„De (Jean Édouard)Wolff huet de leschte Wollef gekillt? Wéi cool as dat dann! Homo lupo lupus kann ech do just soen: De Mënsch ass dem Wollef e Wollef…“ 1
Gewebeproben gerissener Schafe entnommen, lieferten am 15. Juli 2017 den ultimativen Beweis: In Luxemburg sind Wölfe anwesend. Nach 124 Jahren wurde die erneute Anwesenheit des Wolfes deklariert. Schon in den Jahren davor war aufgrund von Augenzeugenberichten und weiterer Indizien über die mögliche Rückkehr des Wolfs spekuliert worden. Dieses Mal kam es zu einer Tatsachenentscheidung und das Sachverständigengutachten klassierte nach streng naturwissenschaftlichen Kriterien den Fall als „C1 (hard evidence)“. Beim Lesen des forensischen Berichts der Luxemburger Naturverwaltung, mit seiner akribischen Dokumentation aller Spuren, drängt sich der Vergleich mit einem „Tatort“ geradezu auf. Er liegt in Garnich-Holzem, einem Gebiet nur zehn Kilometer westlich des Hauptstadtzentrums – ein Gebiets, das bereits als als altes Wolfsrevier bekannt war. Jedenfalls sind in dieser Zone von 1766 bis in die 1880er-Jahre immer wieder Wölfe erlegt worden. Seit 2017 wurden immer wieder Wölfe gesichtet oder nachgewiesen, wie 2023 in Wintger, und erneut letzte Woche. Die Naturverwaltung bestätigte vergangenen Donnerstag, dass der dortige Riss von fünf Schafen durch einen Wolf verursacht wurde. Bisher hat sich aber noch kein Rudel in Luxemburg niedergelassen.
Zwischen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts und dem Ende des 19. Jahrhunderts wurden im gesamten Luxemburger Land etwa 2 000 Tiere erlegt, wie historische Abschusslisten, Prämienauszahlungen und glaubhafte Presseberichte belegen.2 Nach den Abschüssen der vorgeblich letzten Wölfe in Luxemburg und der Großregion entstand eine rund hundert Jahre dauernde Präsenzlücke. Zur gelegentlichen Sichtung von Einzeltieren, sogenannter Wanderwölfe (oder Verwechslungen mit diesen), kam es immer wieder. Eine mögliche erneute dauerhafte Ansiedelung durch Wölfe würde heute unter einem soziokulturell und sozioökonomisch bedingten Mentalitätswandel erfolgen, der eine Dauerpräsenz des Raubtieres erst möglich macht.
Historisch gesehen zählt das Großherzogtum bei Dezimierung und Vertreibung des Wolfes in Mittel- und Westeuropa zu den Nachzügler-Regionen. Auf den britischen Inseln wurden die letzten Wölfe bereits Ende des 17. Jahrhunderts erlegt. Andererseits vermochten sich Restbestände der Spezies in alpinen Rückzugsgebieten sowie in östlichen beziehungsweise südöstlichen Randlagen Europas bis heute halten. Rückblickend sind für eine regionale Ausrottung vier Faktoren ausschlagend gewesen: der Grad staatlicher Zentralmacht, politische Kontinuität, Krieg und Frieden, geographische Isolierung beziehungsweise territoriale Konnektivität des Naturraumes. Für Luxemburg seit der Zeit des Département des forêts (1795-1815) können drei Wellen festgestellt werden, bei denen den Behörden 1 787 Tiere vorgelegt wurden. Diese Konjunkturen sind mit Regimewechseln zu erklären. Denn erst mit der stabilen politischen Entwicklung des Großherzogtums während der langen Friedensphase nach 1839 – und trotz des, weil kurzen Krieges von 1870 – kippte die Situation. Die Statistiken lassen den Rückschluss zu, dass sich die Wolfsbestände nach Phasen intensiver Bejagung bis dahin immer wieder erholen konnte, vor allem durch Zuwanderung, denn geographisch ist Luxemburg Teil des Rheinischen Schiefergebirges, das als länderumspannende Ost-West-Transversale von den Ardennen bis ins Hessische Bergland reicht. Ab Mitte des 19. Jahrhundert intensivierte sich zeitgleich die Bejagung in Luxemburg und seinen Nachbarstaaten. Dem Wolf wurde die Möglichkeit genommen in Ruhe- und Rückzugsräume auszuweichen, wo sich die Bestände regenerieren hätten können und er wurde so auch hier sukzessive aus einem angestammten Lebensraum verdrängt.
