Die Maskenpflicht für Grundschulkinder ist umstritten. Eltern sorgen sich um den Zusammenhalt ihrer Schulgemeinschaft

Vergiftetes Klima

d'Lëtzebuerger Land du 12.03.2021

Die maskierten Piktogramme an der Eingangstür neben dem von Kinderhand gemalten Regenbogen sind eindeutig: Wer das Gebäude der Waldorfschule in Luxemburg-Limpertsberg betritt, muss einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Im Eingang steht ein Spender, um sich die Hände zu desinfizieren. Wer keinen Mundschutz dabei hat, kann sich eine blaue Einweg-Maske aufziehen, die neben dem Seifenspender liegen.

Als das Land fragt, welche Schutzmaßnahmen an der Privatschule gelten, heißt es: Fragen seien schriftlich einzureichen. Da machten bereits Briefe die Runde, wonach die seit 22. Februar auch für Kinder ab sechs Jahre geltende Maskenpflicht an der Rudolf-Steiner-Schule nicht ganz umgesetzt würde. D’Land war von Eltern kontaktiert worden, deren Kinder berichtet hatten, sie bräuchten im Unterricht keine Maske zu tragen.

Dass der Mund-Nasen-Schutz unter Lehrern und unter Eltern umstritten ist, zeigt ein Brief einer Lehrkraft, der dem Land vorliegt. Demnach sprachen sich bei einer internen Abstimmung zehn Lehrer/innen gegen das Tragen eines Mundschutzes für Kinder aus, drei waren dafür, zwei enthielten sich. Die Autorin schreibt, „die Verantwortung in meiner Seele und meinem Gewissen“ übernommen zu haben. Ihr zufolge ist es kein Zufall, „dass Eltern, die unsere Pädagogik gut kennen, gegen die Masken sind“. „32 Jahre Erfahrung als Waldorflehrerin“ führt sie ins Feld. Die Lehrkraft beruft sich auf einen Trierer Kinderarzt, wonach die Ansteckungsgefahr bei Kindern an einer „großen Klinik“ unter einem Prozent liege; die Studie ist unauffindbar.

„Es wundert mich nicht, dass die Frage an der Schule kontrovers diskutiert wird“, sagt Bildungsminister Claude Meisch (DP) dem Land. „Insgesamt scheint mir die Zahl der Maskenverweigerer aber minimal“. Meisch räumt ein, dass „sieben Stunden am Tag“ Maske zu tragen „viel verlangt ist von einem Kind“.

Hochburg der Corona-Skeptiker In Deutschland gelten manche Waldorfschulen als Hochburg der Corona-Skeptiker: Dort tobt ein Streit darüber, wie gefährlich das Coronavirus wirklich ist. Eltern von Kindern an Waldorfschulen hätten mit Druck versucht, andere Eltern zu überzeugen, dass kein Mund-Nasen-Schutz nötig sei, oder sie gaben ihren Kindern Atteste mit, die sie angeblich von der Pflicht befreiten, berichteten Waldorf-Lehrkräfte aus mehreren deutschen Städten.

Auch an der Luxemburger Waldorfschule soll es kategorische Gegner/innen der Maskenpflicht geben, erzählen Eltern, die anonym bleiben wollen, weil sie Nachteile für ihre Kinder fürchten. Die Antwort der Schule ans Land offenbart ein bemerkenswertes Verständnis von Pressefreiheit: Die Stellungnahme sei integral abzudrucken – darin stehen Dinge (über die gute Zusammenarbeit mit dem Ministerium), die das Land nicht gefragt hat, während andere Fragen, ob es Eltern an der Schule gibt, die von Lehrern verlangen, ihr Kind von der Maske zu befreien, indes ignoriert werden. Man „sei den ministeriellen Empfehlungen während jeder Entwicklungsstufe des Pandemie-Dispositivs gefolgt“, man nehme „die ministeriellen Empfehlungen sehr ernst“ und es gebe „keine Anordnung, die eine allgemeine Ausnahme von der Maskenpflicht vorsehe“, so Vereinspräsident Michael Schulz. In dem Brief der Lehrkraft klingt das anders.

