Die kleine Zeitzeugin

Im Kreuzfeuer

d'Lëtzebuerger Land vom 24.04.2026

Der Fernsehblick fällt auf viel Wasser, dann auf das sich davor positionierende Menschenwesen mit dem besorgten Blick. Geht es um Timmy, das Wälchen in Agonie, das derzeit das Empathiepotenzial ganzer deutscher Bevölkerungsgruppen ausschöpft? Oder um die aktuell wohl berühmteste Adresse der Welt, die Straße von Hormus? Hier wie da geht nichts weiter, nicht beim Sterben, nicht beim Ätschbätsch-Blockieren und wieder Entblockieren, alles dümpelt vor sich hin, der sterbende Wal, die Schiffe, die Meldungen, die Talk-Shows, die ratlosen Beratungen, guter Rat ist teuer. Der Sprit ist teuer. Das Wälchen, Timmy geheißen, bekommt spirituellen Beistand. Walflüsterer und Handaufleger rücken ihm auf die Pelle, auf einem Beitrag der Seite Hope wird das Licht des Gebets und der Hoffnung beschworen, Psalmen werden rezitiert. In der Kirche von Poel in der es laut Bild nach Fäulnis und Bibel riecht, wird für das Wälchen gebetet.

Im Weißen Haus wird auch viel gebetet, der Papst betet zurück, Trump postet sich als Heiland, die Ungläubigen erkennen ihn leider nicht. Der Kriegsminister trägt auf seinem Unterarm die schmucke Kreuzfahrerlosung Deus vult. Herr Vance steigt derzeit weltlich winkend aus Flugzeugen, aufgeplustert von sich selbst, stolzgeschwellt, vor Stolz beinahe platzend. Dann platzen wieder die Verhandlungen.

In Ungarn bricht der ungarische Frühling aus. Vor dieser großartig inszenierten Kulisse, gibt es eine bessere Publicity für ein Land, dessen letzten Werbeträger Paprika und Piroschka waren? Und wieder ist alles so schön, so beglückend, so jung, ach, wie sie sich freuen! Ach, da rinnen die Zähren! Auch wenn nicht alles, was der Herr Magyar von sich gibt, zu Höhenflügen anregt und er nicht einmal einen Segen spendet an diesem gesegneten Tag. Erinnert ihr euch, wie wir weinten, bei Obama? Und dann, der arabische Rausch! Dieser irre Frühling, Tahrir-Platz, Kairo! Wie haben wir mitgejubelt, empowert, Däumchen! Dann kam Al-Sisi. Er ist noch immer da. Stabilitätsfaktor nennt man das.

Das Regime im Iran mit seinen allmächtigen, allwissenden, allgegenwärtigen Gottesstaatsdienern ist stabil. Die Herren mit den fein gestutzten Bärten und dem feinen sardonischen Lächeln warten mit himmlischer Gelassenheit in der Meerenge auf den amerikanischen Rüpel. Sie haben ihn in die Enge getrieben, Schiffe versenken! heißt das Katz-Maus-Spiel, das sie mit ihm treiben und vielleicht auch mit sich. Was auf dem Spiel steht, checkt in der uns zugänglichen Kommentarzone längst keiner mehr.

Einem Big Player wird vom höchst instabilen Herrn Trump, der alle derzeit gefragten Diagnosen auf sich vereinigt, Autismus, Narzissmus, Borderline, ADHS, die Show gestohlen. Das wird ihn kaum bekümmern oder auch nur kümmern, im Schatten des tobenden, torkelnden Trumpels zieht er seines Weges, zieht seine Blutspur. Durch ukrainische Weiler und Flecken, hier ein totes Kind, das auf der Strecke bleibt, da noch eines, zwischendurch mal wieder die Kiewer/innen das Fürchten lehren. Konsequent. Verlässlich. Zielstrebig. Altmodische Werte. Ein Imperialist von altem Schrot und Korn. Assistiert von Weihrauch schwingenden Bart- und Würdenträgern, die ihn und seine Heldentaten mit finsterem Pomp beweihräuchern.

Im Südlibanon schlägt ein israelischer Soldat einem hölzernen Christus mit dem Vorschlaghammer auf den Kopf. Großer Aufschrei, Israel entschuldigt sich bei allen Christen, deren Gefühle verletzt wurden, Netanyahu ist entsetzlich entsetzt. Über das, was in dieser Gegend, die er gerade erst als seine Tötungszone deklariert hat, geschehen ist. Gerade erst hat er den Südlibanon als Revier mit Tötungshoheit für Israel beansprucht. Tötungszone, so der in einigen deutschsprachigen Medien zitierte IDF-Begriff, der keinen Sturm der Entrüstung hervorrief. Dieses Wort und das, was es bezeichnet, Herr Netanyahu, hat meine Gefühle verletzt.

Ein Brandenburger Gastronom wehrt sich unterdessen gegen die Unterstellung im Netz, er biete Timmy-XXL-Fischstäbchen an. In Poel wird weiter gebetet.

Michèle Thoma
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