Berlinale

Das Ende eines Festivals

d'Lëtzebuerger Land du 25.02.2022

Am Ende von Filmfestspielen gewinnt irgendein Streifen einen Preis. Dieser sagt nicht unbedingt etwas über die Qualität des Werks, den Publikumszuspruch, den der Film erfuhr, oder die Rezeption durch die Kritik aus, wohl aber über die Intention des Festivals. Fortan darf der Film in seinem Vorspann zeigen, dass er einen Preis bekam, was sicherlich den ein oder anderen Menschen ins Kino lockt.

Die diesjährige Berlinale folgte in diesem Mantra. Für manch einen Festivalbesucher überraschend wurde vergangene Woche die spanische Filmemacherin Carla Simón für ihre Produktion Alcarràs mit dem Goldenen Bären als Bester Film ausgezeichnet. Der Film erzählt die launische Geschichte eines letztes Sommers in der heilen Welt einer Pfirsichplantage, einer Familie, einer Kindheit, einer absoluten Unbekümmertheit, während sich am Horizont bereits die Vorboten von Generationswechsel, neuem Zeitalter und Fortschritt abzeichnen. Selbstredend dient dieser Umbruch als Sollbruchstelle für alle möglichen Konflikte, die beiläufig erzählt werden. Das Besondere an dem Werk ist, dass es nicht unter der Vielzahl von Erzählungen und Schicksalen zerbricht, sich in einem Zuviel verliert, sondern die Wehmut an unbekümmerte Sommertage immer wieder aufrecht erhält. Der Koreaner Hong Sangsoo bekam für So-Seol-Ga-Ui Yeong-Hwa (The Novelist’s Film) den Großen Preis der Jury, was in irgendeiner Weise der Trostpreis des Festivals ist. In beinahe statischen Schwarzweißbildern erzählt der Film von der Schriftstellerin Junhee, die in Seoul Menschen trifft, mit denen sie einen Film drehen möchte. Sprünge zwischen den Metaebenen ergeben ein langatmiges Werk, das sicherlich nicht das Beste des Koreaners ist. Die Mexikanerin Natalia López Gallardo erhielt für ihr Debüt Robe of Gems den Silbernen Bären, der Trosttrostpreis für Debüts. Der Film bedient sich der Collage, um mehrere Ebenen von Gewalt, Korruption und Missbrauch im Alltag der mexikanischen Gesellschaft nachzuzeichnen. Beispielhaft erzählt die Regisseurin dabei weiblichen Perspektiven von Opfern – wie auch von Täterinnen.

Soweit die Hauptpreise der Jury unter Vorsitz des indisch-US-amerikanischen Filmemachers M. Night Shyamalan. Dann die Auszeichnungen, die für Prominenz auf den Roten Teppichen sorgen: Der Preis für die Beste Regie erhielt die Französin Claire Denis für den doch etwas belanglosen Film Avec Amour Et Acharnement. Juliette Binoche gibt die Frau, die zwischen zwei Männern hin- und hergerissen ist. Für die Beste Schauspielerische Leistung wurde die deutsch-türkische Komödiantin Meltem Kaptan ausgezeichnet für die Hauptrolle in Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush von Andreas Dresen. Kaptan spielt die Mutter von Murat Kurnaz, der fünf Jahre lang im US-amerikanischen Gefangenenlager Guatanamo inhaftiert war. Sie kämpfte bis zum höchsten amerikanischen Gericht für die Freilassung ihres Sohnes. Kaptans Spiel mutet oftmals ins Groteske überdrehend an, kommt so aber der realen Person besonders nahe. Der Film bekam auch den Silbernen Bären für das beste Drehbuch.

Bemerkenswert vor allem auch die Filme, die in diesem Jahr nicht prämiert wurden: Zunächst der Eröffnungsfilm Peter von Kant von François Ozon. In freier Adaption der Fassbinder-Novelle Die bitteren Tränen der Petra von Kant gibt der Film mehr über Rainer Werner Fassbinder preis als Fassbinder in seinen Werken selbst. In einer stummen Nebenrolle brilliert dabei Stéfan Crépon, der in einem Blick mehr sagt, denn manch anderer Darsteller in einem Tausend-Worte-Monolog. Der chinesische Wettbewerbsbeitrag Yin ru chen yan (Return to dust) erzählt in großartigen Bildern und mit überzeugendem Ensemble eine berührende Geschichte eines Außenseiterpaares, das sich immer wieder den Widrigkeiten des Schicksals stellt – ohne an sich selbst zu scheitern. Drii Winter des Schweizers Michael Koch nimmt die gleiche Konstellation und überträgt sie in die Schweizer Alpen. Hier greift eine Krankheit als Deus ex macchina in die Handlung ein und lässt die idyllische Landschaft in Kontrast zur Erzählung treten. Von der internationalen Presse am meisten diskutiert wurde jedoch die spanisch-französische Koproduktion Un año, una noche (One Year, One Night) von Isake Lacuestra. Das junge Paar Ramón und Céline besucht am 13. November 2015 ein Rockkonzert im Pariser Bataclan und wird Opfer des Terroranschlags. Beide haben unter den seelischen Folgen zu leiden und arbeiten die Erlebnisse unterschiedlich auf. Mit einem überraschenden Ende. Diesen Filmen räumte die internationale Jury jedoch ausreichende Chancen an den Kinokassen ein, so dass eine Prämierung als zusätzlicher Marketingbooster unterblieb. Es mag durchaus seine Berechtigung haben, unbekannten Regisseurinnen und Regisseuren mit hohem künstlerischen Ansprüchen Aufmerksamkeit zu verschaffen, dennoch darf gut gemachtes Kino nicht zur Staffage verkommen, wenn auch der Wettbewerb in diesem Jahr von einer hohen Dichte und hohem Anspruch zeugte.

Die diesjährigen Berliner Filmfestspiele haben sich ohnehin von dem Anspruch eines internationalen Filmfestivals entfernt. Es reüssierte die sogenannte Westliche Welt. Elf der 18 Wettbewerbsfilme kamen aus Westeuropa, drei Produktionen aus Nordamerika und vier Werke aus Asien. So wurde sichtbar, was fehlte: Es wurden keine Filme etwa aus Afrika oder Südamerika in den Wettbewerb aufgenommen; ebenso fehlten Osteuropa, der Nahe Osten oder etwa Indien. Stattdessen gab es eine überbordende Präsenz des französischen Films mit Werken, deren Qualität an mancher Stelle durchaus verzweifeln ließ. Luxemburg war mit der Koproduktion Der Passfälscher in der Sektion Berlinale Special/Gala vertreten. Was eine weitere Schwachstelle des Festivals offenlegte: eine Vielzahl von Sektionen, die in ihrer Ausrichtung sich gegenseitig Konkurrenz machen. Die Gründe, warum ein Film einer Sektion zugeordnet wurde, war wenig nachvollziehbar, wenn denn überhaupt transparent. Insgesamt musste die diesjährige Berlinale deutlich abspecken: Statt der üblichen 4 000 Journalistinnen und Journalisten, haben sich lediglich 1 700 akkreditiert. Die Anzahl der Filme wurde ebenfalls halbiert, der Wettbewerb auf sechs Tage konzentriert, Partys und Empfänge ganz abgesagt. Stattdessen könnte man den Menschen in Berlin drei weitere Publikumstage. Dies ein Trend, der den Filmfestspielen keineswegs schadete.

Martin Theobald
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