Ende des Jahrhunderts liegen für Luxemburg auch keine Meldungen mehr über den Fund/Tötung von Nestwölfen vor, das sind säugende, teilweise noch blinde Welpen, die ein starker Indikator für Revier- und Rudelbildung, also Sesshaftigkeit gewesen wären. Letzte Angaben, zumindest auf den Abschusslisten, gehen in Luxemburg diesbezüglich auf die 1860-70er-Jahre zurück. Gerade die Tötung des Nachwuchs unter breiter Beteiligung der Landbevölkerung bei der Aushebung der Wolfsbauten erwies sich nicht nur in Luxemburg als effektivste Vorgehensweise zur Tilgung eines „Schädlings (animal nuisible)“, wie es in den Verwaltungsakten und der Presse der Zeit lautet.
Zwischen Vernichtung und Willkommenskultur
So frappierend die historische Wortwahl selbst aus der jüngeren Vergangenheit heute auf uns wirkt, so frappierend sind gegenwärtig die semantischen Verschiebungen im Sprachgebrauch und der Verwissenschaftlichung, ja teilweise Humanisierung der Wolfsfrage. Der Wolf wurde zu einem „Sinnbild einer neuen Aufmerksamkeit für das, was in der Ökologie als ‚more-than-human-world‘ diskutiert wird und auch in der Anthropologie eine veränderte Sichtweise auf Mensch-Umweltbeziehung ermöglicht hat“, hält die Broschüre einer Ausstellung zum Thema Wolf in der Schweiz 2017 fest. Wenn ein deutsches Jagdmagazin wie Pirsch den programmatischen Untertitel „Respekt vor dem Wilden“ trägt, dann bekommt ein Apex-Prädator wie der Wolf auch seine Chance auf Rückkehr und ein Lebensrecht. Die Anthropomorphisierung von Tieren ist literarisch so alt wie die Fabel, die Gleichsetzungen darin schillernd.
Das jetzt aber vom „Bruder Wolf“ die Rede ist und Wölfe als willkommene Heimkehrer gefeiert werden, ist neu. Heute werden für Wölfe justament auch dort Denkmäler errichtet, wo sie einst besonders intensiv gejagt und vertrieben wurden – ehemalige „Aussiedler“ sozusagen, denen besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Für den ersten Wolfswurf auf bundesdeutschen Boden etwa, wurde so ein Gedenkstein gesetzt oder ein anderer zur Markierung von Wanderrouten als einen vorgeblichen Wolfsweitwanderweg, der von Moskau bis in die Ardennen (Inschrift: „Wolfs-Fernwechsel Moskau-Ardennen“) führen soll, initiierte und errichtet vom Freundeskreis freilebender Wölfe e.V. 2012. Moderne Technik macht es möglich, Wanderrouten einzelner Tiere lückenlos zu dokumentieren, die auch, mit Kennnummern versehen, individualisiert und monitorisiert werden. Deren Daten werden fortlaufend in ein Netzwerk von staatlichen und nicht-staatlichen Dokumentationszentren eingespeist– der „gläserne Wolf“ sozusagen. Nach ersten „Problemwölfen“ machen in der Presse jetzt „Weitwanderwölfe“ mit immer neuen grenzüberschreitenden Mobilitätsrekorde die Runde: „Knapp 2 000 km zog ein Wolf durch vier Länder und seine Wanderung ist noch nicht zu Ende“, meldet Pirsch Ende März 2023. Dieser „M237“ durchschwamm auch die Donau und hat zwischenzeitliche wohl eine Wolfspopulation in den rumänischen Karpaten erreicht. „Ein Wolf mit Weltrekord-Wanderung!“, meldete die Bild-Zeitung im März ein Jahr später. Einen deutschen Wolf aus Niedersachen mit der Kennnummer GW1909m zog es bis ins spanische Katalonien, also 1 190 Kilometer Luftlinie entfernt.
