OQ-Technology hat Pionierleistungen aufzuweisen. Ein Rundgang durch den Firmensitz des Raumfahrtunternehmens: von der Werkbank bis in den Orbit

To boldly go

Freie Bürofläche: Omar Qaise auf Expansionskurs
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 22.05.2026

In einem Raum, nicht größer als ein Schlafzimmer, liegen auf einem Tisch fünf aufgeklappte Satelliten – jeder weniger als ein Meter lang. Rote, gelbe und schwarze Kabel schlängeln sich über rund eine Million Euro teures Material. „Wir testen hier Software, bevor wir sie in die Umlaufbahn schicken“, erklärt Omar Qaise, Gründer des in Leudelingen ansässigen Unternehmens OQ-Technology. Nur Jérémy, ein erfahrener Software-Entwickler, arbeitet in diesem Raum. Weitere Informatiker, Techniker und Ingenieure sitzen im Großraumbüro nebenan. Junge Männer unter 40, locker angezogen, im Hoodie oder T-Shirt blicken auf Bildschirme, auf denen sich Zahlen und Diagramme bewegen, die für Nichteingeweihte ein Rätsel bleiben.

Das Kerngeschäft von OQ-Technology ist die Herstellung von Satelliten, die etwa 500 Kilometer über der Erde im sogenannten Low Earth Orbit (LEO) kreisen und im Mobilfunk-Frequenzspektrum operieren. Das ermöglicht Geräten in abgelegenen Gegenden oder bei ausgefallener Internetverbindung eine 5G-Verbindung. Blickt Omar Qaise auf die vergangenen 15 Jahre zurück, sagt er, alles habe mit einem „Jump into the Unknown“ angefangen. Nach Stationen am Deutschen Zentrum für Raumfahrt in München, bei der ESA in Darmstadt, als Softwareentwickler für den OHB Satellitenhersteller in Bremen, vollzog er ab 2014 parallel zu seiner Arbeit bei der SES in Betzdorf Schritte zur Unternehmensgründung – nicht, um „etwas zu kopieren, was schon existiert“, betont er, „sondern um eine innovative Technologie zu entwickeln“. Er habe Space-Konferenzen besucht, Fachmagazine und Blogs gelesen, sich mit Leuten unterhalten. Schließlich habe ihn das französische Unternehmen Sigfox, das auf schmalband-Netzwerke im Bereich des Internets der Dinge spezialisiert ist, auf die Idee gebracht, LEO-Minisatelliten mit Smartphones zu verbinden. Als ihm diese Idee kam, war er derart neugierig, dass er auf dem nächstbesten Stück Papier erste Berechnungen anstellte. Offenbar haben die Berechnungen gefruchtet: Heute sitzt er in Leudelingen mit Einstecktuch in seinem Jackett – einem CEO-Erkennungszeichen.

Im Januar 2016 trug er sein Unternehmen ins Handelsregister ein. 2019 ging der erste Testsatellit in eine Umlaufbahn; im November 2025 verschickte OQ-Technology die erste Notfallmeldung direkt von einem Satelliten an Smartphones. Ohne Umweg über eine App oder ein Software-Update. Im Jahr 2016 hatte zugleich eine weitere Person Lust, sich in den Space-Business zu begeben: LSAP-Wirtschaftsminister Etienne Schneider gründete Space Resources, um die luxemburgische Wirtschaft breiter aufzustellen – in der Tradition von CSV-Premier Pierre Werner, der Anfang der 1980er-Jahre den ersten SES-Astra-Satelliten durch eine Staatsgarantie finanziell absichern ließ. Über die 2018 gegründete Luxembourg Space Agency eröffneten sich neue Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups; zudem unterzeichnete Schneider Kooperationsvereinbarungen mit Ländern wie den Vereinigte Arabische Emirate, China und Russland. Unter einer veränderten internationalen Großwetterlage nahm sein Nachfolger Franz Fayot (LSAP) ab 2022 eine Neuausrichtung auf europäische und Nato-Partner vor. Er überarbeitete zudem die Strategie, um Aspekte wie Nachhaltigkeit stärker einzubeziehen. Etwa 80 Space-Unternehmen und 1650 Angestellte zählt der Sektor (ohne Einbezug der SES). Fast alle Unternehmen haben allerdings ihren Firmensitz im Ausland; OQ-technology ist neben SES eins der wenigen luxemburgischen Space-Unternehmen. Der Sektor soll um die eineinhalb Milliarden Euro jährlich erwirtschaften.   

