Deutscher Buchpreis

Von Stammbäumen und Schwänzen

d'Lëtzebuerger Land du 11.11.2022

Das Blutbuch sorgt in Deutschland derzeit für Furore, Kim de l’Horizon ist die erste nicht-binäre Person, die den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Und er/sie selbst hat die Verleihung politisiert, als „Zeichen gegen den Hass und für die Liebe“. Und natürlich werfen Kritiker der Jury nun vor, den Buchpreis für eine identitätspolitische Agenda zu missbrauchen. Sie könnten falscher nicht liegen – Kim de l’Horizon hat nämlich einen fantastischen Roman geschrieben.

Als Kim de l’Horizon am 17. Oktober erfuhr, dass er/sie den Deutschen Buchpreis gewonnen hatte, betrat er/sie die Bühne, ließ sich mit der Urkunde fotografieren, weinte auf Schweizerdeutsch, sang auf Englisch und rasierte sich vor laufenden Kameras die Haare ab, als Geste der Solidarität mit den Frauen im Iran. Der Auftritt war, wenn auch improvisiert, in gewissem Sinne eine performative Verlängerung seines nun preisgekrönten Erstlingswerks: Blutbuch. Denn der gesamte Roman ist eine verschlungene Suche nach der Sprache, die es Kim de l’Horizon auf der Bühne im Frankfurter Römer verschlagen hatte.

So sehr das Buch aber nach seiner Sprache sucht, so sehr spielt der/die Autor/in auch mit ihren Registern. Das Hochdeutsch enthält in den Kindheitspassagen und den Begegnungen mit der Familie Anleihen des Berndeutschen – ins Auge stechen vor allem die Bezeichnungen „Meer“ und „Großmeer“ für „Mutter“ und „Großmutter“, ein Überbleibsel aus der napoleonischen Besatzungszeit der Schweiz, als das Französische als vornehm galt. In anderen Passagen wirken englische Einsprengsel wie literarische Störfaktoren, dann wiederum trägt das Buch seine eigene Literarizität wie eine Monstranz vor sich her. Beispiel gefällig? „Wir tranken und schwiegen. Wir tranken lange genug, um das Schweigen zu durchqueren.“ Um dann wieder in direkter Rede in die radikale Vulgarität zurückzuschwingen: „I like you, but your ass isn’t so tight. You’re too fucked.“

Wer beim Lesen von Blutbuch eine Erklärung oder gar eine Handreichung erwartet, die hilft, das Konzept einer nicht-binären Geschlechts-identität besser (oder endlich?) zu verstehen, wird rasch enttäuscht. Der Text denkt Identität umfassend. Geschlecht spielt dabei eine, aber nicht unbedingt die wesentliche Rolle. Zum Tragen kommt etwa auch die eigene, queere Sexualität, die in Auseinandersetzung mit einem Homosexuellen-Milieu verhandelt wird, welches in der Erzählung ebenso toxisch erscheint wie die Sexualmoral des schambehafteten Kleinbürgertums. In der Tradition deutscher Schlüsselromane beginnt Kim de l’Horizon die Suche nach dem im Werden begriffenen Selbst allerdings mit seiner/ihrer Herkunft, also der Familie. Thomas Mann, aber in der Schweizer Arbeiterklasse, statt im Lübecker Großbürgertum.

Formale Fulminanz

Anders als Manns Buddenbrooks ist Blutbuch eine Autofiktion. Das ist nicht neu, das kennt man als Leser von Knausgård oder der diesjährigen Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. Das heißt: Die Erzählfigur ist Kim de l’Horizon, beziehungsweise eine fiktionalisierte Version seiner/ihrer selbst. Das schafft Zweideutigkeit: Wo genau täuscht uns der/die Erzähler/in? Wo tut er/sie das wissentlich, wo entgleitet de l’Horizon die eigene Geschichte? Er/sie spielt geradezu meisterhaft mit dieser Verunsicherung des Lesers, wenn er/sie im Verlauf des Buches angibt, vorhergehende, durchaus realistische Passagen erfunden oder umgedichtet zu haben – und gleichzeitig Teile des Buches, die ganz offensichtlich fiktionalisiert wurden, durch Schweigen den Anschein des Wahrhaftigen gibt. Diese Fiktionalisierung ist zugleich ein Merkmal sämtlicher Erzählungen, welche die Familienmitglieder selbst in die Geschichte einbringen – das Erinnern und Vergessen der demenzkranken Großmutter genauso wie die dichterisch angereicherte Ahnenforschung der Mutter, die direkt aus einem historischen Trivialroman stammen könnte.

