Wandern gegen den Corona-Frust

d'Lëtzebuerger Land du 02.04.2021

Mérite Jeunesse (auch Duke of Edinburgh’s Award) ist ein Wettbewerb in 130 Ländern, der sich an Jugendliche zwischen 14 und 24 Jahren richtet. Diese sollen sich Ziele setzen und erreichen. Den Mérite Jeunesse gibt es in den Bereichen Sport, Talent, Ehrenamt und Expedition. Er ist mehr als eine Auszeichnung, sondern ein Erlebnis, ein unvergessliches Abenteuer. Emma Lasar und ihre Freund/innen (Namen von der Redaktion geändert) haben sich 2020 am Wettbewerb beteiligt. Hier ist ihr Erlebnisbericht.

Meine Gruppe

Wir waren fünf unterschiedliche Charaktere. Carl, ein supernetter Typ, in mehreren Klimawandel-Gruppen aktiv, überdies Vegetarier, der Musicals so sehr liebt wie ich. Ben, vernarrt in Flugzeuge, hat uns Stunden vollgequatscht (ich könnte heute noch den Aufbau eines Flugzeugs erklären). Florian, der Stärkste der Gruppe, kann alles durchstehen. Ihm beim Wandern zuzuschauen, bereitet Rückenschmerzen, da er seinen Rucksack total schief trägt. Schließlich Viktoria, die hilfsbereiteste Person, der ich je begegnet bin, die das Positive verkörpert.

Coronas Einfluss

Corona hat uns das Leben schwer gemacht. Statt zu Beginn des Sommers in den Vogesen zu wandern, froren wir in Luxemburg. Ich empfehle niemandem, Ende Oktober zu campen, geschweige denn eine Wandertour zu machen. Die Nächte sind unmöglich kalt, das Wetter ist nicht gut. Dauernd wird man vom Regen, starkem Wind, Stürmen, Hagel überrascht. Da zudem eine Pandemie herrschte, konnten wir nirgends einkehren. Als wir am Abend des zweiten Tags durchnässt ans Ziel kamen, versuchten Ben, Carl und ich uns trotzdem unterzustellen, um unsere Sachen zu trocken, doch wir wurden schnell von Nicola, unserer Leiterin, vertrieben. Wir mussten in eigenen Zelten statt im wärmeren Gemeinschaftszelt schlafen, was den Spaß zusätzlich minderte. Trotzdem sind wir am Ende 65,77 Kilometer (93 162 Schritte) gewandert, sind 492 Stufen gestiegen, dies in drei Tagen mit zwei Übernachtungen.

Aufgeben: Niemals!

Ich hatte noch nie viel Glück... Da ich bereits nach der Testwanderung Schmerzen hatte, weil meine Schuhe zu klein waren, kaufte ich mir neue. Ich trug die neuen Stiefel zum ersten Mal auf der Wanderung. Das ist der größte Fehler, den ich machen konnte. Die Schuhe waren mir zu groß und ich hatte am zweiten Abend Blasen, die größer waren als 20-Cent-Münzen. Abends saßen wir alle um einen Tisch und diskutierten; ich wollte die Pflaster wechseln und stellte erschrocken fest, wie schlimm es geworden war. Sogar die Scout Leaders waren entgeistert. Ich hatte schreckliche Schmerzen und konnte kaum gehen. Das ist nicht super, wenn man noch über 20 Kilometer vor sich hat. Generell ist es schwer und ermüdend, lange zu gehen, vor allem bergauf, doch alle Probleme bringen auf Wanderung meistens etwas Gutes mit sich: Carl und ich nervten die anderen, indem wir ein Musical nach dem anderen sangen.

Gute Zeiten...

Abends ist immer die schönste Zeit auf einer Wanderung. Es ist die Zeit zum Ausruhen und Genießen. Wir schauen auf den Tag zurück und können über alles lachen. Am ersten Abend fanden wir einen Spielplatz, nicht weit vom Camping entfernt. Als es anfing zu regnen, versteckten wir uns in einer metallenen Rutsche. Wir hielten einander fest, um nicht auszurutschen und nass zu werden. Als wir zurückkamen, kochten wir heiße Schokolade auf dem Feuer, die aus Wasser und Milch bestand (schmeckte ekelhaft). Ich flocht Carls Haare, und er behielt den Zopf bis zum Ende der Wanderung.

Der zweite Abend war noch besser: Leider war Carl nicht dabei, da ihm kalt war und er sich schon schlief. Viktoria, Ben, Florian und ich wanderten auf dem riesigen Camping-Platz umher. Als es spät wurde, wollten wir umkehren. Ein Hund bellte uns an und seine Besitzerin schrie ihn an. Eine Viertelstunde später bellte uns der Hund erneut an. „Wir waren schon hier, wir laufen im Kreis“, fiel Ben auf. Er hatte recht. Wir schauten zu Viktoria, die den besten Orientierungssinn hatte. Wir irrten über eine Stunde umher und sprachen über das Leben und die Welt, bevor wir unsere Zelte wiederfanden. Da wir noch nicht müde waren, gingen wir in ein großes weißes Zelt, das wahrscheinlich als Kantine diente, und saßen dort auf Plastikstühlen. Irgendwann fing Ben an, den Film The Lego Movie zu besprechen und versuchte, uns von seiner Genialität zu überzeugen. Da wir den Film gesehen hatten, wollten wir Ben nicht glauben. Er hatte trotzdem unsere Neugier geweckt und wir schauten den Film (noch einmal) auf dem Handy. Wir waren erstaunt, was wir alles übersehen hatten! Am Morgen erzählten wir Carl davon; er wirkte verdutzt. Er hat wahrscheinlich bis heute nicht verstanden, was wir versucht haben, ihm zu erklären.