„Wir können nicht überprüfen, ob jemand zu jedem Moment in der Schule die Maske trägt – und das wollen wir auch nicht“, betont dagegen Meisch. Dass Erwachsene Regeln hinterfragen, sei „ihr gutes Recht“, so Meisch, der hofft, „dass Eltern ihre Kinder nicht zum Spielball ihrer Überzeugungen machen“ und sich an die sanitären Empfehlungen halten. Vergangenen Freitag beschloss die Regierung, ab 3. April soll das Maske-Tragen für alle Kinder ab Zyklus 2 gesetzlich gelten. Maskenpflicht, Fernunterricht, Schulschließungen waren bislang nicht im Covid-Gesetz verankert gewesen; nicht nur die Opposition, auch die Menschenrechtskommission CCDH hatte dies wiederholt beanstandet, da es Rechtsunsicherheiten schaffe. Bisher hätten sich Lehrer, Eltern und Kinder weitgehend an die Empfehlung, Masken zu tragen, gehalten, auch ohne dass es dafür eine gesetzliche Basis gab, heißt es aus dem Bildungsministerium.

Wackelige Rechtsbasis Andere Maßnahmen, wie die Kann-Regelung, Schulen im Falle hoher Infektionszahlen kurzfristig schließen zu können, zog Meisch am Mittwoch wieder zurück, nachdem der Staatsrat sie wegen verfassungsrechtlicher Bedenken kritisiert hatte. „Ein Skandal“, findet die CSV-Abgeordnete Martine Hansen: „Ein Jahr nach der Pandemie fehlt für das Gros der Corona-Regeln für die Schulen weiter eine Rechtsbasis. Das passt nicht zu unserem Verständnis von Rechtsstaatlichkeit“. Es brauche in der Pandemiebekämpfung Flexibilität, sagt indes Lex Folscheid, Erster Regierungsberater im Bildungsministerium.

Der Widerstand insbesondere gegen den Mund-Nasen-Schutz bei Grundschulkindern ist indes vielleicht weiter verbreitet, als dem Minister bewusst ist. In geschlossenen Facebook-Gruppen hinterfragen Erwachsene Sinn und Zweck des Mund-Nasen-Schutzes. Auch Lehrer befinden sich unter den Kritikern: Ein Lehrer des Lycée Ermesinde schreibt beispielsweise von „Gleichschaltung der Medien“, „Corona-Panik“ und wettert in einer knapp tausend Mitglieder zählenden FB-Gruppe von Lehrern, Eltern und Erziehern gegen die staatlichen Corona-Schutzmaßnahmen.

Den Anfang hatten 120 Lehrkräfte gemacht, die sich per Anwalt in einem anonymen Brief an den Schulminister gegen die Maskenpflicht für Kinder ab sechs Jahre wandten. Einer von ihnen, Marc Hilger, Gründer der inklusiven Ganztagsschule Eis Schoul auf dem Kirchberg, hatte sich als Unterzeichner zu erkennen gegeben. In einem Bürger-Videoportal trug Hilger zunächst Argumente vor, warum er und Kollegen die Maske nicht tragen wollten. „Weil das Tragen von Masken „ganz unangenehm ist, um mit den Kindern zu arbeiten.“ Als „Sekundareffekt“ führte er „chemische Stoffe“ an, die in Lungen gelangten, und fragte, wer die Verantwortung für Folgen übernehme. Hilger nannte daneben auch pädagogische Argumente, etwa die Schwierigkeit, sich akustisch zu verständigen, und zeigte sich besorgt darüber, wie sich die Distanzregeln auf Dauer auf die Sprachentwicklung und das Miteinander auswirken – Bedenken, die von Hilger mit Behauptungen wie, Masken würden „gar nichts bringen“, vermischt wurden.

