Neulich wollte der Mann in der Eisenbahn Zeitung lesen: das Weltgeschehen vor sich auf Papier ausbreiten. Doch seit drei Jahren gibt es keinen Zeitungskiosk mehr in der Bahnhofshalle. Im Hauptbahnhof einer Hauptstadt ist das ein kulturelles Desaster.
Der Bahnhofskiosk war einst der größte Kiosk der Messagerie Paul Kraus. Der Pressevertrieb wurde an die Schweizer Gruppe Valora verkauft. Die Verkaufsfläche des Kiosks wurde halbiert. Zeitungen, Magazine machten Reiseandenken Platz. Dann wurde der Kiosk geschlossen.
An seine Stelle kam ein Cactus Shoppi. An jenem Samstagmorgen stand ein klappriges Drahtgestell am Eingang des Cactus Shoppi mit dem Wort, der Bild-Zeitung, halben Monde-Ausgaben. Der Zeitungsladen in der Nebenstraße war geschlossen. Dann fuhr der Zug ab.
Eine kulturelle Glanzleistung war, dass hierzulande Dorftankstellen Zeitungen aus drei oder vier Ländern anboten. Mehr als die meisten Zeitungsläden in ausländischen Städten. Der Zeitungsladen im Dorf des Manns in der Eisenbahn schloss vor bald 20 Jahren. Er hatte sich mit Spielzeug, Schulmaterial über Wasser gehalten. Vor zwei Wochen stellte die Q8-Tankstelle im Dorf den Zeitungsverkauf ein.
Binnen 20 Jahren sank die Zahl der Zeitungsläden in Deutschland um ein Drittel, in Frankreich um die Hälfte, in Italien um zwei Drittel. Zeitungskiosken droht das Schicksal von Telefonkabinen. Ende 2023 schloss der letzte Kiosk in Brüssel. Auf den Pariser Boulevards sind viele Kioske geschlossen oder verkaufen T-Shirts, Eiffeltürmchen.
Mitte der Neunzigerjahre erreichte die Auflage des Luxemburger Wort ihren historischen Höhepunkt. Um die Jahrtausendwende zeichnete sich das Ende einer Epoche ab. Vor fünf Jahren räumten Wort, Tageblatt ihre Firmensitze.
Zeitungen werden immer dünner, immer teurer. Die Leser müssen für den Ausfall der Kleinanzeigen, Stellenangebote, Werbung aufkommen. Doch Zahlungswilligkeit genügt nicht: Die Kundschaft muss zuerst Zeitungen finden. In Stadtvierteln gibt es noch Zeitungsläden. Sie bieten Lotterielose an, Zigaretten, Freizeitmagazine. Und immer weniger Zeitungen.
Luxemburger Zeitungsmacher und Leserinnen können von Glück reden: Den größten Teil der Auflagen liefern Austräger und Briefträgerinnen den Abonnenten nach Hause. Die Post findet die Austräger zu teuer.
Ausländische Zeitungen scheuen die Remittendenkosten. Ihre Jahresabonnements kosten fast 1 000 Euro. Fahrer des Pressevertriebs lieferten sie nach Hause, auch samstags. Der Dienst wurde vor Jahren eingestellt.
Das Zeitungsangebot sinkt, weil die Nachfrage sinkt. Nachrichten werden rund um die Uhr über Handy, Ipad verbreitet. Für Bessergestellte von traditionellen Verlagen, für andere durch Facebook, Tiktok, X. Der Unterschied ist nicht nur technischer Natur.
Zeitungen sind industriell produzierte Waren: Gewaltige Rotationsmaschinen drucken rasend schnell Farbe auf Papierbahnen aus Holzfasern, falzen, schneiden sie. Waren kann man kaufen, besitzen, benutzen, aufbewahren, verschenken. „Denn was man schwarz auf weiß besitzt, / Kann man getrost nach Hause tragen“ (Faust I, S. 121).
Digitale Nachrichten sind Dienstleistungen. Dienstleistungen kann man bezahlen und konsumieren. Verbrauchen statt gebrauchen. Nicht besitzen, benutzen, aufbewahren, verschenken. Digitale Informationen werden als dematerialisiert gepriesen. Als bräuchten sie keine Serverparks, Unterseekabel, Sendemasten, Glasfasernetze, Lesegeräte, keinen Strom.
Ob wahr, ob falsch, als dingliches Produkt steht der gedruckte Text fest, unverändert, nachprüfbar. Als Dienstleistung sind digitale Nachrichten flüchtig, ändern sich, verschwinden. Bis hin zu Fake News, KI-Simulakren, die verwirren, entmutigen.
Im endlosen Scrollen verrät die bürgerliche Öffentlichkeit ihren gesellschaftlichen Fortschrittsglauben an den technischen Fortschrittsglauben. Die 2023 von CSV, DP, LSAP, Grünen verabschiedete Reform der staatlichen Pressehilfe belohnt die Abkehr von der gedruckten Zeitung.