Ob wir Kaffee wollen, fragt Pascal Jossi diesen Dienstag im Bahai-Zentrum auf Belair. Er trinkt heute keinen, denn wie die Christen und Muslime fasten derzeit auch die Bahai. 19 Tage lang – alljährlich bis zum astronomischen Frühlingsbeginn am 20. oder 21. März. „Der Bahai-Kalender ist eine Mischung aus dem Sonnen- und Mondkalender.“ Eine Vereinigung von östlicher und westlicher Weltanschauung. Pascal ist ein sehr redseliger Mensch. Seit seinem 18. Lebensjahr ist er Teil der Bahai-Gemeinschaft. Aufgewachsen ist der ausgebildete Arbeitswissenschaftler in einer Pflegefamilie. „Mir sinn ëmmer rem Bahai iwwer de Wee gelaaf.“ Erste Gespräche über die Bahai-Religion hatte er mit einer Mitschülerin im Ethikunterricht. Im darauffolgenden Jahr freundete er sich mit einem neuen Mitschüler an – einem Bahai. „Ich war fasziniert, wenn er von der Einheit der Menschheit sprach. Er war auch nicht so wertend wie andere Jugendliche.“ Später nahm er an einer der vielen Freizeitaktivitäten der Bahai teil. Die Religion habe ihm geholfen, in einen cercle vertueux einzusteigen, sagt Pascal, der derzeit als Koordinator und Pressesprecher im Bahai-Zentrum arbeitet.
Zu uns gesellt sich Hooman. Er kam 2017 von Kerman, einer Stadt südlich von Teheran, nach Luxemburg, um an der Universität auf Belval einen Master in Ingenieurwissenschaften mit Schwerpunkt nachhaltiger Ressourcenanwendung zu absolvieren. Weil ihm das Studium gut gefiel, hängte er ein Doktorat dran. Heute arbeitet er als Ingenieur im Bauwesen. Seit zehn Tagen haben seine Eltern in Kerman kein Internet, doch noch gestern hat er mit seinem Vater telefoniert. „In Kerman ist es verhältnismäßig ruhig." Seine Stimme klingt dennoch bedrückt. Er und seine Freunde machen sich nicht allzu viele Hoffnungen auf einen Wandel im Iran. „Und wir wissen auch nicht, wer mit welchem Ziel in den Krieg eingetreten ist. Viele sind frustriert. Möglich ist, dass das aktuelle Mullah-Regime noch stärker wird.“ Schlechte Erfahrungen mit dem Regime hat er viele. Er erinnert sich an eine Lehrerin in der Grundschule, die gefragt hatte, wer in der Klasse Bahai sei. Hooman streckte die Hand aus. Später wollten seine Mitschülerinnen und Mitschüler nicht mehr mit ihm spielen – die Lehrerin hatte ihnen gesagt, er sei „schmutzig“. Hooman wischt sich eine Träne aus den Augen.
Human Rights Watch urteilte im April 2024, die „jahrzehntelange systematische Unterdrückung der Bahais durch iranische Behörden“ käme einem „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ gleich. Die Verfolgung der Bahai sei willkürlich, das Regime beschlagnahme ihr Eigentum, und bisweilen werde der religiösen Minderheit ein würdiges Begräbnis verweigert. Michael Page, stellvertretender Direktor der Abteilung für den Nahen Osten bei Human Rights Watch, meint, kaum ein Aspekt ihres Lebens sei nicht von Diskriminierung betroffen. Ende November letzten Jahres verabschiedete das Europäische Parlament eine Resolution, die die 45 Jahre andauernde Verfolgung der Bahai im Iran verurteilt. Recht spät, aber immerhin alle Luxemburger Europaabgeordneten stimmten dafür.
Wir sitzen in Belair im ehemaligen Wohnhaus von Suzette Hipp. Sie konvertierte 1948 als erste Luxemburgerin zur Bahai-Religion – und vermachte der Gemeinschaft nach ihrem Tod ihr Haus. Damals dürfte die Konversion auf ihre katholische Nachbarschaft kurios gewirkt haben. Denn in gewisser Weise scheint das Bahaitum das Gegenteil des Katholizismus zu sein: Keine Rituale, keine Initiationszeremonien, keine Sakramente, kein Klerus, nur wenige offizielle Orte der Andacht. Die aktuelle Inneneinrichtung ihres einstigen Hauses wirkt derweil Eighties: grauer Bodenteppich, Stühle in gedämpftem Grau-Rosa. „Ab September wollen wir das Gebäude renovieren“, erklärt Pascal Jossi. Sechs Leute arbeiten hier; allein letztes Jahr bot die Gemeinschaft über 140 Aktivitäten – wie Nachhilfe für Schüler/innen und Musikkurse – an denen rund 850 Personen teilnahmen; nicht alle Bahai. Auf einem Tisch liegen Gebetsbücher und neuneckige Sterne, das Hauptsymbol der Bahai. Etwa 500 Bahai leben in Luxemburg, weltweit schätzungsweise fünf bis acht Millionen. Genaue Zahlen sind schwer zu erheben, da viele Gläubige ihre religiöse Zugehörigkeit im Iran aus Angst nicht offenlegen. Neben dem Iran befinden sich größere Gemeinschaften in Indien, den USA sowie in Teilen Afrikas und Lateinamerikas.