Inzwischen sind die Rechtspopulisten der ADR auf den Zug aufgesprungen und versuchen, aus Pandemie-Müdigkeit und Masken-Streit politisches Kapital zu schlagen: Im Partei-Videokanal interviewt Ex-Fernsehjournalist Dan Hardy den kontroversen Lehrer Hilger, der sich auf eine deutsche Studie beruft, laut der angeblich ein Drittel der Kinder von den Masken psychische Schäden davontrage. Eine Studie zum Wohlbefinden der Kinder während der Pandemie in Deutschland gibt es tatsächlich: Demnach leiden rund 33 Prozent der Kinder an einer verringerten Lebensqualität; bei 18 Prozent wurden psychische Auffälligkeiten festgestellt, wie Angst und Einsamkeit. Allerdings geht es in der Studie gar nicht um den Mund-Nasen-Schutz, sondern um die psychischen Folgen der Pandemie allgemein – dass es diese gibt, ist unter Kinderärzt/innen und Kinderpsycholog/innen unumstritten. Die Covid-Kids-Studie der Uni Luxemburg war nach dem ersten Lockdown im Frühjahr zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

Falschbehauptungen Luxemburger Maskengegner/innen verweisen gerne auf den Fall Avrox. Das belgische Fernsehen RTBF hatte aus einer vertraulichen Studie des nationalen öffentlichen Gesundheitsinstituts zitiert, wonach in weißen Atemmasken der in Luxemburg ansässigen Firma Avrox gesundheitsschädigende Nanopartikel gefunden worden waren. Die Masken wurden vorsorglich aus dem Verkehr gezogen; die Warnung der Gesundheitsbehörde wird jedoch meist nicht korrekt wiedergegeben: Das erhöhte Risiko von Lungenentzündungen gilt laut einem Toxikologen der Uni Louvain UCL vor allem für Menschen, die bereits an chronischen Atemwegserkrankungen leiden. In Luxemburg sind die weißen Avrox-Stoffmasken laut Gesundheitsministerium nicht im Umlauf.

Während der Lehrer auf Facebook Beifall bekam, sorgte der Vorstoß an seiner Schule für gemischte Reaktionen. „Es ist nicht gut, wenn unsere Schule negativ auffällt“, so ein Vater, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Eltern haben in der Schule und bei der Regionaldirektion interveniert. Nach innen stellte Schulpräsidentin Julie Pixius klar, das Interview zeige auf keinen Fall die Position von Eis Schoul. Marc Hilger spreche in eigener Sache und nicht für die Schulgemeinschaft.

Eltern, die selbst zur Covid-19-Risikogruppe zählen, haben Angst. Sie überlegen, ihre Kinder zuhause zu unterrichten, aus Furcht vor Ansteckung. Das Misstrauen untereinander und gegenüber dem Lehrpersonal wächst. „Der Konflikt wird ideologisch geführt und zerreißt inzwischen die Schulgemeinschaft“, ärgert sich eine Mutter. Das fällt auf: Der Schutz von Risikogruppen taucht in den emotional geführten „Debatten“ oft nicht oder nur am Rande auf, Betroffene ziehen sich zurück. Die Waldorf-Schule schreibt auf Land-Nachfrage: „Seien Sie versichert, sollte sich die Situation stellen, unsere Maßnahmen sind inklusiv und gehen auf die Bedürfnisse jedes/jeder Einzelnen ein“ und nennt das Vertraulichkeitsgebot als Grund, warum es die Land-Frage nicht beantwortet, ob es Risikopersonen an der Schule gebe (wie dem Land berichtet wurde) und wie diese konkret geschützt würden.

Fachleute betonen, dass chirurgische Masken in erster Linie das Gegenüber vor der eigenen Atemluft und Tröpfchenflug schützen: Wer einen Mund-Nasen-Schutz verweigert, profitiert wohl von der solidarischen Geste des Gegenübers, der eine Maske trägt, gefährdet mit seiner Verweigerung aber möglicherweise andere. Bloß: Wie erreichbar sind die Skeptiker/innen noch für wissenschaftliche Argumente? Einige stellen selbstbewusst seitenlange Gegenrechnungen zu den Analysen der Forscher-Taskforce auf, behaupten (Meta-)Studien zur Wirksamkeit von Masken seien fehlerhaft – und haben doch nicht den Mut, die teils skurrilen „Beweisführungen“ mit eigenem Namen zu unterschreiben. Andere führen Grundschulen wie Schifflingen, Petingen oder Waldbillig, die wegen hoher Infektionszahlen kurzzeitig schließen mussten, als Beleg dafür an, dass Masken nichts brächten – und blenden aus, dass die Ursache für die rasante Verbreitung des Virus nicht so einfach festzustellen ist: Regierungsberater Lex Folscheid sagt auf Nachfrage, es gebe Hinweise darauf, dass sich das Virus dann besonders rasch verbreiten könne, wenn sich nicht strikt an die sanitären Maßnahmen gehalten werde, zum Beispiel in der gemeinsamen Pause, beim Mittagessen, während der Mitfahrgelegenheit oder bei schlechter Belüftung.

