Luxemburgensia

„Demokratie“

d'Lëtzebuerger Land vom 03.12.2021

Das Großherzogtum Luxemburg ist eine Demokratie. Dass uns, zumindest aus der Innenperspektive der Bewohnerinnen dieses Landes, diese kontraintuitive rhetorische Kombination aus Volksherrschaft und Aristokratie nicht stutzen lässt, beruht auf der jüngeren Geschichte unseres Landes. Bis 2008 wirkten gleichzeitig durch Wahlen und durch Geburt bestimmte politische Anführer; eine Kompromisslösung, die einen politischen Spagat schaffte – have your cake and eat it too. Seitdem ist die politische Rolle des Großherzogs rein repräsentativ und protokollarisch, doch uns interessiert im Folgenden vor allem die Zeitspanne davor: Denn dass die Realität der luxemburgischen Politik diese beiden Pole bis heute zumindest protokollarisch vereint und sie sich auch in der Selbstwahrnehmung der Bewohner des Landes im Einklang befinden, hat laut André Linden seinen Ursprung im zweiten Weltkrieg.

In seinem Buch Luxemburgs Exilregierung und die Entdeckung des Demokratiebegriffs untersucht André Linden anhand von Schriftzeugnissen aus dem Zweiten Weltkrieg (Briefe, Reden und Ansprachen der Großherzogin Charlotte, Entwürfe, Artikel usw.), sowie anhand historischer Werke und Studien die Diskurse der Exilregierung und die zunehmende Verwendung des „Demokratie“-Begriffs.

Die Großherzogin Charlotte, der Regierungschef Pierre Dupong, der Verkehrs- und Justizminister Victor Bodson sowie die Minister Joseph Bech und Pierre Krier waren im Mai 1940, nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Luxemburg, nach Frankreich geflohen und wählten später London als offiziellen Sitz der Exilregierung. In den Jahren 1940 bis 1942 steuerte die Exilregierung den Diskurs über das Schicksal der Nation, die unter deutsche Herrschaft gefallen war und ihre Unabhängigkeit verloren hatte. In Berufung auf die Atlantikcharta von Franklin D. Roosevelt und Winston S. Churchill (1941) profilierte sich schnell „Demokratie“ als Schlagwort, das die Einheit und Einigkeit der Luxemburgerinnen und Luxemburger verkörperte und die sozialpolitischen Errungenschaften der Zwischenkriegszeit betonte: Diese demokratischen Prinzipien wurden im Folgenden zum Fundament der Forderung der Unabhängigkeit und Befreiung von den deutschen Invasoren. Und im Zentrum der „kleinen“ oder „sehr kleinen“ Nation, wie die Exilminister stets betonten, wurde paradoxerweise die Großherzogin Charlotte als „demokratische“ Führerin aufgebaut, ihre Person und Rolle in Luxemburg idealisiert: Sie wurde zum Symbol, zur Überfigur des „Demokratie“-Narrativs Luxemburgs (S. 154).

In seinem Buch zeichnet Linden ein breites Panorama der damaligen Gesellschaft und der Bedeutung des Begriffes „Demokratie“ in den Reaktionen auf die deutsche Kriegsführung, einerseits im Ausland, andererseits in den Diskursen der Bevölkerung selbst (z.B. durch Briefe) oder in den öffentlichen Äußerungen der Exilregierung. Hierzu werden chronologisch und in textnahen Analysen bedeutende Zeitzeugnisse untersucht, die die Diskurse und die zunehmende Bedeutung der demokratischen Werte in der luxemburgischen Geschichte erkennen lassen. André Linden ist Historiker, Philosoph und Germanist und hat verschiedene Artikel über die Repräsentation nationaler Identität im Großherzogtum sowie eine Studie über die BBC-Ansprachen der Großherzogin Charlotte verfasst (2002). Das vorliegende Buch wurde aus seiner Masterarbeit in europäischer Zeitgeschichte an der Universität Luxemburg weiterentwickelt.

Da es sich um eine historische Abhandlung handelt, ist der Umgang mit den Quellen sehr detailliert und vollzieht stets nach, welche Dokumente oder Fassungen von Reden existieren und auf welche unter welchen Gesichtspunkten Bezug genommen wird. Sorgfältig und fundiert recherchiert, vollzieht das Geschichtswerk kleinteilig die Nennungen und Anwendungen des Begriffes „Demokratie“ in der Exilzeit der luxemburgischen Regierung nach, wobei auch die grundsteinlegenden Werke von Haag/Krier sowie Heisbourg zu dieser Periode und den Ansprachen der Großherzogin Charlotte stetige Begleiter sind, die mit wachem Auge konsultiert werden – wobei auch Widersprüche oder Ungenauigkeiten aufgezeigt werden. Auch fehlt es nicht an Verweisen auf den luxemburgischen, in Washington eingesetzten Botschafter Hugues le Gallais, zu dem die spannende, mit Informationen gespickte und zugleich gut lesbare Biografie von Paul Schmit (Editions Saint-Paul 2019) zu empfehlen ist.

Lindens Luxemburgs Exilregierung und die Entdeckung des Demokratiebegriffs bildet seine weitreichende Recherche zur Geschichte eines Begriffes und den politischen Ausmaßen seiner Realisierung ab – für die Staatsform, die Selbstwahrnehmung einer Gesellschaft sowie für die Rolle der großherzoglichen Familie –, hätte aber für ein Laienpublikum etwas entschlackt werden können. Geschichtsbegeisterte kommen dafür bei dem detaillierten Umgang mit den Quellen voll auf ihre Kosten und werden wohl, vom Thema eingenommen, den Faden zu der einen oder anderen Quelle aufgreifen und verfolgen wollen – die Klebebindung hält das soweit, bei allem wilden Hin- und Her-Blättern, aus.

André Linden: Luxemburgs Exilregierung und die Entdeckung des Demokratiebegriffs. Capybarabooks, Mersch & Editions forum (2021). 208 Seiten. 20,00 Euro

Claire Schmartz
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