Die Bahai-Theologie entstand im 19. Jahrhundert im Umfeld des schiitischen Islams, erkennt jedoch die früheren Offenbarungsreligionen – Christentum, Judentum und Zoroastrismus – als gleichwertige Vorstufen göttlicher Wahrheit an. Die früheren Offenbarungen Gottes seien auf ihre jeweiligen Zeiten zugeschnitten gewesen; der Religionsstifter und Prophet Baha'u'llah habe lediglich eine „Aktualisierung“ – ein Update – der monotheistischen Traditionen angeboten. Pascal Jossi überzeugte dieser Gedanke zu Beginn seiner Konversion: „Et muss een all Relioun an hirem historesche Kontext gesinn a keng kann dofir een Absolutheetsusproch hunn.“ Die Mullahs hingegen verunglimpfen diesen Reformgedanken als ketzerische Apostasie, und verfolgen auch deshalb die Bahai.
In Luxemburg geht die Gemeinschaft auf Honor Kempton zurück, eine Bahai amerikanischer Herkunft. Ab 1947 bot sie den Einwohnern der Hauptstadt eine neue spirituelle Heimat. Um ihre Religion bekannt zu machen, entsenden die Bahai sogenannte Pioniere wie Kempton, die durch einen als vorbildlich erachteten Lebensstil und öffentliche Veranstaltungen Aufmerksamkeit auf ihren Glauben lenken – ihrem Selbstverständnis nach lehnen sie jedoch Proselytismus ab. Ab 1960 stießen Iraner aus dem Iran und den USA zur hiesigen Gemeinschaft hinzu, darunter Aziz Khabirpour aus Teheran, der sich hierzulange im „nationalen geistigen Rat der Bahai“ engagierte. Durch seine Freundschaft mit dem LSAP-Justizminister Robert Krieps erwirkte er, dass die luxemburgische Regierung verhältnismäßig vielen im Iran verfolgten Bahai Asyl gewährte. Ab 2015 setzte sich der LSAP-Außenminister Jean Asselborn auf Anregung der Familie Khabirpour für im Jemen inhaftierte Bahai ein. Aziz’ Sohn, Fari Khabirpour, heute ein bekannter Psychologe, kam 1960 im Alter von acht Jahren nach Luxemburg. Er erinnert sich diesen Mittwoch im Gespräch mit dem Land an den Iran unter dem Schah: „Ech hu positiv Erënnerungen un déi Zäit, den Iran ass ee formidabelt Land mat enger grousser literarischer Traditioun, Poesie, Musék, Mystik, an d'Mullahen wëllen dat futti maachen.“ Seit 1979 hat er den Iran nicht mehr besucht – „wëll deen Iran ass net mäin Iran“.
Fari Khabirpour verbindet größere Hoffnungen als Hooman mit dem jetzigen Krieg. Er sprach sich Anfang März im Radio 100,7 für den Angriff aus, denn mit dem aktuellen Regime seien Verhandlungen hoffnungslos. Diesen Mittwoch erklärte er, er glaube, das Regime werde zusammenbrechen, da es keinen Rückhalt in der Bevölkerung habe. Vielleicht brauche es noch etwas Zeit, bis die Revolutionsgarden umkippen; doch er könne sich vorstellen, schon in einigen Monaten wieder in sein Geburtsland reisen zu können. Im 100,7-Interview bezeichnet er sich nicht als Anhänger der Schah-Dynastie; doch in Reza Pahlavi, dem ältesten Sohn des letzten Schahs und einstigen Kronprinzen, der heute in den USA lebt, sieht er einen Hoffnungsträger: „Er kann das Volk zusammenbringen, er will demokratische Wahlen, und er will Religion und Politik trennen – wie es einst sein Vater tat.“ Letzteres ist ein Grundsatz, an dem die Bahai festhalten. Gegenüber dem Land betont Kabhirpour: „Wir sind parteipolitisch neutral, auch wenn bekannt ist, dass ich für die LSAP-CSV-Regierung das Centre de Rétention leitete. Wir bemühen uns, unserem Land allgemein zu dienen.“ Sein Sohn Sina Khabirpour arbeitete 2013/2014 als Jurist bei den Vereinten Nationen und vertrat Luxemburg im UNO-Sicherheitsrat. Seine Tochter Sarah Khabirpour war von 2009 bis 2013 Kabinettschefin von Finanzminister Luc Frieden – hier wurde die Linie zwischen parteipolitischer Unterstützung und politischem Engagement allerdings dünn. Der CSV-Politiker zeigte sich dem religiösen Hintergrund seiner Mitarbeiterin gegenüber nicht gleichgültig: 2011 besuchte er das Bahai-Zentrum in Luxemburg, zwei Tage vor dessen Nationalversammlung. Der damalige Bahai-Ratspräsident bezeichnete den Besuch als „historisch“, da es der erste eines Mitglieds der luxemburgischen Regierung war. Anders als ihr Vater haben seine Kinder Sarah und Sina Kabhirpour den Iran noch nie besucht.
