Max Thommes’ Regiedebüt Hysterion: radikal, kohärent und getragen von einem außerordentlichen Spiel

Die Maske als Gefängnis der Welt

Der Supermarkt: Metapher einer Gesellschaft, in der alles käuflich ist, ausverkauft wird und verfällt
Photo: Antoine de Saint-Phalle
d'Lëtzebuerger Land du 22.05.2026

Es liegt etwas Mutiges darin, für eine erste Theaterinszenierung einen so anspruchsvollen Text wie Ingrid Lausunds Hysterikon zu wählen. Max Thommes, luxemburgischer Schauspieler, ausgebildet an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin, wo er an der Schaubühne und im bat-Studiotheater auf den Bühnen stand, vollzieht am Kasemattentheater seinen ersten Schritt in die Regie. Mit einem formal radikalen und kohärenten Ansatz, getragen von vier Darsteller/innen: Fabienne Elaine Hollwege, Jill Devresse, Luc Schiltz und Konstantin Rommelfangen. Ihr körperlich wie stimmlich außerordentliches Spiel erlaubt keinen Moment des Nachlassens.

Hysterikon ist eine fulminante Revue skurriler Antihelden, Paranoiker, Tagträumer oder gar Avatare, vielleicht schon Puppen, angesiedelt im archetypischen Raum des Supermarkts. Das ist die totale Metapher einer Gesellschaft am Anfang des 21. Jahrhunderts, in der alles käuflich war und noch immer ist (heute digitalisiert), ausverkauft wird und verfällt. Ingrid Lausund hat den Text 2001 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg geschrieben, wo sie damals als Hausautorin und Regisseurin arbeitete. Ihre Figuren sehen sich permanent mit den Anforderungen konfrontiert, in völlig individualisierten Verhältnissen und in Zeiten verfallender Werte die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Heute wird für sie entschieden. In einem sehr eigenen Bühnendeutsch geschrieben, gehackt, repetitiv und sehr stark rhythmisiert, beinah wie eine kommerzielle Litanei, dauert der Text in seiner vollen Fassung knapp zwei Stunden. Max Thommes’ Produktion wurde auf eineinhalb Stunden verdichtet, ohne die hyperbolische Spirale, die den Kern der Inszenierung ausmacht, zu verlassen.

Was sofort auffällt, sind die Latexmasken, die ohne Unterbrechung vom Anfang bis zum Ende des Stücks getragen werden. Das ruft die lange Geschichte des abendländischen Theaters auf, die Commedia dell’Arte mit ihren archetypischen Figuren, festgehalten wie in einer KI-Karikatur, den Slops. Hier jedoch ist die Maske kein Harlekin und kein Pantalon. Sie ist Haut, zumindest wird diese nachgeahmt mit synthetischem Material, das sich an die Haut schmiegt, sie auslöscht und ersetzt. Ein Alptraum, von dem man eigentlich wünscht, dass er sich auflöst; das geschieht jedoch nicht. Der Übergang vom Kostüm zur zweiten Haut markiert die Verschiebung des Textes in unsere unmittelbarste Gegenwart. Heute werden keine Karnevalsmasken mehr getragen, die man nach der Feier am liebsten ablegen würde. Wir bewohnen heute Masken, die wir nicht mehr abzunehmen wissen. Wir sind gefangen. Digital und physisch.

Genau hier tritt die Inszenierung mit Ingrid Lausunds Text in einen Dialog, der über eine bloße Aktualisierung hinausgeht. Im Jahr 2001 hatte die Autorin auf die Automatismen des Turbo-Konsumismus gezielt, auf soziale Posen, auf das vom Haben kolonisierte Sein. Fünfundzwanzig Jahre später radikalisiert Max Thommes’ die Diagnose: Die algorithmische Tyrannei der sozialen Netzwerke, die Aufmerksamkeitsökonomie, die Vorhersagbarkeit als unüberwindlicher Horizont der vernetzten Existenz haben die Maske zu etwas Ontologischem werden lassen. Was die Commedia dell’Arte noch komisch machte, die Starrheit des Charakters angesichts der Unberechenbarkeit der Welt, hat die Big Tech in Infrastruktur verwandelt. Jedes Scrollen, jedes Like, jeder per Algorithmus ausgespielte Inhalt ist eine Reduktion des Selbst auf ein Profil, auf eine Zielgruppe, auf einen Konsumtyp. Die Figuren in Hysterikon sind nicht mehr nur verlorene Kunden vor dem Joghurtregal: Sie sind Nutzer, eingeschlossen in ihrer eigenen Schädelblase, um die treffende Formulierung David Foster Wallaces’ aus This Is Water aufzugreifen. Dieser Vortrag von 2005, ein Appell, den Anderen als Subjekt statt als Hindernis zu begreifen, hallt hier mit einer beunruhigenden Schärfe wider, als hätten Lausund und Wallace heimlich miteinander geschrieben.

