Neue Urbanität

Sprechblasen

d'Lëtzebuerger Land du 03.03.2001

Wenn in Luxemburg ein neues Stadtviertel von der Größe des Plateau Bourbon geplant wird, dann macht es Sinn, dass nicht nur die lokale Politik sich darum bemüht. Der von Innenminister Michel Wolter vorgestellte Plan für die Erschließung der Industriebrache von Esch-Belval ist ein nationales Ereignis, womit auch ein Zentrumsabgeordneter sich befassen kann und soll.

 

Das "gemischte" Stadtviertel ...

 

Eine neues Stadtviertel wird geplant, von Grund auf. Dabei sollen die verschiedenen Entwicklungsphasen rationell angegangen werden, um eine "richtige" Mischung von Funktionen - Wohnen, Mobilität, Freizeit, "Entertainment" (ja, so heißt das in der deutschen Planersprache!), Wirtschaft, Intellektuelles - zu erreichen. Kleine Geschäfte - wohl Bäcker, Metzger, Krämer u.ä.m. mit "an den 'Tag- und Nachtbetrieb' angepassten Ladenschlusszeiten" (S.14) - gehören der Vorstellung der Planer zufolge dazu. Verkehrsmäßig will man die Leute in das Viertel mit Bahn und PKW einschleusen, sie dann überzeugen, ihr Fuhrwerk auf dem Park and ride abzustellen, um das Stadtviertel nicht mit Durchgangsverkehr zu belasten. "Der PKW- und LKW-Verkehr soll auf Anliefererverkehr beschränkt werden." (S. 14) Für den Rest soll man zu Fuß gehen. 

Eine ideale Vision eines gemischten Viertels eigentlich, aber doch wohl stark idealisiert. Denn in der heute real existierenden Stadt sieht das ganz anders aus.

 

... ein nicht existierendes Ideal

 

Die Hauptstadt drängt sich da als Vergleich auf. Das hauptstädtische Stadtzentrum bleibt abends trotz Theater und Kino im ehemaligen Ciné Cité trostlos leer. Auf Kirchberg stellt das Utopolis eine animierte Insel dar, die PKW-Verkehr hervorbringt und sonst nichts.

Kann man die Symbiose zwischen Wohnen und anderen Funktionen schaffen? In der Hauptstadt wird das Wohnen mit jedem Jahr teurer. In den zentralen Stadtvierteln bis hin zur direkten Peripherie drücken die Büros die Einwohner auf die Verliererstraße, denn niemand kann dem Eigentümer jene Mieten zahlen, die die Wirtschaft zu zahlen bereit ist. Städtische Reglements werden da-bei umgangen. Denn in einer liberalen Marktwirtschaft ist bekanntlich alles erlaubt, sogar das, was expressis verbis verboten ist. Wenn die Spekulation am Werke ist, werden ganze Häuserzeilen "bruxellisiert", d.h. dem Verfall preisgegeben. Und wenn ein Viertel das Unglück hat, zum Amüsement zu dienen, schlafen die Einwohner wenig.

Aber zurück zur zukünftigen idealen Stadt auf Esch-Belval. Mit schönen Plaketten und Computerplänen wird akribisch beschrieben, wie die Entwicklung in den kommenden zehn bis 20 Jahren (oder sind es 40 oder sogar 50?) verlaufen soll. Viel Arbeit steckt dahinter, die nicht geleugnet werden soll, im Gegenteil: sie soll anerkannt werden, denn die Methode ist ja so verschieden von dem, was auf Kirchberg seit 1960 geschehen ist. Dort wurde ja mitten in der Planung vom "zoning" - d.h. vom genauen Aufteilen und Trennen der Flächen für Büros, Wohnen, Wirtschaft, Mobilität - auf die "gemischte" Stadt umgesattelt, nicht ohne Probleme wiederum für die Einwohner, wie das konfliktreiche Nebeneinander des Wohnviertels Kiem, des Auchan-Geschäfts-, des Utopolis-Amüsier- wie des Bankenviertels zeigt.