Das administrative und spirituelle Weltzentrum der Bahai befindet sich in Haifa, im Norden Israels. Das hat einen historischen Grund. Nachdem Sayyid Ali Muhammad sich zum „Bab“ („Pforte“) einer neuen Offenbarung erklärt hatte, wurde er 1850 von den iranischen Behörden hingerichtet. Daraufhin trat Baha'u'llah seine Nachfolge an und verkündete eine religiöse Erneuerungsbewegung – woraufhin die schiitischen Autoritäten auch ihn zu verfolgen begannen. Baha'u'llah floh schließlich nach Palästina, wo er 1892 starb. Im Exil erlebte der Religionsgründer dennoch eine produktive Phase: Er verfasste ein umfangreiches Werk mit Betrachtungen zu Ethik und bahaitischen Institutionen, Prophezeiungen und Briefen an Weltführer. Sein Schrein ist heute einer der bedeutendsten Pilgerorte der Bahai. „Als ich 20 war, habe ich eine zehntägige Pilgerschaft absolviert, um mich auf meine Berufswahl zu besinnen“, sagt Pascal Jossi. Auch Fari Kabhirpour war öfters in Haifa – „um in mich zu gehen und Freunde dort wiederzusehen“. Die Familie Khabirpour ist in der internationalen Bahai-Gemeinschaft gut vernetzt. Aziz Khabirpour war von 1974 bis 1984 als Ingenieur am Bau des Universalen Hauses der Gerechtigkeit in Haifa tätig. Dort machte er spirituelle Erfahrungen, wie ein Nachruf schildert: „Zu Beginn seines Aufenthalts in Haifa träumte Aziz, dass er in Begleitung 'Abdu'l-Bahás in die Gegenwart Baha'u'llahs gelangte. Die Gesegnete Schönheit stand auf dem Balkon eines auf einem Hügel gelegenen Hauses, winkte ihm, näherzutreten, und sprach die Worte: Komm herein! Komm herein! Am nächsten Morgen, als er seinen Traum schilderte, vermochte er seine Tränen nicht zurückzuhalten.“ Hooman aber kann nicht nach Haifa reisen. Er besitzt einen iranischen Pass – und seine Familie im Iran müsste Repressalien befürchten, würde sein Aufenthalt in Israel bekannt. Pascal Jossi schätzt, dass etwa 20 Prozent der hiesigen Bahai in Iran geboren wurden; viele mit direktem Iran-Bezug, wie Fari Khabirpour, besitzen mittlerweile den luxemburgischen Pass.
Die hierarchischen Strukturen der Bahai und das Zentrum in Haifa solle man aber nicht überschätzen. „Bei uns gibt es kein Priestertum – jeder kann einen direkten Draht zu Gott aufbauen“, sagt Pascal Jossi. Laut dem Reformer Baha'u'llah bedürfe es in Zeiten hoher Alphabetisierungsraten keines Klerus mehr (eine Idee, die die Mullahs zwangsläufig provoziert). Deshalb lebten viele Bahai ihre Religion auch recht persönlich und lokal angepasst. Das Bahaitum solle man auch nicht mit Gurutum und Personenkult in Verbindung bringen, mahnt Fari Khabirpour – „deshalb bitte kein Foto von Baha'u'llah bei diesem Text“. Darüber hinaus betont er, dass sich der spirituelle Sitz in Haifa befindet, „huet näischt mat Israel als Staat ze dinn“. So sahen es Pascal Jossi und Hooman am Dienstag auf Belair auch. „Als Baha'u'llah starb, gab es den Staat Israel noch nicht, Haifa war Teil des ottomanischen Reiches“, sagt Pascal Jossi, und will die parteipolitische Neutralität der Bahai erneut in den Vordergrund rücken: „Wir äußern uns nicht zu aktueller Politik, wir erkennen bei diesem Krieg vor allen, dass Baha’u’llah recht hat, wenn er schreibt, die Menschheit müsse erkennen, dass sie in ihrer Diversität vereint sein muss.“ Für das Mullah-Regime jedoch ist der Sitz in Haifa verdächtig, es wirft den Bahai vor, Agenten des Zionismus und Imperialismus zu sein.