Mit Die Kunst der Gesellschaft lockt die Neue Nationalgalerie in Berlin in den sanierten Bau und zeigt eine eindrucksvolle Schau, die mit Werken von Laserstein, Dix, Ernst, Grosz und Kirchner offenbart, wie die klassische Moderne vor hundert Jahren blühte ...

Spiegelbild der Jagd auf die Moderne

d'Lëtzebuerger Land du 18.02.2022

Unweit von dem unwirtlich zugebauten Potsdamer Platz in Berlin ist die von Mies van der Rohe entworfene Neue Nationalgalerie ein Eyecatcher. Als letztes eigenständiges Werk von 1965 bis 1968 von ihm erbaut, ist das Gebäude ein Vermächtnis eines visionären Architekten des 20. Jahrhunderts. Sechs Jahre wurde das Museum aufwendig saniert und lockt nun in neuem Glanz mit altem Charme. „So viel Mies wie möglich“ war das Motto von David Chipperfield und seinem sanierenden Architektur-Team, und daran hat es sich gehalten.

Im weitläufigen Sammlungsgeschoss präsentiert die Neue Nationalgalerie nun erstmals wieder Hauptwerke der Klassischen Moderne: Die Kunst der Gesellschaft zeigt rund 250 bedeutende Gemälde und Skulpturen aus den Jahren 1900 bis 1945, u.a. von Otto Dix, Hannah Höch, Ernst Ludwig Kirchner und Lotte Laserstein. Über die Ästhetik-Geschichte hinaus verdeutlichen die Werke eindrücklich den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft: Deutsches Kaiserreich, Kolonialgeschichte, Erster Weltkrieg, die „Goldenen“ Zwanziger Jahre der Weimarer Republik, Verfemung der Avantgarde im Nationalsozialismus sowie Zweiter Weltkrieg und Holocaust spiegeln sich in den Gemälden und Skulpturen wider.

Die Ausstellung verfolgt im Hinblick auf die Kunstrichtungen keine Linearität, betonen die Ausstellungskuratoren. Der offene Grundriss der Architektur Mies van der Rohes gibt keinen festen Rundgang vor. Vielmehr wird die Gleichzeitigkeit der unterschiedlichen Avantgardeströmungen verdeutlicht. Die BesucherInnen können dem Benjaminschen Typus des großstädtischen Flaneurs folgend sich treiben lassen und die Perspektiven(wechsel) des Expressionismus, Kubismus, Dadaismus oder der neuen Sachlichkeit auf sich wirken lassen. An den großen gesellschaftlichen Themen, etwa Großstadt, Reformbewegung, Politik und Propaganda, Exil und Krieg, orientieren sich die Ausstellungskapitel.

Das großformatige Gemälde Abend über Potsdam aus dem Jahr 1930 von Lotte Laserstein bildet den Auftakt. Ihr Gemälde fängt die damalige Stimmung in Berlin ein wie eine Momentaufnahme: Auf einem Balkon sitzen Freunde an einer Tafel, wie beim letzten Abendmahl. An der Stelle von Jesus sitzt eine junge Frau in gelbem Kleid. „Vor einer topografischen genauen Ansicht der Stadtsilhouette von Potsdam vor den Toren Berlins verharren die fünf Personen in einer ahnungsvollen Melancholie“, schreibt Dieter Scholz im begleitenden Katalog. Das Gemälde vermittelt Endzeitstimmung. Durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten bricht Lasersteins einsetzende Karriere jäh ab. Die Künstlerin muss aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1937 nach Schweden emigrieren, wo sie bis zu ihrem Tod (1993) lebt.

Die Werke von Laserstein und Sascha Wiederhold seien herausragende Beispiele für die „Klassische Moderne“, betont Scholz. In der bildenden Kunst wird damit der Zeitraum von etwa 1900 bis 1945 bezeichnet, insbesondere die Bewegungen, die formale Neuerungen anstreben. Kennzeichnend sei dabei nicht die Abfolge der Stile, sondern eine „Gleichzeitigkeit der Ungleichzeitigkeiten“, neue Strömungen überschneiden sich mit älteren Darstellungsweisen.

Während in vielen europäischen Ländern die „Moderne“ den Neuanfang nach dem Mittelalter bezeichnet, wird in Deutschland damit eher der große „Umbruch“ verbunden, der sich mit der Industrialisierung um 1900 ereignet hat, so Joachim Jäger in seinem Beitrag. Der „Moderne“ zugerechnet werden dabei auch die großen Freiheitsbewegungen der Demokratie, der Frauenemanzipation oder ein offener, von der Großstadtkultur geprägter Lebensstil. Im Umkehrschluss mache die Kolonisierung klar, dass die Geschichte der „Moderne“ im gleichen Maße für Gewalt und Unterdrückung stehe. Natürlich folgen die Museumstexte insofern keinem naiven Verständnis der „Moderne“, dennoch bleibt die Auseinandersetzung mit diesem Begriff in den Sälen merkwürdig oberflächlich und letztlich doch idealistisch.

Im Zentrum der Metropole stehen zwei Prostituierte auf dem Potsdamer Platz: Die mitternächtliche Szene vollendete Ernst Ludwig Kirchner nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 in Berlin. Auf einer ovalen Verkehrsinsel symbolisieren die Prostituierten („Kokotten“) die empfundene Isolation und Entfremdung des Individuums. In der Ausstellung werden Kirchners expressionistische Gemälde den impressionistischen Gemälden Max Liebermanns entgegengestellt. Ein gelungener Effekt.