Die Planer wollen, dass das neue Viertel von innen nach den Rändern hin wächst, sich um den neuen Bahnhof (der BTB lässt grüßen!) und die quer hindurch führende Autobahnanbindung aufbaut. Political correctness verlangt, dass sogar das Park and ride-Glacis (erstaunlich auch, wie Begriffe wie Plëss und Glacis aus der Hauptstadt nach Belval transponiert werden - eigentlich ist dieses Land doch nicht mehr nur eine einzige Stadt!) begrünt werden soll. 

 

Wo bleibt die Substanz?

 

Die Planer verrichten also ihre Arbeit nach bestem Wissen und Gewissen. Viel Interessantes ist im Master-Plan enthalten: die Grünflächen, die Lokalisierung des Brunnens von Belval, das Energiekonzept, die geschichtliche Aufarbeitung der Industriearchitektur. 

Aber was tut die Politik?

Man hatte gehofft, nach den ersten vagen Absichtserklärungen im vergangenen Jahr jetzt aus offiziellem Mund mehr zu erfahren, z.B. über die Cité des Sciences, des Arts et de la Recherche, über die Frage, ob denn nun in Esch-Belval die Universität Luxemburg angesiedelt werden soll, oder welche Verwaltungen nach Esch-Belval kommen, welche Investoren, in- wie ausländische, sich für den Standort interessieren.

Zwei Texte zur Hochofenterrasse einerseits, zur Square Mile andererseits, enthalten die einzigen Angaben über die Substanz. Ersterer beschreibt die Cité des Sciences. Dann kommen all die Klischees zu Tage, die im Zusammenhang mit dem Intellektuellen gebraucht werden. Die Regierung wolle "eine Denk- und Wissenswerkstatt einrichten". Dort sollen "hoch ausgebildete Fachkräfte" als "ein Stück nachhaltiger Bildungspolitik" entstehen. Auch das "lebenslange Lernen" darf dabei nicht fehlen. Folgende: "So ist der nahtlose Übergang zwischen Ausbildung und Erwerbstätigkeit mit vielen maßgeschneiderten Zwischenlösungen und Synergie-Möglichkeiten eine Grundbedingung für die Ansiedlung von 'start up' Unternehmen." Nichts fehlt, auch nicht die "new economy", die "Flexibilität" ebensowenig wie die "Synergie". Sprachblasen eher denn Strategien.

Für die Square-mile geht dann aber die Kreativität verloren. Man kann sich nur wiederholen. Auch hier "start-up-Unternehmen" aus den Be-reichen Medien und "new economy", "Bildungs- und Forschungseinrichtungen". Und während dies alles noch sehr vage ist, "bestehen jedoch auch konkrete Überlegungen, Flächen südlich der 'Square mile' für Bildungseinrichtungen und öffentliche Administration freizuhalten".(S. 15)

Aber die Regierung, das hat man inzwischen verstanden, ist stark im Bauen, wie die vorhergehenden auch, weniger stark im Intellektuellen. Da sie sowieso in ihrem Programm angekündigt hat, sie wolle keine Universität in Luxemburg, und sie sich schwer tut, Geld in die Kreativität anstatt in Beton und Ziegelsteine zu investieren, können die Planer noch einige Versionen ihres Master-Planes herausgeben ehe Klartext geredet wird. Aber das Consulting-Deutsch ist unerschöpflich an Sprechblasen, die intellektuelle Armut vertuschen.

 

Die Zitate und die angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf das Dokument Friches industrielles, Le site de Belval-Ouest - État d'avancement et perspectives, 2e rapport de monsieur le ministre de l'Intérieur devant la Chambre des députés, 15.02.2001

 

Der Autor ist Abgeordneter der LSAP

 

Ben Fayot
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