Luxemburgensia

Moi, Ingrid: der Jugendroman von Inès Pyziak

d'Lëtzebuerger Land vom 14.10.2022

Eines Tages hat Ingrid genug. Sie beschließt, ihre Familie zu verlassen und auf einem Segelboot anzuheuern. Sie will nach Madrid, dort ihren 18. Geburtstag feiern, Jura studieren und endlich das beklemmende Leben in Frankreich hinter sich lassen. Inès Pyziaks Buch Moi, Ingrid handelt von der Suche nach Freiheit, Unabhängigkeit, von der ersten Liebe, von Trennungen und den ersten Plänen als junge Erwachsene. Es ist ein abenteuerliches Jugendbuch geworden.

Inès Pyziak, geboren 2001 in der Schweiz, lebt seit 2004 in Luxemburg. Die junge Autorin gab bereits 2016 mit Marc Schneider in der Reihe SOS Passage au lycée ein Französisch-Lehrbuch für Schüler und Schülerinnen der sechsten Klasse heraus, in dem sie den Großteil der Lesetexte verfasste. Moi, Ingrid ist ihr zweiter Roman und die Fortsetzung des Grundsteins, der 2014 in ihrem ersten Kurzroman für Jugendliche Moi, Ingrid. En vadrouille (Éditions Guy Binsfeld), gelegt wurde. Pyziak verfasste ihn im Alter von elf Jahren. Mit dem Reisebericht Moi, Ingrid, der nun als ausgereiftes, spannendes Buch vorliegt, ist die junge Autorin auch erzählerisch bereits einen großen Schritt weiter. In Ingrids Tagebuch, das zu einem Logbuch wird, lesen wir von den Abenteuern der 17-jährigen Heldin, erleben sie also aus dem Innenleben der erzählenden Schreibenden mit.

„Ça y est“, schreibt sie am Sonntag, den 19. Juli, als sie den Plan fasst, eine Anzeige zu schalten, um wegzugehen, um wegzukommen. Sie will mitten in der Nacht von einem Segelboot abgeholt, regelrecht gerettet, werden. Sie will alle Widerstände überkommen, ihre eigenen Träume verfolgen – und auf nach Spanien. Was wie ein Märchen oder ein räuberischer Traum klingt, wird bald Realität. Sie findet ein Boot, kann sich nachts aus dem Haus schleichen und schafft es tatsächlich, sich auf ihre große Reise zu begeben. Doch schnell muss Ingrid feststellen, dass nicht alles so einfach ist, wie sie es sich ausgemalt hat. Auf ihren Streifzügen an Bord und nach den ersten, mysteriösen Begegnungen mit der Crew wird ihr klar, dass sie sich Hals über Kopf in eine regelrechte Räubergeschichte verstrickt hat. Denn die Crew hat ein illegales Geheimnis. Die Männer wollen die Fracht eines gesunkenen Bootes rauben. Und ihre Mitseglerin Ingrid ist ein Teil ihres Plans ...

Zwischen Eigenständigkeit und großen Lebensplänen handelt die Geschichte der Segelreise der jungen Ingrid von Verantwortung und tollkühnen Träumen, vom Größerwerden. Es ist ein kurzer, aber rasanter Jugendroman mit Höhen und Tiefen, genau wie ein stürmisches und dann wieder ruhiges Meer. Ein Logbuch in knappen, einschlägigen Kapiteln, das schnell einen Sog entwickelt. Dennoch könnte der Ausgangsplot, der relativ schnell abgehandelt wird, sprachlich noch fühlbarer gemacht werden. Die „böse Mutter“ wird zwar angeführt, aber die „beschwerlichen Umstände“ (am Beispiel des Taschengeldproblems) sind ein fast kindlicher, märchenhafter Auslöser von Ingrids Flucht. Man weiß aus der Film- oder Romanlogik, dass es für den Plot dieses spannenden Coming-of-Age-Roman eine schwierige Ausgangslage geben muss. Aber die Schwere der bedrückenden Situation erfühlt man sprachlich nicht genug. Zum Beispiel im Charakter der Nebenfiguren, die randständig bleiben und fassbarer sein könnten. Auch könnten Stimmungen und Schauplätze stärker evoziert werden. Als Leserin geht es mir manchmal fast ein bisschen zu schnell. Als Ingrid an Bord geht, will man diesen Moment noch stärker nacherleben: den Bruch zwischen Zuhause und Aufbruch, Flucht und Träumen. Die Stimmung an Bord, die urgruselig sein muss, wie die Erzählerin sie ja auch beschreibt. Aber wir wollen noch ein bisschen mehr davon. Oder wenn Ingrid tauchen lernt: Das wollen wir miterleben! Und wer sind die Männer auf dem Boot? Das sind auch echte Abenteuer, die den Leserinnen und Lesern das Herz vor Spannung höherschlagen lassen; die wir sehen, lesen, miterleben wollen: Die „choses bizarres qui se passent sur ce
bateau“. Doch damit bewegen wir uns auch schon innerhalb von sprachlichen Feinheiten in der erzählerischen Vorgehensweise, die sich gewiss in kommenden Büchern noch weiter schärfen wird. Spannend erzählt ist die aufregende Reise, die Entscheidungsfreude und Entschlossenheit der jungen Heldin in Moi, Ingrid allemal. Ein gutes Buch einer vielversprechenden Autorin. Für Jugendliche, 10-14 Jahre. 

 

Inès Pyziak: Moi, Ingrid. Roman. Français. Éditions Guy Binsfeld. 2022. 96 S. 15,90.-€

Claire Schmartz
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