Tech-Jugend in Bagdad

Die Weltraum-Leidenschaft des Satellitenherstellers reicht aber weiter zurück als seine Studienzeit. Man ahnt es: Schon als Kind habe sich Omar Qaise für Planeten, Raketen und die Nasa begeistert. Geprägt habe ihn auch die Lektüre von Jules Vernes Von der Erde zum Mond – ein Abenteuerroman, der mit prophetisch-wissenschaftlichem Scharfsinn von einem internationalen Weltraumrennen erzählt. Seine Kindheit und Jugend hat er in Iraks Hauptstadt verbracht. Wie war sein Leben in Bagdad? An einer englischsprachigen Schule für Hochbegabte habe er Programmieren und Astrophysik gelernt, antwortet er. „Ich habe viel Zeit in der Schule verbracht. Dort hatten wir Zugang zu Computern und haben Physik-Experimente gemacht.“ Als Jugendlicher hatte er Einstein zum Vorbild, sein Foto trug er Jugendlicher bei sich. Die Relativitätstheorie fasziniere ihn. Begeistert ist er auch von dem Physiker und Mathematiker Roger Penrose und seiner nicht-algorithmischen, quantenphysikalischen Bewusstseinstheorie. Mit zehn Jahren hätten ihm seine Eltern einen Computer gekauft, „that helped me a lot“. Den Irak habe er noch vor Kriegsbeginn verlassen und begann dank eines Stipendiums 2004 ein Studium an der Universität Bremen. Inzwischen besitze er die deutsche Staatsangehörigkeit.

Zwölf Patente hat OQ-Technology mittlerweile bei europäischen und US-Behörden angemeldet. „Aus IP-Lizenzgebühren auf Halbleitern könnte sich künftig vielleicht ein Milliardengeschäft entwickeln“, schätzt Qaise. Um patentfähige Erfindungen zu entwickeln, müsse man Marktentwicklungen antizipieren. Bisher gebe es in diesem noch jungen Markt nur eine Handvoll Akteure – „und wir hier in Luxemburg sind mit dabei“, betont er. Seine Kinder gehen hier zur Schule und sprechen Luxemburgisch. Er sei dabei, im Großherzogtum Wurzeln zu schlagen. Kooperationen unterhält OQ mit Luxinnovation, dem LIST und dem SNT; mit Letzterem habe man als Teil eines größeren Konsortiums an der Amazing-6G-Initiative mitgewirkt, um die Entwicklung europäischer 6G-Infrastruktur voranzutreiben.

„Je mehr Kunden man hat, desto mehr Use-Cases kann man sammeln“, erklärt der 42-Jährige. Aktuell zählt das Unternehmen 30 Kunden, darunter die Deutsche Telekom und Aramco, die größte Erdölfördergesellschaft mit Sitz in Saudi-Arabien, die seit 2022 auch in OQ-Technology investiert. 200 weitere potenzielle Kunden seien in der Pipeline. Verstärkt kooperieren wolle man nun mit der Regierung im Notfall- und Verteidigungsbereich; ihr Dienst könne beispielsweise vor Drohnenangriffen warnen. „Fallen erdgebundene Netzwerke aus – bei Bränden, Überschwemmungen oder Sabotage des Stromnetzes – kann die Feuerwehr mit Menschen aus Krisengebieten in Kontakt bleiben.“ Humanitäre Dienste wolle er nicht auf Europa beschränken, sondern „to the whole world“ anbieten. Weitere mögliche Anwendungsgebiete sind die Seefahrt, in der Satelliten günstige Routen berechnen können, die Erkennung von Lecks in Pipelines sowie die Steuerung automatischer Bewässerungssysteme in der Landwirtschaft.

