Die Tate Modern in London widmet der vierzigjährigen Karriere von Tracey Emin eine Retrospektive

Die radikale Offenheit der Tracey Emin

d'Lëtzebuerger Land vom 29.05.2026

Tracey Emins Kunstwerk My Bed aus dem Jahr 1998 wird seinem Titel gerecht: Neben einem ungemachten Bett liegen leere Bierdosen, Kondome und blutverschmierte Unterwäsche. Ein Readymade, zusammengestellt von dem Überbleibsel einer depressiven Episode. Es sind gewöhnliche Alltagsgegenstände einer Frau, die in den Medien der 1990er-Jahre als „undamenhaft“ dargestellt wurde. „Stomach Turner,“ so beschrieb das Sensationsblatt Daily Mail das Werk, als es 1999 für den britischen Turner Prize nominiert wurde. Ist das überhaupt Kunst?, fragten sich viele.

Der Schockfaktor von My Bed ist heute verblasst, niemand empört sich mehr über Kondome oder ein bisschen Blut. Doch die Wirkung bleibt. Betritt man den dunklen Raum der Tate Modern, fühlt man sich wie jemand, der in die Privatsphäre einer Unbekannten eindringt. Im digitalen Zeitalter, in dem jeder ein perfektes Selbstbildnis erschaffen kann, wirkt My Bed erfrischend mutig und authentisch.

Tracey Emin widmet sich in ihrer Kunst fast ausschließlich ihrem eigenen Leben. Das ermöglicht es ihr, Kontrolle über ihren Körper und ihr Leben zurückzugewinnen. Denn die verlor sie schon früh. Sie wuchs in Margate auf, einer Küstenstadt in Südengland, wo ihre Eltern das Hotel International betrieben. Als ihr Vater sie für eine andere Familie verließ, rutschten Tracey, ihre Mutter und ihr Bruder in Armut. Mit 13 Jahren brach Tracey Emin die Schule ab, nachdem sie ein erstes Mal vergewaltigt worden war.

Im Kurzfilm Why I Never Became A Dancer von 1995 zeigt Tracey Emin prägende Orte der Stadt: die Schule, den Glockenturm, die Strandmeile mit den Cafés und den Discos. Sie erzählt davon, wie sie als Teenagerin Sex entdeckte. Der war kostenlos und lenkte sie von ihrem Elend ab, erzählt sie im Film. Erwachsene Männer haben sie ausgenutzt.

Mit 15 nahm Tracey Emin an einem Disco-Tanzwettbewerb teil, in der Hoffnung, später auch in London tanzen zu können. Doch als sie die Bühne betrat, erzählt die Künstlerin weiter, beschimpften Männer im Publikum sie als „Schlampe“. Es waren Männer, die mit ihr geschlafen hatten. Im Film nennt sie ihre Namen: „Shane, Eddy, Tony, Doug, Richard – this one’s for you.“

Daraufhin tanzt die erwachsene Tracey Emin mit einem breiten Lächeln im Gesicht drauflos. Freude und Ausgelassenheit als Rache. „Das Leid, das mir in meiner Jugend widerfahren ist, habe ich verarbeitet und in meiner Kunst das Beste daraus gemacht. Ich habe mich davon nicht unterkriegen lassen. Das ist das Wichtigste, ich habe alles überlebt“, erklärte die Künstlerin in einem Interview in der BBC- Radiosendung „Woman’s Hour“.

Zu den Höhepunkten der Ausstellung gehören die vielen farbenfrohen Quilts, auf die Tracey Emin Vorwürfe, Beleidigungen und Sehnsüchte gestickt hat. „I do not expect to be a mother but i do expect to die alone“, verkündet eine der Stickereien. Ihr erster Quilt, Hotel International, thematisiert ihre Kindheit in Margate, mit Anspielungen auf ihren Vater. „Hotel International: The Perfect Place to Grow“, verkündet der Aufnäher auf dem Stoff ironisch.

Ihre Zeichnungen sind minimalistisch und ästhetisch nicht immer mitreißend, doch die Themen treffen umso tiefer. I was too young to be carrying your Ashes, heißt etwa ein Werk, auf dem eine grellrote Skizze Tracey Emin zeigt, wie sie die Asche ihrer Mutter in den Armen hält.

Emins Handschrift erleuchtet die Wände des Museums. Es sind Neonwerke, mit denen die Künstlerin seit den 1990er-Jahren experimentiert und in denen sie flüchtige Gedanken und Gefühle in Licht festhält. Neben den Quilts und Skulpturen wirken sie jedoch eher wie Nachgedanken. Eindrucksvoller sind sie im städtischen Raum, wo sie zwischen kommerziellen Neonreklamen für Überraschungsmomente sorgen. So etwa der auf 20 Meter Länge ausgedehnte Satz „I Want My Time With You“, der in Neonpink unter der Uhr des Bahnhofs St. Pancras Reisende begrüßt.

Im Jahr 2020 wurde bei Tracey Emin eine aggressive Form von Blasenkrebs diagnostiziert. In fotografischen Werken dokumentierte sie ihre Behandlung und die Folgen: Nahaufnahmen ihres künstlichen Blasenausgangs, Tränen, Blut.

Tracey Emins Ansatz ist bis heute derselbe geblieben: Sie leuchtet die dunklen Ecken ihres Lebens aus, ganz ohne Scham. Ihre Kunst spaltet immer noch die Meinungen, wie das Gästebuch der Tate Modern zeigt: „Schrecklich“, schrieb eine Person. „Deprimierend und männerfeindlich“, fand eine andere. Besonders Frauen hingegen äußern Begeisterung: „Wir brauchen mehr Darstellungen von Abtreibung in der Kunst. Danke, dass Sie das Tabu gebrochen haben“, so eine Besucherin. Eine andere notierte: „Ich fühle mich so gesehen.“

Kritiker warfen Emin immer wieder „Oversharing“ vor. Auch wegen ihres Party-Girl-Images der 1990er-Jahre nahmen viele sie als Künstlerin nicht ernst. Dabei war sie in vielerlei Hinsicht revolutionär: Lange vor #MeToo thematisierte sie Vergewaltigung und richtete den Blick auf die Täter. Sie gehörte zu den wenigen Künstlerinnen, die sich damals mit Abtreibung auseinandersetzten, und das auf eine zutiefst persönliche Weise. In ihrem Film How It Feels erzählt sie von einer traumatischen Abtreibung, bei der Fehler gemacht wurden. Das Erlebnis beschreibt sie darin schonungslos.

Tracey Emins Werke wurden für Millionenbeträge verkauft und weltweit ausgestellt. Sie gründete 2023 die Tracey Emin Foundation, die sich der Förderung junger KünstlerInnen widmet. König Charles III. ernannte sie letztes Jahr zur Dame. Ihre rebellische Zeit mag die Künstlerin hinter sich haben, ihre schonungslose Kunst ist in Zeiten digitaler Filter, Online-Misogynie und anhaltender Debatten über Frauenrechte jedoch relevanter denn je.

Tracey Emin – A Second Life ist noch bis zum 31. August in der Tate Modern in London zu sehen

Claire Barthelemy
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