Einer der Höhepunkte war der Besuch der Burg am zweiten Tag. Als wir endlich die vielen steilen Treppen hinter uns hatten, standen wir atemlos in einer verlassenen Ruine. Auf dem ersten Blick sah sie uninteressant aus, doch bald erkannten wir Wege und Mauer. Florian schaltete eine mittelalterliche Musik ein; ich hatte das Gefühl, in einem Videospiel zu sein. Wir ließen die Rucksäcke fallen, liefen und kraxelten überall herum. Viktoria fotografierte uns. Florian und Ben kletterten auf hohe und gefährliche Stellen und wir schauten ihnen lachend zu. Als Ben über die Kante der Mauer sah, fiel ihm die wunderbare Sicht auf. Er rief uns zu sich. Erstaunt blickten wir übers Dorf und auf den Fluss. Die Landschaft war hügelig, mit Wald und Feldern. Ich bekam das Gefühl, als wären wir allein auf der Erde. Ein Gefühl von Sorglosigkeit, Macht, Zufriedenheit. Am Fuße der Burg fand Ben die Haut einer Schlange. Nach vielem Lachen und Herumalbern mahnte Viktoria, es sei Zeit, zu gehen. Traurig nahmen wir unsere Rucksäcke und zogen los.

Musik war wichtig für die Wandertour. Als wir am zweiten Tag das Camp verließen, spielten wir laute Musik. Dies gab uns ein Gefühl von Abenteuer und Freiheit.

... schlechte Zeiten

Wenn man drei Tage miteinander unterwegs ist, kommt es zu Streitereien; vor allem gegen Ende, wenn alle müde sind. Am meisten gestritten haben Viktoria und Ben, die sehr unterschiedliche Persönlichkeiten haben. Am letzten Tag war es richtig schlimm. Ich hatte wegen der Blasen an den Füßen starke Schmerzen und war außerdem ohne viel Energie. Carl war auch sehr müde. Also trotteten wir langsam hinter den anderen her. Unglücklicherweise war dies der Tag, an dem es steil bergauf ging. Bald schon waren wir außer Atem, dabei hatten wir noch über 20 Kilometer vor uns. Viktoria, der Organisation und Disziplin sehr wichtig sind, trieb uns an, schneller zu gehen. Ihr Versuch, mit Musik das Tempo zu erhöhen, funktionierte nur anfangs. Wir wollten eine Pause machen, alle außer Viktoria, die fürchtete, wir könnten nicht rechtzeitig ankommen. Genervt sagte ihr Ben die Meinung: Es gehe auch um Spaß, und dass Carl und ich am Ende waren. Wir gingen schließlich weiter.

Gegen Ende der Wanderung, als noch sechs Kilometer zu gehen waren, fing Viktoria an, sich merkwürdig zu benehmen. Wir dachten uns nicht dabei und schritten gequält voran. Schließlich verriet sie uns, was los war: Tourleiterin Nicola und sie dachten, dass wir es nicht schaffen würden, sie würden uns deshalb abholen und uns bis zur Burg am Ziel fahren, wo das Projekt enden sollte. Für uns war das okay, wir waren sowieso genug gewandert. Ben war komplett dagegen. Er wollte zu Fuß ans Ziel gelangen, die Tour aus eigenen Kräften schaffen, und darauf stolz sein. Er und Florian gingen weiter und wollten die Burg unbedingt zu Fuß erreichen, doch Nicola holte sie ein und nahm sie mit dem Auto mit. Daraufhin redete Ben nicht mit mehr uns. Er und Florian besuchten zu zweit die Burg. Viktoria, Carl und ich blieben zusammen. Es war ein trauriges Ende für eine gemeinsame Wanderung.

Einer für alle, alle für einen

Beim Mérite habe ich viel gelernt. Man sollte immer auf alles vorbereitet sein und anderen helfen, ohne pedantisch mitzuzählen, wie oft man einander hilft. Es gibt in der Gruppe Stärkere und Schwächere mit unterschiedlichen Talenten. Zum Beispiel trug Florian die Sachen der anderen und Viktoria übernahm meistens das Kartenlesen. Manchmal macht jemand mehr, da er oder sie motivierter ist oder Konflikte vermeiden will. Wenn man anfängt, alle Kleinigkeiten zu zählen, gibt es nur Streit. Ich, zum Beispiel, habe immer genug Essen für alle dabei, da ich weiß, dass unsere Jungs für manche Tage nichts zum Essen mithatten..

Wanderschmaus

Kartoffelbrei mit Käse und Speck (klingt eklig, ist aber perfekt beim Campen, da es sättigt und wärmt) 

Zutaten für vier Personen: 

– 2 ½ Becher Kartoffelbrei-Pulver 

– ½ Becher Milch-Pulver 

– 1 ½ Esslöffel getrocknete Zwiebeln 

¾ Becher Koch-Schinken 

– ¾ Becher geriebener Käse oder ½ Becher Parmesan 

– ein Stück Butter 

– Salz und Pfeffer 

Zubereitung:

Kartoffelbrei- und Milch-Pulver, Zwiebeln und Salz und Pfeffer in eine Plastiktüte geben, Speck, Käse und Butter in verschiedene Tüten geben. Entsprechende Menge Wasser kochen und die Brei-/Milch-Tüte hinzufügen, rühren. Dann die anderen Zutaten beigeben.

Emma Lasar
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