Schubladen, Rollregale und Gemäldegitter: Immer mehr Museen richten Schaudepots ein

Verdichtete Darbietung

d'Lëtzebuerger Land du 07.10.2022

Ein Abstellraum ist das jüngste Wahrzeichen von Rotterdam. Das im November 2021 eröffnete Depot Boijmans ist aber nicht irgendeine Rumpelkammer: Winy Maas vom Architekturbüro MVRDV hat für die Sammlung des Boijmans-Kunstmuseums einen rundum verspiegelten Riesentopf entworfen, sechs Stockwerke, 35 Meter hoch im Museumspark, 94 Millionen Euro teuer, auf dem Dach ein Res-taurant und ein Birkenwäldchen. Das Museum selbst ist noch bis 2029 wegen Renovierung geschlossen; die mehr als 150 000 Objekte in seinem Lager können nun jedoch von einem gläsernen Aufzug und vom Treppenhaus aus beäugt werden, hinter großen Fenstern lassen sich auch Restauratoren bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen.

Wieso Rotterdams neuer Selfie-Point das „erste öffentlich zugängliche Kunstdepot der Welt“ sein soll, ist allerdings ein holländisches PR-Geheimnis. In vielen Museen verschwimmen schon seit mehr als 20 Jahren zunehmend die Grenzen zwischen Präsentieren, Erforschen, Konservieren und Aufbewahren. Ist zum Beispiel das Archiv der menschlichen Vielfalt im Genfer Völkerkundemuseum mit seinen langen, in engen Reihen stehenden Vitrinen eine Ausstellung oder eine unterirdische Schatzkammer? Das Schaudepot des Vitra Design Museums in Weil am Rhein, 2016 von Herzog & de Meuron errichtet, zeigt nicht nur kleine Ausschnitte in Wechselausstellungen, sondern dauerhaft die ganze Sammlung – wird aber jedes Jahr umgestaltet. Dieses Jahr hat die Designerin Sabine Marcelis die Möbel und anderen Dinge nach Farben geordnet.

Das erste Depot, in dem sich Anschauen und In-Regale-Wegpacken nicht ausschließen, soll das Museum of Anthropology in Vancouver gehabt haben. Das behauptet jedenfalls das Übersee-Museum in Bremen, das 1999 als „weltweit zweites Museum“ ein Schaudepot eröffnete. Bald nach dem Übermaxx legte sich in Bremen auch das kulturgeschichtliche Focke-Museum einen Erweiterungsbau zu, darin zwei Stockwerke als Schaumagazin für Besucher. Dessen Objekte sind von „Anfangen“ bis „Zu Grabe tragen“ nach Buchstaben geordnet. Unter „Quälen“ sind Pumps zu sehen. Das Spiel mit dem ABC und die „verdichtete Präsentation“ in vollgepackten Vitrinen inspirierte dann ein Reihe weiterer Museen, zum Beispiel die Dauerausstellung Buchstäblich Vorarlberg im Landesmuseum in Bregenz.

Mit Schaudepots kehren Museen zu ihren Anfängen als Wunderkammern zurück, meint Bettina Habsburg-Lothringen vom Joanneum in Graz: Im Culturhistorischen Museum war dort anno 1895 „überquellende Fülle gefragt“ – die gibt es nun wieder im Museum für Geschichte in einer „dichten Collage“ mit über 2 000 Objekten. Während Kunstgewerbemuseen immer schon mehr oder weniger öffentliche Studiensammlungen hatten, sind anderswo Blicke hinter die Kulissen noch gewöhnungsbedürftig. Auf das Schaudepot der Kunsthalle Mannheim reagiert das Publikum unterschiedlich, berichtet Inge Herold: „Viele sind begeistert, andere fühlen sich von der Dichte ästhetisch überfordert.“

Vielleicht können begehbare Lagerräume nicht nur Platz, sondern auch Geld und Arbeit sparen? Im archäologischen Schaudepot beim Kloster Lorch nahe Mannheim wurde auf eine Beschriftung der Exponate verzichtet. Damit „soll der Entdeckergeist angeregt und bewusst Raum für eigene Assoziationen geschaffen werden“. Das alte Heimatmuseum im bayerischen Neustadt an der Aisch wurde geschlossen. Stattdessen gibt es dort jetzt im Schloss ein Schaudepot: Eine Mitmach-Station legt Klebe-Etiketten und Karteikarten bereit, damit Besucher beim Inventarisieren helfen können, beziehungsweise das Museum eigenhändig „als Ort des Sammelns und Bewahrens erleben“.

Dass die Menschheit gern auf Dachböden oder in Schubladen herumstöbert, ist die feste, durch wachsende Besucherzahlen bestätigte Überzeugung des Historischen Museums in Luzern: Das ehemalige Zeughaus ist seit 2003 wieder ein Zeughaus. Die gesamte Dauerausstellung ist als Schaudepot inszeniert: Die letzte Guillotine der Schweiz und 14 000 weitere Objekte lagern in Regalen. Wer dazu Erklärungen wünscht, kann mit Tabletts Strichcodes einscannen. Durch das eigentlichte Museumslager wiederum führen Schauspieler, die zum Beispiel als Depotmitarbeiter verkleidet sind. Angeboten werden Theaterführungen zu Themen wie „Die spinnen, die Römer“, „Rostige Ritter“ oder „Zweiter Weltkrieg: Wenn der Führer ruft“.

Die Liste der Ausstellungs-Depot-Hybride wird immer länger. Diesen Mai wurde zum Beispiel in der ehemaligen Tabakfabrik in Linz das Schaudepot der städtischen Museen eröffnet: rund 550 Exponate in Schaufenstern am Rand des neuen Zentrallagers. Das Stadtmuseum MAS in Antwerpen zeigt in seinem 180 000-Objekte-Schaudepot seit Juli die Ausstellung Ein Blick in die Sammlung. Das Victoria and Albert Museum in London baut gerade das V&A East Storehouse: Versprochen wird ab 2024 eine „völlig neue, immersive Museumserfahrung“ mit „selbstgeführten Touren“ zu mehr als 250 000 Objekten, 350 000 Büchern und 1 000 Archiven auf 16 000 Quadratmetern. Wer bietet mehr Hülle und Fülle?

Martin Ebner
© 2022 d’Lëtzebuerger Land