Im Krieg gegen Russland rehabilitiert die Ukraine umstrittene Nationalisten – eine Entwicklung, die Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe mit Sorge betrachtet

Einheit um jeden Preis?

Die sterblichen Überreste von Andrij Melnyk wurden letzten Sonntag in Kiev erneut bestattet
Photo: AFP
d'Lëtzebuerger Land du 29.05.2026

Im Krieg gegen Russland ringt die Ukraine nicht nur um ihr territoriales Überleben, sondern auch um ihre historische Selbstdeutung. Die Frage, welche Figuren geehrt, erinnert oder verdrängt werden, ist längst Teil eines umfassenderen gesellschaftlichen Konflikts geworden. Die jüngste Überführung der sterblichen Überreste des ukrainischen Nationalistenführers Andrij Melnyk von Luxemburg nach Kiew verdeutlicht, wie stark Erinnerungspolitik, nationale Mobilisierung und historische Verantwortung heute miteinander verflochten sind.

Im Rahmen einer Zeremonie auf dem neuen nationalen Militärgedenkfriedhof in Kiew wurden am vergangenen Sonntag im Beisein von Präsident Wolodymyr Selenskyj die sterblichen Überreste von Andrij Melnyk (1890–1964) und seiner Frau Sofia Fedak (1901–1990) beigesetzt. Die Gebeine waren zuvor auf dem Friedhof in Bonneweg exhumiert und auf Grundlage eines Beschlusses der ukrainischen Regierung in ihre Heimat überführt worden. Melnyk, ein führender Vertreter der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), starb 1964 in einem Kölner Spital und war anschließend in Luxemburg begraben worden, wo er seit Kriegsende auf persönliche Einladung von Prinz Félix mit seiner Frau lebte.

Allein diese Zeremonie wäre vor wenigen Jahren vermutlich noch kaum international wahrgenommen worden. Doch die öffentliche Ehrung nationalistischer Figuren hat im Kontext des russischen Angriffskrieges eine neue politische Aufladung erhalten. Für viele Ukrainer symbolisieren Persönlichkeiten wie Melnyk oder Stepan Bandera heute vor allem den historischen Kampf um staatliche Unabhängigkeit. Für Kritiker hingegen steht ihre Erinnerung für eine problematische Relativierung nationalistischer Gewalt, autoritärer Ideologien und antisemitischer Traditionen. Die Kontroverse verschärfte sich zusätzlich, nachdem Russland am Donnerstag den luxemburgischen Botschafter einbestellte, um gegen die Überführung der sterblichen Überreste Melnyks aus Luxemburg in die Ukraine zu protestieren. Moskau bezeichnete ihn dabei erneut als „Nazi-Kollaborateur“ und wertete die staatlichen Ehren als Missachtung der Opfer des Nationalsozialismus.

Die OUN war eine 1929 gegründete Untergrundbewegung, die das Ziel eines unabhängigen ukrainischen Staates verfolgte. Sie entstand im Umfeld der extrem polarisierten Zwischenkriegszeit, die in weiten Teilen Ostmitteleuropas von Nationalismus, autoritären Bewegungen und politischen Gewaltkonflikten geprägt war. Die Ukraine existierte damals nicht als souveräner Staat. Stattdessen gehörte ein großer Teil des ukrainischen Siedlungsgebietes zur Sowjetunion und ein kleinerer zur Zweiten Polnischen Republik. Ukrainische Nationalisten betrachteten sowohl Moskau als auch Warschau als Unterdrückungsmächte. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich die OUN zu einer radikal-nationalistischen Bewegung, die einen ethnisch homogenen ukrainischen Staat anstrebte. Historiker sind sich weitgehend einig, dass Teile der Organisation ideologische Überschneidungen mit autoritären und faschistischen Strömungen Europas aufwiesen. Umstritten bleibt allerdings, wie eindeutig die OUN insgesamt als faschistische Bewegung zu klassifizieren ist und wie stark sich ihre Positionen im Verlauf der 1930er- und 1940er-Jahre veränderten.

In den 1940er-Jahren spaltete sich die Organisation in zwei rivalisierende Flügel: die OUN-M unter Andrij Melnyk und die radikalere OUN-B unter Stepan Bandera. Während Bandera bis heute international deutlich bekannter ist, galt Melnyk lange als eher pragmatischer Vertreter innerhalb der Bewegung. Dennoch gehörte auch er zu einer politischen Kultur, die ethnischen Nationalismus ins Zentrum stellte und demokratische Vorstellungen nur begrenzt teilte.

