ZUFALLSGESPRÄCH MIT DEM MANN IN DER EISENBAHN

Schulterbreite

d'Lëtzebuerger Land vom 22.05.2026

Wer muss für die Folgekosten des US-israelischen Kriegs gegen den Iran zahlen? Darüber soll die Tripartite nächsten Monat verhandeln. Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: Nach der herrschenden Sozialstaatsdoktrin sollen die breiten Schultern die Last tragen. Folglich müsste die Tripartite die Schulterbreite der Sozialpartner vergleichen.

Die Schulterbreite der Lohnabhängigen messen regelmäßig IGSS, Statec, Liser. 2024 veröffentlichte das Statec eine Schrift Salaires au Luxembourg. Über die Höhe des Medianlohns (4 844 Euro), des Durchschnittslohns (6 327 Euro), aufgefächert nach Beruf, Wirtschaftssektor, Bildungsniveau, Wohnort. Die Höhe des gesetzlichen Mindestlohns ist präzise festgelegt: 2 703 Euro und 74 Cent.

Hat die Patronatsseite schmalere oder breitere Schultern als die Salariatsseite? Über die Schulterbreite der Firmenbesitzer herrscht Stillschweigen. In den Powerpoint-Erklärungen der Tripartite-Experten kommen die Betriebsgewinne nicht vor. Kein Kommentator in der Politik, der Presse, den Lobbys fragt nach der Höhe der Profitrate. Stattdessen starten konservative Kreise schnell die übliche Neidkampagne gegen Staatsbeamte.

Evgenii Monastyrenko und Giovanni Mangiarotti sind Mitarbeiter des Statec. Anfang des Monats veröffentlichten sie das Arbeitspapier Nummer 143: „Determinants of the profitability of firms in Luxembourg“. Unter Ausschluss des gewichtigsten Wirtschaftszweigs, des Finanzsektors. Das ist aus methodologischen oder politischen Gründen so üblich. Vergangenes Jahr bilanzierten 116 Banken sieben Milliarden Euro Nettoprofit (www.cssf.lu).

Zieht man vom Warenwert den Wert der Vorleistungen an Rohstoffen, Maschinen, Energie ab, bleibt die Wertschöpfung (valeur ajoutée). Sie wird aufgeteilt in Löhne für die Arbeiterinnen, Angestellten und in den Bruttobetriebsüberschuss (excédent brut d’exploitation), den Profit für die Kapitalbesitzer.

Der Profit im Vergleich zum gesamten Verkaufserlös, dem Umsatz, ist die Bruttobetriebsrate. Sie ist eine kaufmännische Größe. Vom Standpunkt der politischen Ökonomie hat sie geringe Aussagekraft. Deshalb benutzt die Bereicherungswissenschaft sie am häufigsten.

Die Statec-Autoren stellen fest, dass die Bruttobetriebsrate in Luxemburg niedriger ist als in manchen anderen Ländern. Wegen einer „exceptionally high proportion of négoce“ (S. 6) – ähnlich wie in der Schweiz. Im unproduktiven Zwischenhandel von „merchanting, subcontracting and distributive activities“ entsteht wenig Mehrwert.

Als Alternative schlagen die Autoren vor, den Gewinn nicht am Umsatz, sondern an der Wertschöpfung zu messen. Und stellen fest, dass „profitability ranking improves for several sections when profitability is measured by the margin rate“ (S. 35).

Die Kapitalbesitzer behaupten, ihr Geld für sich arbeiten zu lassen. Deshalb behielten sie außerhalb des Finanzsektors zwischen 2018 und 2023 jährlich um die 40 Prozent der Wertschöpfung als Profite für sich zurück (Statec, Note de conjoncture, 2-23, S. 67). Gemessen an den Löhnen entsprechen 40 Prozent der Wertschöpfung einer Mehrwertrate von 66,7 Prozent.

Einige zehntausend Aktionäre, Betriebsinhaberinnen teilen sich 40 Prozent aller „valeur ajoutée“ als Mehrwert. Eine halbe Million Beschäftigte müssen sich für den Wert ihrer Arbeit 60 Prozent der „valeur ajoutée“ als Löhne teilen: Die Schultern eines Kapitalbesitzers (0,001 Prozent „valeur ajoutée“ pro Kopf) sind im Durchschnitt zehnmal breiter als die eines Beschäftigten (0,0001 Prozent). Die Vermögensunterschiede, Steuersätze machen die Schultern noch breiter.

„En valeur absolue, l’excédent brut d’exploitation du Luxembourg a fortement augmenté – de plus de 50 % entre 2008 et 2020 – ce qui indique que l’économie génère effectivement des profits substantiels“, schrieb das Statec vor 14 Tagen (Statnews, 7.5.26). Welche Schultern die Folgekosten des Kriegs tragen sollen, hängt am Ende vom Kräfteverhältnis in und außerhalb der Tripartite ab.

Romain Hilgert
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