Philippe Wilmes gibt seiner Verteidigung einen neuen Spin. Vermutlich auch vorbeugend, falls Patientenklagen kommen

Vom Opfer zum Genie

Philippe Wilmes  in seiner Zeit als AMMD-Vizepräsident bei einer Pressekonferenz
Photo: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land du 24.04.2026

Kurz angebunden und sehr amtlich ist CSV-Gesundheitsministerin Martine Deprez am Mittwochmorgen im Kammerausschuss Santé & Sécu. Es sei „eine schwere Entscheidung, einem engagierten Arzt die Aktivität einzuschränken“. Doch wie schon im Januar, als sie dem Chirurgen Philippe Wilmes für drei Monate Operationen untersagte, war das „im Interesse der Patienten“. Die Verlängerung um weitere 21 Monate basiere „auf dokumentierten Fakten“ und dem Bericht der drei Expert/innen. Das ganze Verfahren sei ein Verwaltungsvorgang. Der Collège médical soll Zeit haben für das Disziplinarverfahren gegen Wilmes.

Der Expertenbericht, fährt sie fort, sei einstimmig angenommen worden, es gebe keinen avis minoritaire. „Was manche gegenüber der Presse erklären, engagiert allein sie.“ Der Anwalt des Ministeriums, übrigens kein Beamter, habe an der Visiokonferenz vorigen Freitag mit den Expert/innen, Wilmes und dessen Anwalt teilgenommen. Das „Briefing“, das sie von ihm erhielt, „entspricht nicht wirklich dem, was manche in der Presse sagen“. Letztlich seien die Expert/innen zum Schluss gelangt, dass in den von ihnen begutachteten zehn Fällen stets eine „intervention injustifiée“ vorlag. Dies anzufechten, sei natürlich möglich in einem Rechtsstaat. Nach wie vor nennt Deprez Wilmes nicht beim Namen. Wie ihr Ministerium in den spärlichen Kommunikationen zu der Affäre, spricht sie nur von „einem Chirurgen“ oder „einem Arzt“.

All das hat weniger mit Rücksicht auf ihren Partei- und Kabinettskollegen, dem Umweltminister und Bruder des Chirurgen, zu tun, und auf die DP, für die Philippe Wilmes bei den Koalitionsgesprächen in der Arbeitsgruppe Santé & Sécu saß. Sondern mit der Vorsicht, bloß nicht aus ihrer Rolle zu fallen. Nur zwei Monate ist es her, da nannte Wilmes sie in eine „Hexenjagd“ auf ihn verwickelt und rief den Premier öffentlich um Hilfe, damit der sie zur Ordnung rufe. Ihre Rolle als Ministerin in diesem Verwaltungsvorgang umfasst aber auch die Pflicht einer vereidigten Staatsdienerin, die Staatsanwaltschaft einzuschalten, wenn sie einen Hinweis auf eine mögliche Straftat erhält. Der Expertenbericht enthält offenbar einen. Durch einen „Eingriff, der nicht gemacht werden musste, haben Personen vielleicht Schaden erlitten“, formuliert Deprez im Ausschuss vorsichtig. Nicht „willentlich“ durch den Arzt, aber „vielleicht durch eine Indikation, die nicht nachvollzogen werden konnte“. So sei mutilation zu verstehen. Im „medizinischen Sinne“. Nicht wörtlich, wo die Fantasie frei ist, sich alles Mögliche vorzustellen. Also habe sie das ganze Dossier am Dienstag an die Staatsanwaltschaft geleitet.

Das ist der ernste Aspekt der Affäre, der nichts mehr zu tun hat mit politischen Spielereien und Rufen nach dem Premier, um den Verwaltungsvorgang zu stoppen. Die Experten äußerten sich zu zehn Fällen, vermutlich jenen, die der Orthopädie-Abteilung am CHL aufgefallen waren. Der Collège médical ermittelt über 27 Dossiers. Die ASBL Patientevertriedung teilt auf Nachfrage mit, ihr lägen 71 Dossiers von Patienten/innen vor, „die sich bei uns gemeldet haben“. Nun müssten „Experten analysieren, ob etwas nicht richtig gemacht wurde“. Die meisten Dossiers stünden mit Knie-Operationen in Verbindung, „ein paar betreffen Hüften und Füße“.