Der deutsch-polnische Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe, der seit Jahren zur Geschichte der OUN forscht und 2014 die erste Studie zu Bandera vorgelegt hat, erklärt die heutige Erinnerungspolitik so: „Der Kult um Andrij Melnyk, Stepan Bandera und andere Führer der OUN, um Partisanen und Kriegsverbrecher der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) sowie um Angehörige der Waffen-SS-Division ‚Galizien‘ hat bereits im Kalten Krieg begonnen und wurde maßgeblich durch die ukrainische Diaspora in Kanada, den USA, Großbritannien und Westdeutschland geprägt.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden insbesondere in Nordamerika und Westeuropa ukrainische Exilgemeinschaften, in denen viele ehemalige Nationalisten und Veteranen lebten. Innerhalb dieser Diaspora entwickelte sich eine Erinnerungskultur, die die OUN vor allem als antikommunistische Befreiungsbewegung deutete. Gewaltverbrechen, antisemitische Ideologien oder Kollaboration mit den deutschen Besatzern wurden dabei häufig relativiert, ausgeblendet oder als sowjetische Propaganda dargestellt.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion seien diese Erinnerungskulturen in die Westukraine zurückgekehrt und hätten dort zunächst regional begrenzt weiterbestanden. Besonders in der Westukraine wurden Straßen umbenannt, Denkmäler gebaut und Gedenkveranstaltungen organisiert. Allerdings blieb diese Erinnerungspolitik lange regional begrenzt. Versuche, eine positive gesamtukrainische Erinnerung an OUN-Figuren wie Melnyk oder Bandera zu etablieren, seien zwischen den 1990er und den 2010er-Jahren weitgehend gescheitert, da die Bevölkerung in Zentral- und Ostukraine der OUN und UPA häufig skeptisch oder ablehnend gegenübergestanden habe. Viele Menschen verbanden die Organisation weiterhin mit Kollaboration, ethnischer Gewalt oder
extremem Nationalismus.

Der heutige Krieg gegen Russland verändert diese Wahrnehmungen jedoch erheblich. Seit 2022 hat sich die gesellschaftliche Aufmerksamkeit in der Ukraine massiv auf nationale Verteidigung, staatliche Kontinuität und historische Widerstandsfiguren konzentriert. In diesem Kontext gewinnen auch umstrittene Nationalisten neue symbolische Bedeutung. Rossoliński-Liebe erklärt dies so: Melnyk werde „aus ukrainisch-nationaler Sicht als Kämpfer für die Freiheit der Ukraine geehrt“. Problematische Aspekte seiner Biografie – etwa Antisemitismus oder autoritäre Ideologien – würden dabei ausgeblendet. Es handle sich um eine „selektive nationale Erinnerung“, die in abgeschwächter Form auch in anderen europäischen Ländern existiere.

Tatsächlich ist selektive Erinnerung kein ausschließlich ukrainisches Phänomen. Auch andere europäische Staaten tun sich bis heute schwer mit der Aufarbeitung nationalistischer Gewalt, kolonialer Verbrechen oder autoritärer Traditionen. In Russland, Polen, Ungarn, Frankreich oder auch Deutschland werden historische Figuren regelmäßig neu bewertet oder politisch instrumentalisiert. Erinnerungspolitik bewegt sich fast immer im Spannungsfeld zwischen nationaler Identitätsbildung und historischer Selbstkritik. Gleichzeitig bleibt die ukrainische Debatte besonders sensibel, weil sie unmittelbar mit dem Holocaust, ethnischer Gewalt und dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist.

Historiker sind sich weitgehend einig, dass Angehörige einzelner OUN-Strukturen sowie mit ihnen verbundene Gruppen während der deutschen Besatzung an Pogromen gegen Juden und an ethnischer Gewalt beteiligt waren. Die genaue historische Verantwortung einzelner Führungsfiguren bleibt jedoch Gegenstand kontroverser Forschung. Zur häufig gezogenen Trennung zwischen „Unabhängigkeitskampf“ und extremistischer Ideologie sagt Rossoliński-Liebe: „Beides war Teil desselben politischen Programms.“ Diese Interpretation ist unter Historikern jedoch nicht unumstritten. Andere Forscher betonen stärker die historischen Umstände der Zwischenkriegszeit, die sowjetische Repression gegen Ukrainer oder die komplexen Gewaltkontexte der deutschen Besatzung.