Zwischen Potsdamer Platz, Pariser Platz und Bauhaus flanierend, gelangt man zu den dadaistischen Bildern von Hannah Höch. Aufgepasst: Dada ist keine Kunstrichtung! Liest man als Überschrift einer Illustrierten mit der Fotomontage eines nachdenkenden Albert Einstein, die Höch im Sommer 1920 für die Erste Internationale Dada-Messe in Berlin erstellt hat. Auf ihren Collagen greifen Räder ineinander, Bildelemente kreisen wild durcheinander, alles ist Bewegung.

Höch arbeitete als Entwurfszeichnerin im Ullstein Verlag, in dem u.a. die Berliner Illustrierte Zeitung erschien. Aus dieser schnitt sie die Fotos für ihre Kunstwerke aus. Darunter klebte sie etwa eine Karte Europas, die zeigt, in welchen Staaten Frauen das Wahlrecht besitzen. Aus dem Verzeichnis der Ersten Internationalen Dada-Messe stammt der Eintrag zur Katalognummer: „20 Hannchen Höch: Schnitt mit dem Kuchenmesser Dada durch die letzte Bierbauchepoche Deutschlands“.

Von den Wunden des Ersten Weltkriegs, Kriegstraumata und Kriegsgelüsten zeugen die Werke von Otto Dix oder Georg Grosz. Dix’ Gemälde Die Skatspieler (1920) zeigt drei verstümmelte Veteranen beim Kartenspiel in einem Café in Dresden. Mutet sein Mondweib 1919 noch futuristisch-surrealistisch an, so treibt einem der Blick ins verstaubte Wohnzimmer, das Porträt einer biederen Familie (Die Familie des Malers Adalbert Trillhaase, 1923), die Lachtränen ins Gesicht. Mit hochgezogenen Augenbraunen schauen einem die Familienmitglieder (sogar aus einem an der Wand hängenden Gemälde im Bild) entgegen.

Schließlich fehlen auch Abstraktion, Bauhaus und Werke von Kandinsky und Klee nicht. Hilma af Klints mystisch-religiöse Traumwelten führen über surreale Werke Picassos hin zu Max Ernst, dessen Kreativität einen Höhepunkt findet in einem mit wilden Kreisen überfluteten Gemälde, Junger Mann, beunruhigt durch den Flug einer nicht-euklidischen Fliege (1942).

Gemälde von Dalí, Magritte und Leonor Fini bilden den Schlusspunkt der surrealistischen Abteilung und leiten über zur Neuen Sachlichkeit: „Der steigende Bedarf an Angestellten eröffnet auch Frauen aus unteren Gesellschaftsschichten neue Verdienstmöglichkeiten. Das neue weibliche Selbstverständnis führt zum Erscheinen der sogenannten ‚Neuen Frau‘ im städtischen Alltag (…). Sie bewegt sich auch ohne männliche Begleitung in Cafés und Nachtlokalen und wählt ihre Geliebten – gleich welchen Geschlechts – selbst“, erläutert Irina Hiebert Grun. Christian Schads Sonja (1928) verkörpert diesen selbstbewussten androgynen Frauentypus.

Das Stichwort „Exil“ leitet die Wende ein. Auf das Erblühen der Moderne folgt Verfolgung. Ernesto de Fioris Bronzefigur Fliehender (1934) entsteht, als sein jüdischer Galerist Alfred Flechtheim bereits emigriert ist.

Recht pädagogisch wird der Begriff der „entarteten Kunst“ erklärt. Deutlich wird die Tragweite der diesbezüglichen Maßnahmen im Nationalsozialismus: „In weiteren Säuberungsaktionen ab August 1937 werden insgesamt etwa 20 000 Kunstwerke aus über 100 deutschen Museen entfernt. Was nicht als „international verwendbar“ eingestuft wird, wird in großem Umfang vernichtet. 1939 verbrennt das NS-Regime im Hof der Berliner Hauptfeuerwehrwache vermutlich etwa 5 000 Werke.

Die Beklemmung wird durch die Bildnisse von Max Beckmann, die mitten im Krieg entstehen, wie durch Skulpturen von Renée Sintenis verstetigt. Am Ende stehen Vernichtung und die Welt psychisch Erkrankter. Für die nationalsozialistische Propaganda wurde diese Außenseiterkunst wenig später zum Vergleichsmaterial, um die Kunst der Moderne als pathologisch zu verkehren ...

So erweist sich diese umfangreiche Schau als Spiegelbild der Moderne. Genau dort, wo vor über Hundert Jahren am Potsdamer Platz die Avantgarde eine Blüte erfuhr, sticht die Nationalgalerie nicht nur architektonisch einsam hervor, sondern überrascht, ja erschlägt die BesucherInnen fast mit Die Kunst der Gesellschaft in all ihren aufwühlenden, progressiven und wegweisenden Facetten.

Die Kunst der Gesellschaft 1900-1945. Sammlung der Nationalgalerie ist noch bis zum 2. Juli 2023 in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen. Weitere Informationen: smb.museum

Katalog: Zur Ausstellung ist eine von Joachim Jäger, Dieter Scholz und Irina Hiebert Grun herausgegebene Publikation erschienen: Die Kunst der Gesellschaft. 1900-1945, Ausstellungskatalog Neue Nationalgalerie, DCV Verlag, Berlin 2021. Preis: ca. 27 Euro

Anina Valle Thiele
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