Genetische Fingerabdrücke ermöglichte schon die Aufschlüsselung der Herkunft rudelbildender Wolfszuwanderung nach Belgien, und zwar in die Nordeifel und in das Hohe Venn. Diese dauerhafte Ansiedelung geht auf „deutsch-polnische“ Einwanderer und Einwanderinnen und einem „Italiener“ zurück, wie der transnationale Stammbaum der drei Rudel beweist. Neben diesen Revierwölfen wurden 2023 für den belgischen Bestand noch 35 „Streuner“ gezählt. Die unter Führung von Laurent Schley in Luxemburg identifizierten Wölfe von 2017 und 2020 entstammten gleichfalls unterschiedlichen Populationen alpinen und zentraleuropäischen „Migrationshintergrundes“. Das Exemplar aus dem Osten wurde mit der Genotypnummer GW1608m versehen und ist besser bekannt unter „Lulu“. Über Zahl, Zusammensetzung und Verteilung von lebenden Wölfen ist man – im Gegensatz zur Ausrottungsphase – heute also bestens informiert. In der Bundesrepublik gibt es dazu sogar ein Bulletin – die „Rudelnachrichten“.
Der Wolf ist demnach zu einem Politikum und Person öffentlichen Interesses geworden. In Hinblick auf Natursehnsucht und atavistischer Modernität kam es in Europa zu hitzigen Debatten und Friktionen. Wie ist hier die Situation in Luxemburg? In seiner Lizentiatsarbeit aus dem Jahre 2015, die auf Interviews und Fragebogen beruht, kommt Tun Weber zum Schluss, dass die Luxemburger Bevölkerung dem Wolf gegenüber durchgehend positiv eingestellt ist; stakeholder, also solche Personengruppen, die direkt von Wolfsaktivitäten betroffen sind wie Jagdpächter, Landwirte, Ziegen- oder Schafshalter, waren zehn Jahre davor aber noch deutlich negativ eingestellt. Einen diese Pionierarbeit nachfolgender Zustandsbericht mit belastbarem Datenmaterial wird, wie Insider versichern, von der Regierung bis heute unter Verschluss gehalten. Die Interessensgruppen sind – kaum verwunderlich – die gleichen geblieben. Nur der Wind hat sich gedreht. Und zwar deutlich: Europaweit nimmt die Skepsis zu, besonders in den vom Wolf neubesiedelten Staaten Europas. So wurde 2025 der absolute Schutzstatus des Wolfes innerhalb der EU heruntergestuft, was die Bejagung des Tieres erleichtert. Luxemburg ist hier von Anfang an mitgezogen.
In Luxemburg wird dem Wolf wohl bestenfalls eine symbolische Präsenz als Teil einer verwalteten Natur (in einer Administration de la nature et des forêts) ermöglicht; dem Wolf oder anderen Großraubtieren aber keine grundlegende Funktion in einem Zurück zu einem „natürlichen Gleichgewicht“ zugestanden werden. Symbolischer Bestand auch deshalb, weil in der freien Wildbahn vielleicht ein kleines Rudel zugelassen werden könnte, das aber hinsichtlich Aufenthalt, Vermehrung, Verhalten und Gesundheitszustand streng monitorisiert bleiben wird. Ein solches Wolfsrevier gleicht dann eher einer Art Freigehegehaltung mit unsichtbaren, virtuellen Grenzen. Zum genuinen Arterhalt wird die sehr wahrscheinliche Hybridisierung (mit Haushunden) unterbunden, weil solche Welpen dem natürlichen Kreislauf „entnommen“ werden (so die euphemistisch-administrative Umschreibung für Tötung oder bestenfalls Gehegehaltung auf Lebenszeit). Was bleibt ist zumindest das gute Gefühl, dass es den Wolf wieder bei uns gibt. Und wenn er heult, läuft einem vielleicht ein wohliger Schauer über den Rücken – dann jedenfalls authentischer als im Bettenburger Park von der Aussichtsplattform auf die nordamerikanischen Timberwölfe. p