Was auch immer an diesen Fällen dran ist – nun, da der Expertenbericht vorliegt, könnte es Klagen geben, Zivilklagen und vielleicht auch Strafanzeigen. Die Verfahren daraufhin können Jahre dauern und teuer werden. Das kann den neuen Spin erklären, den Philippe Wilmes und sein Anwalt ihrer Verteidigungstaktik gegeben haben: vom Opfer einer Intrige zum Genie.

Kein Presseorgan erhalte den Expertenbericht, erklärte Martine Deprez am Mittwoch mit Nachdruck. Vermutlich hätte sie auch so entschieden, wenn die Wort-Redaktion ihn nicht bereits erhalten und auf wort.lu am Dienstagmorgen exklusiv, sehr ausführlich und aus der Sicht von Wilmes darüber berichtet hätte. – Zwei Stunden bevor der Presse- und Informationsdienst der Regierung knapp mitteilte, die Suspendierung „eines Arztes“ von Operationen sei um 21 Monate verlängert worden. Mit diesem Zeitvorsprung konnten Wilmes und sein Anwalt François Prum über den Durchlauferhitzer wort.lu Zweifel am Bericht der Expert/innen, an ihrem Vorgehen und auch an ihrer Kompetenz säen.

Selbst der von Wilmes ernannte Experte, der Orthopäde Jacques Hummer aus Nancy, wird davon nicht ganz ausgenommen. Zwar sei dieser in der Visiokonferenz mit Philippe Wilmes nicht richtig zu Wort gekommen, klagte Prum auf wort.lu, er habe sich nicht einloggen können und war nur per Telefon zugeschaltet, wenngleich die Diskussion mit Wilmes sich um IRM-Bilder drehte, etwas Visuelles also. Doch am Ende waren alle drei sich einig. Neben Hummer die vom Gesundheitsministerium berufene Orthopädin Elvire Servien aus Lyon und der von beiden Seiten ausgewählte Radiologe Alain Blum aus Nancy. Dabei sei die Diskussion nach vier von zehn Fällen plötzlich „beendet“ worden. Dazu wird die Ministerin am Tag danach sagen, ihr Anwalt habe ihr das „nicht wirklich so“ mitgeteilt.

Die Quintessenz zu Wilmes’ Verteidigung kann man lesen, als sei die französische Medizin unfähig zu erkennen, wie gut er ist. Die US-amerikanische dagegen kann das. Oder zwei Ärzte eines Spezialkrankenhauses für Orthopädie und Sportmedizin in New York City, das „in internationalen Rankings regelmäßig auf Platz eins steht“, wie wort.lu am Dienstag hervorhob. Der Radiologe Harry Greditzer habe die IRM-Bilder der zehn Patient/innen durchgesehen und gefunden, dass in keinem „ein völlig intaktes Kreuzband zu erkennen“ sei. Der Orthopäde Stephen O’Brien meinte, in allen Fällen sei „das vordere Kreuzband auffällig, beziehungsweise geschädigt gewesen“, so wort.lu. Was man davon halten soll? Schwer zu sagen. Anscheinend, dass eine Operation nötig gewesen sei. „Ausdrücklich“, so wort.lu, warne O’Brien davor, weitere Maßnahmen gegen Philippe Wilmes zu ergreifen, „diesen hochkompetenten Arzt“.

Wie kompetent Wilmes ist, kann der gemeine Zeitungsleser nicht einschätzen. Welche Diagnostik bei Knieverletzungen angebracht ist, genauso wenig. Das müsste eine andere Expertise klären, eine für den Collège médical, oder eine im Auftrag eines Gerichts. Ob Wilmes Martine Deprez’ Verwaltungsvorgang samt Expertenbericht vor dem Verwaltungsgericht anfechten wird, stehe noch nicht fest, sagte François Prum dieser Tage auch gegenüber dem Land. Jedenfalls „können wir mit diesem Bericht nicht leben“.