Hoher Konkurrenzdruck, Kampf um „Talente“

Der Konkurrenzdruck im Satelliten-Geschäft ist groß. Starlink möchte neue Geschwindigkeiten beim Herunterladen von Daten erreichen. An der Space Week vor zwei Jahren zeigte man sich auf Kirchberg nervös: Kaum jemand könne mit Starlink mithalten. Vor allem im Anwendungsbereich autonome Fahren erwarte das Unternehmen von Elon Musk Skalierbarkeit. „Für die Direktübertragung auf das Gerät möchte man so nah wie möglich am Auto sein“, erläuterte SES-Vertreter Mohammad Marashi damals – genau das weckt das Interesse für den LEO-Satellitenbetrieb (d’Land 06.12.2024). Omar Qaise bestätigt das Wachstumspotenzial der erdnahen Satellitenbranche: „Der chinesische Autohersteller Geely ist dabei, seine eigene Satellitenkonstellation aufzubauen, um seine Fahrzeuge zu vernetzen.“ Hier würden sich neue Fragen für die europäische Souveränität stellen; er selbst ist auch an diesem Markt interessiert. OQ sei Starlink auf den Fersen: Neben dem US-Konkurrenten sei man dieses Jahr die ersten Europäer, die bidirektional Sprach- und Textnachrichten versenden werden. 

Ende 2016 zählte das Unternehmen sieben Mitarbeiter. Heute sind es 44 in Luxemburg, ein paar weitere sind auf kleine Zweigstellen in Griechenland, Australien, Ruanda und Saudi-Arabien verteilt. Wie schwer ist es, für diese hochspezialisierte Branche Mitarbeiter zu finden? „Ich durchkämme Linkedin und Job-Plattformen, um Talente aufzuspüren“, erklärt Betriebsmanagerin Marwa Naseem. Für sehr spezialisierte Stellen, die einen Doktortitel in der Raumfahrttechnik, Elektronik oder Telekommunikation erfordern, engagiere sie Headhunter. Manchmal stehe sie vor der Frage: „Wie kriege ich die Leute nach Luxemburg?“ Denn Paris, München und andere Metropolen ziehen junge Hochschulabsolventen stärker an. „Ich verweise auf Steuervorteile und günstigere Mieten im grenznahen Bereich“, sagt die Frau im blauen Anzug mit passenden blau-violetten Fingernägeln. Mittlerweile arbeiten bei OQ-Technology Personen von 22 unterschiedlichen Nationalitäten, manche kommen aus den Nachbarländern. Aber auch aus Südamerika, Griechenland und Italien konnte man Ingenieure gewinnen. Marwa Naseem unterstreicht die Ambitionen des Unternehmens: „Seit Anfang des Jahres haben wir
16 Leute eingestellt, sechs Stellen sind noch offen.“ Das Unternehmensziel sei es, im Laufe des nächsten Jahres auf 100 Mitarbeiter/innen zu kommen.

Im Flur treffen wir auf Vittorio. Seit zwei Monaten arbeitet er bei OQ. „Really positive vibes“ spüre er im Unternehmen; man arbeite gemeinsam mit Gleichgesinnten an konkreten technischen Problemen. Seine Aufgaben seien voller Herausforderungen, der Druck aber nicht zu groß – das motiviere ihn. Der Italiener ist von Neapel ins französische Grenzgebiet gezogen. Am Arbeitsplatz reiche Englisch, in Luxemburg-Stadt auch, aber nicht unbedingt darüber hinaus, deshalb lerne er nun Französisch. 

In einem Nebenzimmer wird das Konkrete seiner Arbeit erneut greifbar. An der Wand hängen acht Bildschirme. Einer zeigt die zwölf hauseigenen Geräte, die mit 29 000 Kilometern pro Stunde durch die Umlaufbahn rasen – eine Geschwindigkeit, bei der es eine Herausforderung ist, sie ununterbrochen mit Geräten auf der Erde in Kontakt zu halten. 90 Minuten benötigt ein LEO-Satellit, um die Erde zu umrunden; wegen der Erdrotation überfliegt er aber nur alle fünf Stunden die gleiche Stelle. Und jeder einzelne erreicht per Funk ein Gebiet so groß wie halb Deutschland. Vier weitere Bildschirme zeigen Zickzacklinien, fast wie bei einer Herzfrequenzmessung, und geben Auskunft über den Gesundheitszustand der Satelliten. Nur eine einzige Person überwacht die schuhkartongroßen Himmelskörper im Orbit – wo sie zumeist nicht länger als fünf Jahre überleben. „Anschließend ziehen wir sie in die Atmosphäre, wo sie verbrennen und sich auflösen – damit kein Weltraummüll entsteht“, erläutert Omar Qaise.

