondern in den eigenen Sammlungen. „Nachdem eine Sammlung mal Jahrzehnte nicht durchgesehen wurde, untersucht man sie mit den neuen Erkenntnissen, man weiß mehr und hat bessere Beobachtungsmittel, dann findet man eine neue Art.“ Die Stücke wurden bis zu dieser neuen Untersuchung einer anderen Art zugerechnet oder nicht eindeutig bestimmt, erst bei neuer Betrachtung werden sie neu bestimmt und als Holotypus einer Art erkannt. Viele Stücke in den Sammlungen wurden überhaupt noch nicht erschöpfend untersucht. Etwa 40.000 luxemburgische Fossilien liegen in den Sammlungen, ein Berg an Forschungsobjekten für die Paläontologen – eine Sisyphusarbeit, denn regelmäßig kommen durch Ausgrabungen mehr Objekte dazu.

Am 7. Oktober eröffnet das MNHN die neue Sonderausstellung Impact – Die Biodiversität steht auf dem Spiel. Darin stellt das Museum die Auswirkungen menschlichen Handels auf die Natur dar.

Franziska Peschel
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