In dem Kurzgeschichtenband Was habe ich verpasst lässt Nora Wagener ihre Charaktere, schillernde Randfiguren,
innehalten und ihr Leben reflektieren

Das Leben nach der Enttäuschung

d'Lëtzebuerger Land du 07.01.2022

„Ich habe die Liebe gelogen“, stellt Tochter Gohde am Tresen der Kneipe ihres Vaters fest. „Vielleicht bin ich einfach nur sinnlos nach vorne geprescht, denkt sie. Und jetzt bin ich ausgelaugt“, so die Protagonistin in der Erzählung Die Knoblauchprobe, die sich nicht auf ihre Gebärfähigkeit reduziert sehen will.

Wieso scheitern Lebensentwürfe, gehen Beziehungen in die Brüche? Die Menschen in Nora Wageners zwölf Kurzgeschichten preschen nach vorn, um irgendwann zurückzublicken und sich der Kluft zwischen entglittenen Träumen und Wirklichkeit bewusst zu werden ... Was habe ich verpasst lautet entsprechend das titelgebende Motiv ihres neuen Erzählbandes. Die Luxemburger Autorin veröffentlichte bei Hydres Éditions, beim deutschen Conte Verlag und zuletzt bei den Éditions Guy Binsfeld.

Es sind unterschiedliche Perspektiven, die zu Wort kommen. Sie erzählt aus der Sicht einer sarkastischen Putzkraft, die die Gebäude einer Schule reinigt; einer Mitdreißigerin, die nach einer gescheiterten Beziehung in der Eckkneipe herumlungert und zeichnet ein trostlos-ranziges Unterschichtspanorama; nimmt die Perspektive eines Schuljungen ein, der vor einer Mutprobe steht; berichtet von dem besten Freund eines ausgewanderten Europäers, der in Kenia Fremdscham für das koloniale Auftreten seines Kumpels empfindet und schildert, wie dieser im afri-kanischen Inselparadies die komplizierte europäische Freundin abschüttelt und sich stattdessen eine örtliche Schönheit, Mabiche, als Liebschaft zulegt; oder erzählt aus der Perspektive einer Frau im dritten Alter, die angespornt durch Fernsehshows an einem Schönheitswettbewerb teilnehmen will, die Seniorinnen-Version einer Little Miss Sunshine.

Die Protagonistin in Der Mann aus Zürich stellt sich die Frage, wie sie zu dem geworden ist, was sie beruflich macht: „Die Frage nach dem Wie war leicht beantwortet. Es gibt kaum einen anderen Weg in diese Branche: Man rutscht hinein. Das Weshalb verhielt sich wie gewohnt schwieriger. Am Anfang fand Beate schlichtweg Gefallen daran, der Welt der Literaten anzugehören. Nachdem diese Welt zu ihrem Alltag geworden war, blieb ihr natürlicher Ehrgeiz zurück“. Eine andere Figur stößt – angestoßen durch die Entrümpelung einer vollgestopften Wohnung – auf die Frage, was sie noch aus ihrem Leben machen will ... Ein anderes Paar versucht die Beziehung durch einen Tapetenwechsel zu retten.

Charakteristisch ist Wageners schräge Ironie, wenn etwa die Reinigungskraft in Das schwarze Brett die SchülerInnen im Bus als Nervsägen „mit viereckigem Ranzen-Geschwür“ auf dem Rücken beschreibt, die darüber sinnieren, ob Seepferdchen Fische oder Säugetiere sind.

Besonders die Beobachtungen, in denen es um ein selbstverliebtes Schriftstellermilieu geht, scheinen aus erster Hand: „Je älter Beate wird, desto alberner kommen ihr sowohl der Bestätigungskult eines gewissen Milieus als auch das Spiel mit der Erwartung vor.“ Bereits die erste Erzählung stellt einen angehenden Autor vor, der einen Schreibworkshop besucht. Seine ersten „schriftstellerischen Entwürfe“ beschreibt die Autorin in der Geschichte Der alte Schnee rückblickend als „allesamt mehr oder weniger realitätsbezogen“.

Wageners Figuren sind kauzige, eigenwillige Typen, meist keine Erfolgsmodelle, sondern gesellschaftliche Randfiguren, die sich infrage stellen und auf einen Lebensabschnitt zurückblicken ... Wie die Reinigungskraft, deren trostlosen Alltag sie in Das schwarze Brett schildert und aus der neben Sarkasmus eine sympathische Wut auf die Mittelschicht spricht, wenn sie etwa die Anzeigen am schwarzen Brett liest: „Der Blick aufs Brett ist eine meiner schlechten Angewohnheiten; die dort angebrachten Annoncen und Inserate verstimmen mich nämlich regelmäßig. Verstimmen im Sinne von: „Hört auf, immer größere Fernseher haben zu wollen und behaltet eure Kleintiere und eure klapprigen Schränke für euch. Warum bringt niemand den Erziehungsberechtigten bei, dass Hamster Lilli und Hamster Fluffi, gemeinsam in einem Käfig gehalten, Babys bekommen?“

Stark auch die Passage (Das neue Glück), in der die weibliche Figur die eigene krankende Beziehung analysiert: „Wenn ich dieser Art von Grausamkeit im Alltag begegne – besonders, wenn ich Züge davon an mir entdecke -, empfinde ich großen Widerwillen. Sie legt die Schwachpunkte beider Geschlechter offen: die Abhängigkeit der Männer, die Hilflosigkeiten der Frauen. Die Machtspiele. Ihn so zu sehen, mich so zu hören. Davon kann einem nur schlecht werden.“ Am Ende schafft es die Autorin, einzelne Erzählstränge unterschiedlicher Geschichten miteinander zu verweben.

Verglichen mit dem Roman Alle Meine Freunde (2020) ist der nun ebenfalls bei Binsfeld erschienene Kurzgeschichtenband nicht nur spannend, sondern auch überzeugend im Stil und in sich stimmig. Die Kurzgeschichten halten die Leserin bis zuletzt in Atem. Ihre Prosa ist nie belehrend oder moralisierend, sondern wahrt Distanz und ist reflektiert.

Ähnlich wie der 2017 mit dem Prix Servais prämierte Kurzgeschichtenband Larven überzeugt Was habe ich verpasst durch präzise Sprache, Witz, subtile Ironie und die lakonische Stimmung, die über den Erzählungen liegt. „Bücher müssen nicht realistisch sein“, heißt es in einer der Kurzgeschichten. „Sie müssen nur in ihrer eigenen Realität stimmig sein“, zitiert ein einsamer Mann seine Tochter, die Autorin ist. Nicht jeder Einstieg in eine Geschichte gelingt, dennoch beeindrucken Nora Wageners Kurzgeschichten durch das Einfühlen in ihre Figuren. Was habe ich verpasst ist ihr bisher stimmigstes Werk.

Nora Wagener, Was habe ich verpasst, 144 Seiten gebunden, ist erschienen bei
den Éditions Guy Binsfeld. 22 Euro

Anina Valle Thiele
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