Unbemerkt von der Öffentlichkeit wurden zwei Studien zum Luxemburger Schulsystem vorgelegt. Mit vielen Déjà-vus. Und mit Denkanstößen für die Verbesserung

„Wir brauchen eine neue Bildungsdebatte“

Jean-Marie Wirtgen ist Leiter des Observatoriums für Schulqualität
Foto: Sven Becker
d'Lëtzebuerger Land vom 23.04.2021

Vor Corona ist nach Corona. Sollte die Pandemie einmal vorüber sein, schätzen Expert/innen, dürften sich die ungleichen Bildungschancen verschärft haben. Tief sind sie eingelassen ins Luxemburger Schulwesen, das nicht länger angepasst scheint an eine Schülerpopulation, die noch nie so divers war wie heute. Jean-Marie Wirtgen, ehemaliger Direktor des Lycée technique du Bonnevoie, und sein Team vom nationalen Observatorium für Schulqualität haben sich das Bildungssystem genau angeschaut, bekannte und nicht so bekannte Chancen und Risiken zusammengetragen. Eins ist sicher: Wer eine gerechte Schule will, muss vieles ändern.

D’Lëtzebuerger Land: Herr Wirtgen, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Team vom Observatorium für Schulqualität (ONQS) hunderte Studien gelesen, um Ihren ersten Qualitätsbericht zum Luxemburger Schulsystem zu schreiben. Kurz zusammengefasst: Was sind die Hauptstärken und Schwächen, die Sie festgestellt haben?

Jean-Marie Wirtgen: Eine Stärke unseres Bildungssystems ist zweifelsohne die Mehrsprachigkeit. Sie ist aber gleichzeitig eine Schwäche. Zu hohe Sprachanforderungen stellen ein Hindernis dar, sowohl für eine Vielzahl an Schülern mit luxemburgischen Hintergrund, als auch für Schüler, die zuhause vielleicht keine der Landessprachen sprechen und darum riskieren, auf der Strecke zu bleiben. Ein anderer Schwachpunkt sind die Selektivität und die Bewertung, die eher Defizite betont als das, was Schüler bereits können.

Dass die Sprachanforderungen ein Hindernis darstellen, ist nicht neu. Und war Gegenstand unzähliger Reformversuche.

Die Heterogenität der Schulbevölkerung hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen: Etwas über die Hälfte der Schüler spricht zuhause kein Luxemburgisch als Muttersprache. Es gab Maßnahmen, das ist richtig. Aber sie greifen nicht ausreichend.

Ist es die Sprachsituation daheim, die sich nachteilig für Schüler/innen auswirkt, oder ist es die soziale Herkunft?

Beides hängt zusammen, das zeigen zahlreiche, von uns erneut ausgewertete Studien. Frühförderung kann helfen, aber möglicherweise wissen Eltern aus sozial benachteiligten Schichten nicht, wie sie ihre Kinder am besten vorbereiten, damit sie einen guten Start in unserem komplizierten Schulsystem haben.

Wir erleben eine historische Pandemie, mit Lockdown, Homeschooling und sanitär bedingten Beschränkungen.Wie, meinen Sie, wird sich das mittelfristig auf die Leistungen der Schüler auswirken?

Bisher fehlen uns dazu belastbare Daten, ich kann also nur spekulieren. Leider spricht vieles dafür, dass sich die Ungleichheit noch verschärft hat, allein schon deshalb, weil die Kinder unterschiedliche informatische Ressourcen zuhause haben und nicht alle Eltern ihre Kinder gleichermaßen beim Homeschooling unterstützen können. Gerade deshalb sollte nach der Pandemie dringend eine Debatte über die Zukunft unseres Bildungssystems begonnen werden.

Die enorme Bildungsungleichheit ist auch ein Dauerbrenner. Die Grundschulreform von 2009 sollte extra früh ansetzen, um so die Bildungschancen zu verbessern.

Die Grundschulreform wurde bisher lediglich einmal wissenschaftlich untersucht und das recht früh. Aus den Épreuves standardisées wissen wir, dass sich die ersten Lerndefizite bereits im dritten Schuljahr manifestieren und im schlimmsten Fall die gesamte Schulkarriere über nicht mehr aufgeholt werden. Das ist dramatisch. Mit einer eigenen Untersuchung wollen wir einige Faktoren näher analysieren, zum Beispiel die Aufteilung in Zyklen, die Zusammenarbeit zwischen den Lehrpersonen, der Umgang mit der Schülervielfalt. Uns interessieren die Schwierigkeiten, denen das Lehrpersonal in der Praxis begegnet.

Sie nehmen den Lehrer/die Lehrerin in den Blick. In Ihrer Analyse zum Bildungssystem schreiben Sie: Man wisse zwar vieles über die Schüler/innen, aber so gut wie nichts über die Lehrer/innen.