Die fast pornografische Ästhetik, die einzelne Sequenzen durchzieht, vermischt mit Videobildern, die an den Wiener Aktionismus in seiner luxuriös-dekadenten Luxemburger Variante erinnern, das endlose Feiern, die übersättigten Körper, Partys als Erschöpfungsrituale, ist eine Provokation, aber sie verankert das Stück in einer europäischen kritischen Tradition der Darstellung: In der eines Theaters, das die Bilder, die eine Gesellschaft von ihrem eigenen Begehren produziert, gegen diese selbst wendet. Sex ist hier keine Erotik mehr, er ist ein Symptom, und eine auf ihre Mechanik reduzierte Sexualität beweist die fundamentale Einsamkeit der Körper in einer von Simulakren gesättigten Welt.

Hannah Arendt ist in dem Stück ebenfalls präsent, aber als Subtext. Die Frage der Lüge als politisches Werkzeug, der Fake News als Konstruktion einer sich selbst beglaubigenden Alternativrealität. Hannah Arendts Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft oder ihr Essay über Wahrheit und Lüge in der Politik sind nicht weit vom Stück. Im Spätkapitalismus, und noch stärker in unserer digitalen Aufmerksamkeitsökonomie, gibt es eine Tendenz, das Reale im Spektakulären einfach jeden Tag aufzulösen und Fakten durch Erzählungen zu ersetzen. Die Figuren in Hysterikon belügen sich ständig selbst und führen Identitäten, die sie nie waren.

Ingrid Lausund teilt mit Künstler/innen wie Gesine Danckwart oder René Pollesch jene doppelte Praxis als Autorin und Regisseurin, die ihrer Arbeit eine besondere Dringlichkeit verleiht: Ihre Texte entstehen aus einer lebendigen Theaterpraxis, in unmittelbarer Auseinandersetzung mit zeitgenössischen gesellschaftlichen Phänomenen. Unter dem Pseudonym Mizzi Meyer ist sie auch als Drehbuchautorin bekannt, unter anderem für die Kultserie Der Tatortreiniger. Dass Max Thommes, in erster Linie Schauspieler, aber auch Musiker vom maskierten Das Radial, dieses Material für seine erste Theaterinszenierung gewählt hat, sagt Manches: Er kennt den Text von innen, er weiß, was es kostet, eine derart körperliche Sprache zu bewohnen, und er vertraut sie Partnern an, die dieser Anforderung gewachsen sind. Den vier Darsteller/innen, ihre Körper unter Zwang, ihre Stimmen und ihr Spiel aber in Freiheit, gelingt es, unter der synthetischen Oberfläche des Latex eine verletzliche Menschlichkeit sichtbar zu machen.

Wenn das Stück durch einige Kürzungen noch an Dichte hätte gewinnen können und der Text von Ingrid Lausund sich mehr Wiederholung leistet als das Spiel der Körper auf der Bühne, so hält das Stück dennoch stand: Der formale Ansatz ist stimmig, die dramaturgische Entscheidung von Florence Römer wird bis zum Ende durchgehalten, und nicht zuletzt ist in dieser ersten Inszenierung von Max Thommes eine Vision erkennbar. Hysterikon versucht nicht, zu gefallen, das Stück befragt. Es ist auf keinen Fall Theater, das tröstet. Es ist ein Thea-ter, das mit Präzision und wilder Energie zeigt, wie die Menschheit hier gerade ist: maskiert, gequält in ihrem Individualismus, erschöpft davon und dennoch unfähig, sich zu verändern.

Die letzte Vorstellung am 22. Mai ist ausverkauft. Warteliste über ticket@kasemattentheater.lu.
Man sollte einfach mehr Wiederaufnahmen
in Luxemburg planen

Karolina Markiewicz
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