Hinzu kommt, dass die Erinnerung an ukrainischen Nationalismus international stark politisiert ist. In Polen und Israel lösen Ehrungen von OUN-Figuren regelmäßig Proteste aus – insbesondere wegen der Erinnerung an antisemitische Gewalt und Massaker an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien und Ostgalizien. Organisationen von Überlebenden und Angehörigen betrachten staatliche Ehrungen von OUN-Vertretern häufig als Relativierung historischen Leids. Russland wiederum nutzt die Geschichte des ukrainischen Nationalismus seit Jahren propagandistisch. Der Kreml stellt die gesamte Ukraine regelmäßig pauschal als „faschistisch“ dar und instrumentalisiert historische OUN-Symbole zur Rechtfertigung des eigenen Angriffskrieges. Diese propagandistische Nutzung erschwert eine differenzierte Debatte zusätzlich. Viele Ukrainer empfinden internationale Kritik an nationalistischer Erinnerungspolitik deshalb als indirekte Unterstützung russischer Narrative.

Rossoliński-Liebe warnt jedoch davor, aus geopolitischer Solidarität problematische Aspekte ukrainischer Erinnerungspolitik zu ignorieren. „Zu Beginn des Krieges 2022 und 2023 hat man sich noch stärker mit diesen Themen beschäftigt“, sagt er. „Heute wird die Geschichte der OUN öffentlich kaum noch thematisiert.“ Besonders besorgniserregend sei für ihn, wie sich der Krieg auf Erinnerungskulturen auch außerhalb der Ukraine auswirke. Rossoliński Liebe spricht von einer allgemeinen politischen Verschiebung nach rechts, die teilweise an die 1930er-Jahre erinnere.

Gleichzeitig bleibt die ukrainische Gesellschaft selbst keineswegs einheitlich. Auch innerhalb der Ukraine existieren unterschiedliche Sichtweisen auf OUN und UPA. Besonders jüngere Historiker, Journalisten und zivilgesellschaftliche Gruppen fordern zunehmend eine offenere Diskussion über Kollaboration, Antisemitismus und Gewaltgeschichte. Rossoliński-Liebe erinnert daran, dass kritische Forschung zur OUN in der Ukraine lange erheblichen Widerständen ausgesetzt war. In der Tat hat der Historiker 2012 mehrere Vorträge in der Ukraine halten wollen, die jedoch abgesagt oder blockiert worden seien. Nur ein Vortrag in der deutschen Botschaft in Kiew konnte unter Polizeischutz stattfinden, begleitet von Protesten rechtsextremer Gruppen.

Auch die Forschungsgeschichte selbst ist Teil des Problems. Während der Sowjetzeit war eine unabhängige historische Auseinandersetzung mit ukrainischem Nationalismus kaum möglich. Nach 1945 dominierten innerhalb der Diaspora häufig apologetische Darstellungen ehemaliger OUN-Mitglieder und Veteranen. Historiker wie Philip Friedman oder John-Paul Himka, die sich kritisch mit der Geschichte der OUN auseinandersetzten, seien teilweise angefeindet, ihre Arbeiten „diskreditiert“ oder „totgeschwiegen“ worden. Die Frage bleibt daher offen, wie eine demokratische Ukraine langfristig mit diesen historischen Figuren umgehen soll.

Kann eine demokratische Ukraine glaubwürdig humanistische Werte vertreten und zugleich umstrittene nationalistische Figuren ehren? Rossoliński-Liebe hat darauf eine klare Antwort: „Nein, das kann sie eindeutig nicht.“ Zugleich räumt er ein, dass diese Frage angesichts des laufenden Krieges derzeit für viele Menschen nebensächlich erscheine. Tatsächlich stehen ukrainische Institutionen heute vor einem grundlegenden Dilemma. Einerseits versucht das Land, eine gemeinsame nationale Identität gegen den russischen Angriff zu stärken. Andererseits droht eine Erinnerungspolitik, die problematische historische Aspekte systematisch ausblendet, langfristig neue gesellschaftliche Konflikte hervorzubringen.

Rossoliński-Liebe glaubt, dass die Debatte deshalb früher oder später zurückkehren wird: „Möglicherweise werden sich Ukrainer heute oder erst in zehn oder 20 Jahren fragen, was es mit dieser Aktion auf sich hatte und ob ein demokratischer Staat auf diese Weise mit den dunklen Seiten seiner Geschichte umgehen sollte.“ Gerade darin liegt vermutlich die eigentliche Bedeutung der Umbettung Melnyks. Sie ist nicht nur ein symbolischer Akt nationaler Erinnerung, sondern Ausdruck einer Gesellschaft, die unter den Bedingungen des Krieges ihre Vergangenheit neu ordnet. Der Preis dieser nationalen Geschlossenheit könnte jedoch darin bestehen, historische Ambivalenzen zu verdrängen, die später umso konfliktreicher zurückkehren.

Frédéric Braun
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