Eine aktuelle Studie der Universität Tokio testete das Tragen unter lebensnahen Bedingungen: Zwei Testpuppen (einmal mit, einmal ohne Maske) wurden in einem geschlossenen Raum gesetzt, von der eine echte Coronaviren über ein Atemgerät ausatmete, während die andere das Einatmen simulierte. Luftmessungen danach zeigten, dass die filternden FFP-2-Masken, Einweg-Mundschutze und auch die Baumwollmasken allesamt schützende Effekte aufweisen. So kann eine selbstgenähte Stoffmaske helfen, die Virenaufnahme um 17 Prozent zu reduzieren, ein Einweg-Schutz verminderte sie sogar um 47 Prozent und eine eng anliegende medizinische Schutzmaske filterte 79 Prozent der Viren heraus. Außerdem kann das Tragen einer Stoffmaske oder eines OP-Mundschutzes die Übertragung auf Andere um über 70 Prozent verringern. Das Experiment zeigte zudem, dass beidseitiges Maskentragen zusammenwirkt und die inhalierte Virenmenge auf unter zehn Prozent begrenzen kann.

Vehemente Gegner/innen wird vermutlich auch das nicht überzeugen. Andere verweisen auf das niedrige Risiko von Kindern, an Covid-19 zu erkranken. Es stimmt: Kinder und Jugendliche sind, wenn, eher asymptomatische Virenträger, sie zeigen oftmals keine typischen Symptome. Erkranken sie doch, haben die meisten einen milden Krankheitsverlauf. Allerdings: Studien über ihr Ansteckungsrisiko kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Einer Analyse des Münchner Helmholtz-Zentrums und einer der Uni Wien zufolge können Kinder das Virus verbreiten genauso wie Erwachsene und es an Personen weitergeben, die dann vielleicht schwer erkranken. Andere Studien belegen, dass gerade Kleinkinder sich weniger oft anstecken und das Infektionsrisiko mit dem Alter zunimmt. Der Mund-Nasen-Schutz soll helfen, sie zu schützen und das Übertragungsrisiko zu senken. Das räumt auch Michael Schulz von der Waldorfschule ein: „Wir erkennen an, dass ein Mund-Nasen-Schutz eine wichtige Rolle dabei spielt die Verbreitung des Virus zu begrenzen“, schreibt Vereinspräsident Schulz. Versetzte Pausen, Plexiglasscheiben, regelmäßiges Händewaschen, Unterricht an der frischen Luft und regelmäßiges Lüften sollen das Ansteckungsrisiko verringern.

Für Claude Meisch sind die schulischen Corona-Schutzmaßnahmen Bedingung dafür, dass die Schulen trotz sich schneller verbreitender Virusnutationen weitgehend geöffnet bleiben können: „Die seit einigen Wochen recht stabilen Infektionszahlen in den Schulen belegen ihre Wirksamkeit.“ Im Herbst stand der Bildungsminister wochenlang unter Beschuss; ihm wurde ihm vorgeworfen, trotz anhaltend hoher Infektionszahlen, vieler Covid-19-Kranker und Verstorbener die Schulen zu lange ohne große Beschränkungen offen gehalten zu haben.

Inzwischen droht der Streit um den Mund-Nasen-Schutz die Gerichte zu beschäftigen. Im ADR-Video hofft Lehrer Marc Hilger mit einer Klage gegen die verschärfte Maskenpflicht für Kinder ab Zyklus 2 vor dem Verwaltungsgericht Recht zu bekommen. Die Justiz-Pressestelle teilte dem Land indes mit, dem Gericht liege bisher keine solche Klage vor. Dann müssten Richter klären, ob Kindern das Tragen von Mund-Nasen-Schutz im Unterricht zuzumuten ist. Und wie stabil die Rechtsbasis für die schulischen Corona-Maßnahmen wirklich ist.

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Ines Kurschat
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