Unser Auftrag lautet, alle Domänen und Bereiche unseres Bildungssystems zu untersuchen. Der Unterricht ist eine Grundeinheit der Bildung, der Lehrer spielt eine zentrale Rolle beim schulischen Erfolg eines Jugendlichen. Darum möchten wir untersuchen, welche Unterrichtsmethoden genutzt, wie Schüler in den Lernprozess eingebunden werden und anderes mehr.

Warum wissen wir so wenig über die Luxemburger Lehrer und die Unterrichtsqualität?

Ich nehme an, das ist politisch heikel und war bisher nicht gewünscht. Wir halten es aber für wichtig.

Sie beschreiben in Ihrer zweiten Studie zu den Kompetenzen des 21. Jahrhunderts, dass es heute einen anderer Lehrertyp bedarf als vor noch einigen Jahrzehnten. Was macht guten Unterricht aus?

Ein guter Lehrer sieht seinen Schüler als ganzheitliches Wesen und versteht sich nicht nur als ein Vermittler von Fachwissen, sondern als jemand, der den Schüler bestmöglich fördert, sein Selbstvertrauen stärkt und ihn begleitet in seinem Lernprozess.

Es wird doch wahrscheinlich kaum eine Lehrkraft geben, die das nicht von sich behauptet?

Die Pisa-Studie 2018 hat auch das Verhältnis zwischen Luxemburger Schülern und ihren Lehrern untersucht, wie gut sie sich betreut fühlen – und leider schneiden wir da nicht sehr gut ab. Dies, obwohl wir in Luxemburg sehr kleine Klassen haben. Man müsste genauer analysieren, woran das liegt. Um daraus Rückschlüsse für Best practises zu ziehen. Die Beziehung zwischen Schüler und Lehrer zu stärken, ist ein wichtiger Schlüssel für die Unterrichtsqualität. Das umfasst auch den Orientierungsprozess. Das wurde beispielsweise im Rahmen des Projet pilote cycle inférieur (Proci) versucht.

Der Modellversuch Proci, in dem Schüler der unteren Sekundarschulklassen von einer Gruppe von Lehrern drei Jahre lang intensiv begleitet wurde, fand auch Kritik.

Das stimmt. Aber die Resultate gaben ihm recht. Die sehr enge Begleitung und Betreuung der Schüler war so organisiert, dass bei Lernschwächen sogleich passgenaue Fördermaßnahmen mit der jeweils betreuenden Lehrergruppe besprochen und organisiert werden konnten.

Auf der Sekundarstufe in Luxemburger Schulen dominiert der Fachlehrer, der nur sein eigenes Fach unterrichtet. Führt das nicht automatisch zur Fragmentierung in der Betreuung?

Ja, das ist richtig. Im Proci wurde versucht, Lehrkräfte auch zwei Fächer unterrichten zu lassen, um die Anzahl der Wechsel zu reduzieren. Dadurch lernt man die Schüler anders kennen und kann die Betreuung nahtloser organisieren.

Vom Proci redet heute niemand mehr. Der Minister setzt darauf, mit unterschiedlichen Schulangeboten wie den öffentlichen Europaschulen unterschiedliche Schülerprofile besser zu bedienen. Funktioniert das denn?

Dazu gibt es noch keine Analysen. Warten wir die ersten Ergebnisse der Épreuves standardisées ab. Allerdings müsste man dann auch die jeweilige Schülerschaft und ihre Zusammensetzung berücksichtigen, bevor man konkrete Aussagen machen kann.

Diese Schulen zeichnen sich unter anderem durch ein anderes differenzierteres Sprachenangebot aus.

Ja, man kann sicherlich fragen, ob sich einige dieser Ansätze auch in die Regelschule übertragen lassen, beispielsweise den Sprachenunterricht mit differenzierteren Sprachanforderungen aufzubauen.

Wie kommen wir beim Sprachenthema weiter? Die letzte Reform, die den Sprachenunterricht auf der Sekundarstufe angehen sollte, wurde durch Massenproteste verhindert.

Es müsste eine Reflexion sein, die die gesamte Zivilgesellschaft einbezieht und eine Thematik, die über eine Legislaturperiode hinausgeht. Man könnte die Problematik im Rahmen eines Bildungstisches aufgreifen, an dem neben den Schulpartnern weitere Akteure der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft sitzen müssen. Da es um die zukünftige Ausbildung unser Kinder geht, muss es einen größtmöglichen Konsens geben.

Die Bildungsdebatte in diesem Land wird seit jeher sehr ideologisch und polarisiert geführt. Das zeigt sich bei der jüngsten Auseinandersetzung um Privatisierungen in der öffentlichen Schule.

Als Observatorium stellen wir Beobachtungen zusammen, die bildungswissenschaftlich untermauert sind. Daraus entwickeln wir Empfehlungen. Es ist Aufgabe der Zivilgesellschaft und der Politik zu sagen: Wollen wir diese und, wenn ja, wie könnten wir sie in einem Luxemburger Kontext umsetzen?