Dann, im letzten Kapitel, flüchtet Kim de l’Horizon sich ganz ins Englische und schreibt in dieser Sprache Briefe an seine Großmutter. Diese Briefe sind ehrlich und zugleich fremd, aus der Sprache wird ein Werkzeug. Zur Freude des Lesers und zum Verdruss des Kritikers nutzt der/die Autor/in dieses Werkzeug auch noch, um seinen gesamten Schreibprozess nochmal zu reflektieren, die Einflüsse von Ernaux bis Ursula K. Le Guin aufzuzählen und sich durch die Flucht auf diese Meta-Ebene gegen Kritik abzudichten, indem sie vorweggenommen wird. Es gibt kaum einen kritischen Gedanken, den das Buch nicht über sich selbst denkt.

Ursula K. Le Guin ist deshalb wichtig, weil ihre Tragetaschentheorie des Erzählens einen Schlüssel zur Struktur des Blutbuchs bietet: Die Anordnung der Kapitel ist willkürlich, es gibt keinen Helden, keinen Anfang, keinen Schluss. Man kann sich ein Kapitel aus der Tasche zwischen den Buchdeckeln herausgreifen und lesen; man kann eines überspringen, und obwohl alle zueinander in Bezug stehen, sind sie nicht aufeinander angewiesen. Das Leben von Kim de l’Horizon ist eine Sammlung von Anekdoten, geschätzten Erinnerungen und verdrängten Traumata, die als Puzzle ein Ganzes bilden. Und es ist diese Frage, die das Blutbuch zu universalisieren versucht: Wieviel Macht wohnt der Erzählung des eigenen Lebens inne – und wer darf diese Geschichte wie erzählen?

Angst und Gewalt

Kim de l’Horizon erzählt seine/ihre Geschichte als eine Geschichte der Unsicherheit, als eine Geschichte der Angst, die der/die Autor/in immer noch begleitet. Angst vor dem Urteil der Familie, aber auch vor ihrem Schicksal. Angst vor der Rolle der Weiblichkeit, der bereits die Mutter zu entrinnen versucht, um dann aber ihre Emanzipation zugunsten ihres Kindes aufzugeben. Gleichzeitig scheitert auch die Emanzipation der Großmutter von dem Schatten, den die Familiengeschichte über ihr ganzes Leben wirft.

Das Blutbuch bezieht sich dem Namen nach auf den Baum im Garten des Familienhauses, eine Blutbuche, die ein Ahne für die verstorbene Schwester der Großmutter gepflanzt hat. Aber der Name drückt auch die Gewalt aus, die in zwischenmenschlichen Beziehungen wohnt, die vom Vater zum Sohn, von der Mutter zur Tochter und von Partner zu Partner weitergegeben wird. Die expliziten Sexszenen im Buch lesen sich bisweilen wie groteske Schlachtfeste, eine Mechanisierung des Geschlechtsakts, mehr Gewalt als Zuneigung.

Und doch gibt es auch auf diesen Seiten viele Momente großer Zärtlichkeit und Zuneigung, die sich, fast etwas klischeehaft, in den Freundschaften von Kim de l’Horizon wiederfindet. Diese Wahlverwandtschaften sind es zum Ende hin, die den Raum schaffen für die Heilung von vergangenen Traumata und die Worte geben, um das Blutbuch zu erzählen. Hätte Kim de l’Horizon in Frankfurt ein/en Freund/in mit auf die Bühne nehmen können, er/sie hätte es sicher getan. Aber das ist vielleicht der Stoff für den nächsten Roman, „Die Suche nach der Empfindsamkeit“, den der/die Autor/in in einer Fußnote ankündigt. Oder war das vielleicht nur eine Fiktion?

Tom Haas
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