Premier Frieden und das Weltall

Während unseres Unternehmensbesuchs wundert sich Stefan van Look, Manager für Regierungsangelegenheiten bei OQ: „Viele Einheimische wissen gar nicht, dass sich in Luxemburg neben der SES ein ganzes Ökosystem an Raumfahrtunternehmen entwickelt hat.“ Der Bürgermeister von Leudelingen, Lou Linster, sei neulich im Firmensitz zu Besuch gewesen und habe sich dann erst ein Bild von dem Anspruch des Unternehmens gemacht. Allerdings habe er sich als Ingenieur zu erkennen gegeben: Der DP-Bürgermeister habe die Kabel genauer inspiziert als andere Besucher. Vor drei Wochen besuchten zudem die Abgeordneten Sven Clement (Piraten), Octavie Modert (CSV) und Gérard Schockmel (DP) gemeinsam mit Kammerpräsident Claude Wiseler den Firmensitz.

In der öffentlichen Debatte wird tatsächlich erst wieder seit einem Jahr wieder vermehrt die Space-Wirtschaft thematisiert. „Keine Panzer bauen“ wolle er, sagte Premier Luc Frieden mehrfach mit Blick auf höhere Verteidigungsausgaben. Am Dienstag legte Frieden während seiner Rede zur Lage der Nation nach. Man lege den „Fokus auf Forschung und Innovation“ und investiere in Technologien, „déi och en zivillen Zweck kënnen hunn“, er denke da an Wetall-Technologien und Cybersicherheit. Die Satellitenindustrie, die rund um die SES entstanden sei, „ass Deel vun der Lëtzebuerger DNA“. Derweil entstehe auf dem Space Campus auf Kockelscheuer eine Produktionshalle samt Testzentrum für Weltraumgeräte: „De Bau vu Satellitten direkt hei zu Lëtzebuerg ass e ganz neit Kapitel an der Geschicht vun eiser Industrie“, freute sich der Premier am Dienstag. Auch OQ-Technology will künftig Satelliten in Luxemburg herstellen – und könnte dieses Ziel möglicherweise früher erreichen als die SES, die auf größere Satelliten spezialisiert ist, deren Stückpreis bei rund 290 Millionen US-Dollar liegt. Die erdnahen Satelliten hingegen kosten – Material und Launch zusammengerechnet – rund eine Million Dollar, manchmal sogar weniger. Für europäische Regierungen stellt sich auch die Frage, wie mit Abhängigkeiten von Privatanbietern mit einer möglicherweise Monopolstellung umgehen wird.  

Wie viele Scale-up-Leiter beklagt sich auch Omar Qaise über die europäische Investitionsmentalität – sie sei zu „riskoavers“. Doch er agiere in einer kapitalintensiven Industrie; das sei eine der Herausforderungen, die er gerade angehen müsse. Im Februar erhielt OQ-Technology von der Europäischen Investitionsbank ein Venture-Darlehen in Höhe von 25 Millionen Euro für Forschungs- und Entwicklungsprojekte sowie den Launch von 20 softwaredefinierten Multibandbreiten-Satelliten. Durch das Darlehen erhofft er sich, das Vertrauen weiterer Privatinvestoren gewinnen zu können.

Regelmäßig statten auch Botschafter/innen dem Unternehmen einen Besuch ab. Vor drei Wochen schneite die US-Botschafterin Stacey Feinberg vorbei. Mit der Geschäftsfrau habe man „thoughtful discussions“ über Marktentwicklungen geführt, wie OQ auf Linkedin mitteilte. Sie glaube an das Potenzial des Weltraumgeschäfts. In einem Tageblatt-Interview nannte sie Etienne Schneider einen „Visionär“ und „klugen Mann“, der „die Zukunft des Weltraums vor Jahren erkannt“ habe. Aber das stimmt nicht so ganz: Unter Schneider lag der Fokus auf dem Abbau von Weltraumressourcen – einem Ziel, von dem man noch weit entfernt ist. Und unter ihm gingen Millionen an das Unternehmen Planetary Ressources verloren.Vor allem Franz Fayot rückte realistische Anwendungsfälle ins Zentrum.

Stéphanie Majerus
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