Von allen Fachfragen abgesehen, kann man sich fragen, wieso Wilmes zu seiner Verteidigung keine andere Linie wählte. Nicht von Anfang an versicherte, alles zur Aufklärung der Vorwürfe beizutragen, mit Gesundheitsministerium und Collège médical zu kooperieren, sich mit den Kollegen vom CHL zusammenzusetzen und die Patientendossiers durchzusehen – weil ihm das Wohl seiner Patient/innen über alles gehe. Stattdessen fiel er über Collège und Ministerin her, nannte den Leiter der CHL-Orthopädie auf Facebook „Denunziant“ und erklärte, man wolle ihn „fertigmachen“.

Die naheliegende Antwort lautet, dass er sich als jemand mit Einfluss versteht. Der frühere AMMD-Vizepräsident, der besonders für die Liberalisierung des Gesundheitssystems eintrat. Der DP-Politiker, der den Premier kennt. Der Unternehmer, der Findel Medic (früher Findel Clinic) initiierte, mit namhaften Mit-Aktionären. Der gut Vernetzte, der in der Adventszeit 2025 bei einem Empfang in der US-Botschaft Bekanntschaft mit Botschafterin Stacey Feinberg und ihrem Ehemann schloss. Dass der Orthopäde Stephen O’Brien Feinbergs Ehemann ist, fand das Tageblatt heraus. Weshalb wurde nicht er als Experte für Wilmes ausgewählt? François Prum sagt dazu, man habe einen französischsprachigen Experten gesucht, und als gerichtlich vereidigter Gutachter verfüge Jacques Hummer „in Luxemburg über ein gewisses Renommee“.

Heute Nachmittag gibt Philippe Wilmes eine Pressekonferenz. Es wird sein erster Medienauftritt seit einem „Kloertext“ in RTL-Télé im November sein, als es um Gesundheitspolitik ging. Dass er dort anders argumentieren wird als bisher, ist kaum anzunehmen. Dass er auf seiner Kompetenz bestehen wird, sehr wohl. Auch wenn die niemand einschätzen kann.

Doch im Grunde gibt es noch mehr Expertenaussagen zu seinen Operationen. Die Einschätzung der CHL-Orthopädie kann man auch als eine auffassen. Und die des Pariser Experten Philippe Beaufils für die internen Ermittlungen der Hôpitaux Robert Schuman, nach denen Wilmes im März wegen „motifs graves“ seine Akkreditierung als Klinikarzt an den HRS verlor. Das war mindestens so bemerkenswert wie der Bericht für die Gesundheitsministerin, weil kein Verwaltungsvorgang, aber folgenschwer für Wilmes’ berufliche Perspektive in Luxemburg. Doch die HRS s.a. und ihr Ak-
tionär, die HRS-Stiftung, sind außerordentlich bedacht auf die Reputation der Krankenhausgruppe. Hinzu kommt, dass ein Spital und sein „organisme gestionnaire“ – der Verwaltungsrat – mit haftbar gemacht werden können, falls im Betrieb etwas geschieht, Patientenklagen kommen und vor Gericht landen. Das Spitalgesetz macht den CA verantwortlich für die „Kontrolle“ der Aktivitäten an der Klinik und für Mechanismen zum Management von „Risiken“. Scheint so, dass der HRS-CA Wilmes’ Tun für ein Risiko hielt. Wilmes’ Lebensgefährtin kann allem etwas Cooles abgewinnen: Wie das Tageblatt schrieb, dreht Alexandra Hoesdorff eine „Dokumentation“ über die Affäre Wilmes. Sie sei am Mittwoch im Kammerausschuss gewesen, habe die Journalisten und die Interviews mit den Politikern gefilmt. Vielleicht demnächst im Streaming.

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Peter Feist
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