Pandemiemüdigkeit

Kaz a Maus

d'Lëtzebuerger Land vom 16.04.2021

„Sie spielen Katze und Maus“, erzählt der Polizist, und er wirkt frustriert. Gemeinsam mit seiner Kollegin hat er Dienst im Luxemburger Stadtzentrum und gerade eben hatte das Polizeiauto mit Blaulicht durch die Fußgängerzone beschleunigt, um einer Gruppe Jugendlicher zu folgen. Zuvor waren aus ihrer Richtung Böller geschossen und in die Luft gefeuert worden. „Wenn wir kommen, dann laufen sie fort in Richtung Kinnekswiss oder Place Aldringen. Und wir können sie ja schlecht festnehmen“, beschreibt er das Spiel, das sich allwöchentlich den Beamten bietet.

Es ist Freitagabend und, wie oft in den Ferien, tummeln sich viele Schüler/innen in der Innenstadt. Meist tröpfeln sie in kleinen verstreuten Gruppen ins Zentrum, Treffpunkt ist der McDonalds an der Place d‘Armes: „Tom? Wou bass du?“, ruft eine junge Frau kichernd, offensichtlich leicht beschwipst vom Sekt in der Flasche, die sie in der einen Hand hält. Mit der anderen hält sie das Smartphone, in das sie hineinruft. Die anderen Mädchen der Clique lachen. Ein junger Mann holt Anlauf, springt hoch, holt aus, um seine Cola in den Mülleimer zu schmeißen. Er wirft daneben.

„Denen ist langweilig, das verstehen wir“, sagt die Polizeibeamtin, die gerade in der Grand Rue Jugendliche nach dem Ausweis gefragt hat. „Das Problem ist, dass einige darunter sind, die respektieren die Polizei nicht mehr“, wirft ihr Kollege ein. Der junge Mann im blauen Anorak ohne Maske hat seinen Personalausweis vergessen. Es bleibt bei der Ermahnung, keine Dummheiten zu machen. „In ein paar Minuten sind sie wieder hier“, ist sich die Polizistin sicher.

Dass die Jugend unter den Folgen der Pandemie und Kontaktbeschränkungen besonders leidet, warnen Ärzte und Psychologen seit Monaten. Wochenlang zuhause sitzen, ohne strukturierenden Unterricht, das schlägt aufs Gemüt – und das während der Pubertät – die meisten, die sich auf der Place d’Armes versammelt haben, dürften kaum älter als 18 Jahre sein.

Im Prinzip sind ihre Ausflüge harmlos – außer, dass sie sich mit dem Coronavirus anstecken und es dann weitertragen können. Und dass sie, wenn sie zu spät ausbleiben, gegen die Ausgangssperre verstoßen. 360 Personen wurden vergangenes Wochenende wegen Verstoßes gegen Corona-Auflagen von der Polizei verwarnt, davon 270, die länger als erlaubt, draußen geblieben waren.

Gefragt, warum sie in die Stadtmitte gehen, wenn doch alle Geschäfte geschlossen sind und nichts wirklich los ist, antwortet ein Mädchen, das auf der Treppe des Cercle Cité sitzt: „Zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf und hier treffe ich Freund/innen“. Für sie bleibt es dabei – über die illegalen Partys mit über 200 Leuten, wie am Wochenende zuvor bei den Dräi Eechelen in Kirchberg, sagt sie bestimmt: „Das ist nichts für mich. Die machen zuviel Müll und außerdem will ich keinen Ärger.“

Offiziell gilt es, weiterhin Menschenansammlungen zu vermeiden, Mund- und Nasen-Schutz zu tragen und Abstand zu halten. An der frischen Luft ist das Risiko sich anzustecken, wahrscheinlich geringer; allerdings hocken viele Jugendliche sehr eng beieinander.

Mit einem größeren Ansteckungsrisiko behaftet als die Cliquentreffen im Freien dürften jene Partys sein, die manch Erwachsene hinter verschlossenen Türen feiern. Skandale wie jene geheimen Restaurants in Paris, in denen eine Elite ungeachtet aller Warnungen isst und feiert, und die durch eine Reportage des französischen TV-Senders M6 aufflogen, sind in Luxemburg bisher nicht bekannt geworden. Gerüchte darüber zirkulieren wohl, aber die meisten Feiern, die Polizei bis dato aufgelöst hat, waren Bars, die nach 18 Uhr noch Gäste empfangen haben. Manche veranstalteten Geburtstagsfeiern hinter geschlossenen Gardinen oder heruntergelassenen Jalousien. Wer erwischt wird, muss mit einem saftigen Bußgeld rechnen.

Kaum aufzuspüren sind indes die privaten Partys daheim. Zum Absacker nach Feierabend laden gehobene Geschäftsleute, Anwälte oder Ärzte in die eigenen vier Wände. D’Land hat mit einem der Gastgeber gesprochen: „Wir haben ein Haus. Das ist groß genug, da können wir zusammen sitzen.“ Ob er sich nicht um seine Gesundheit und die seiner Gäste sorge, immerhin gelten Treffen in geschlossenen Räumen wegen der Aerosole als gefährlicher: „Ich hatte schon Covid, im Sommer, als die zweite Welle mit den Urlaubs-Rückkehrern begann. Da hat es mich erwischt.“ Nahezu symptomfrei sei er gewesen. „Ich hatte Glück“, gibt er zu.

So aber sitzt er mit Freunden und Kolleginnen gesellig Abends bei Wein und Sekt zusammen und sie diskutieren „über den Alltag oder Politik“. Ab und zu wird auch mal ein Fenster geöffnet, um frische Luft hineinzulassen, und die Musik heruntergedreht. „Damit uns die Nachbarn nicht verpfeifen“, so der Gastgeber, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. „Sonst bekomme ich Besuch von der Polizei. Das muss nicht sein.“

Ines Kurschat
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