Der Reformreigen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte scheint recht wenig an den strukturellen Defiziten unseres Bildungssystems geändert zu haben. Das schreiben Sie selbst.

Ja, aber man darf zum einen den rasanten Bevölkerungswandel nicht ausblenden. Zum anderen fehlen, das haben unsere bisherigen Analysen gezeigt, verbindliche Bildungsziele.

Was meinen Sie damit? Der Minister betont doch immer wieder, gegen ungleiche Bildungschancen vorzugehen.

Ein verbindliches Bildungsziel könnte lauten: Wir möchten einen gewissen Prozentsatz der Schüler auf die höchste Kompetenzstufe bringen. Oder die Schulabbrecherquote auf einen gewissen Prozentsatz senken. Solche Ziele müssten landesweit in die Entwicklungspläne der Schulen eingeschrieben werden und das gesamte System, also das Ministerium, die ministeriellen Abteilungen, die Schulen, die Lehrer müssten auf dieses Ziel hinarbeiten. So ein durchdeklinierter Ansatz fehlt bisher.

Ziele allein nützen auch nicht viel. Papier ist geduldig.

Richtig. Um zu wissen, ob die Ziele erreicht werden, muss man sie messbar machen und nachprüfen, respektive eine entsprechende Auswertung einfordern. Nicht nur daran hapert es. Sondern leider oft auch daran, die verantwortlichen Akteure entsprechend vorbereitet und nachhaltig mit ins Boot zu nehmen. Sie müssen die Dringlichkeit verstehen. Vor allem aber brauchen sie auch Zeit und Ressourcen, um die Kompetenzen zu entwickeln, die für die Umsetzung der verschiedenen Änderungen nötig sind.

Was sind das denn für Kompetenzen, die ein Schüler heutzutage braucht?

Wir haben drei grobe Kompetenzbereiche unterschieden, dabei basieren wir uns auf zahlreiche Metaanalysen; die Bezeichnungen sind dem Jacques-Delors-Bericht von 1996 entlehnt: apprendre à penser, apprendre à vivre ensemble und apprendre à évoluer. Diese bauen auf Bildungsstudien auf, für die Arbeitsämter und Unternehmen, aber auch Forscher, Lehrer und andere Schulpartner befragt wurden. Apprendre à penser meint die kognitive Kompetenz, Probleme zu lösen. Dieses Jahrhundert ist geprägt von gravierenden Problemen, wie Klimawandel oder Armut. Um sie angehen zu können, braucht es kreatives Denken. Auch digitale Medienkompetenzen sind heute unverzichtbar, sollten aber als Werkzeug verstanden werden, um Probleme zu lösen. Bei apprendre à vivre ensemble geht es um Kommunikation, Kooperation, Citoyenneté: Wie gelingt es uns, in dieser multikulturellen, komplexen und vernetzten Welt zusammenzuleben? Was gehört dazu, ein aktiver Bürger zu sein? Und bei apprendre à évoluer geht es darum, den Schüler zu befähigen, sich realistische Ziele zu setzen und zu lernen, wie er oder sie sich die nötigen Kompetenzen aneignet, die er für die Erfüllung seiner Ziele braucht. Das ist ein lebenslanger Lernprozess.

Besteht über diese Kompetenzen denn überhaupt Einigkeit? Man kann das ja durchaus skeptisch sehen; als gehe es darum, den Menschen in erster Linie arbeitsmarktkompatibel zu halten.

Wir sehen den Schüler ganzheitlich. Es geht auch, aber nicht nur um die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt. Wir haben Fragebögen entwickelt, die wir den Schulakteuren schicken. Wir wollen wissen: Was sind die Chancen und Risiken dieses Kompetenzverständnisses? Studien zeigen, dass es diese Kompetenzen in einer schnelllebigen Zeit wie der unseren braucht, um die Jugend auf die gesellschaftlichen Herausforderungen im 21. Jahrhundert vorzubereiten, und dass sie auf den Erfolg und auf die Lebenszufriedenheit und das Wohlbefinden des Einzelnen einen bedeutsamen Einfluss haben.

Von wem wollen Sie Antworten?

Wir haben unsere Berichte an alle Schulakteure verschickt. Die Fragebögen gehen an sämtliche Schulpartner, die Direktionen, die Lehrer, die Eltern und die Schüler und Studenten, die Gewerkschaften, die Berufskammern.

Das Leitmotiv des Observatoriums lautet: wissenschaftlich, ganzheitlich, partizipativ. Wie wollen Sie die Reflexion organisieren?

Wir verstehen uns als Brückenbauer zwischen Wissenschaft, Politik und pädagogischer Praxis. Das heißt, wir evaluieren das gesamte Bildungssystem auf wissenschaftlicher Basis und ziehen daraus Rückschlüsse, entlang derer wir Empfehlungen an die Politik aussprechen. Dazu interessiert uns die Meinung der Akteure, die wir einbeziehen. Sie sind es schließlich, die Reformen umsetzen müssen. Es geht also nicht darum, mit dem bösen Finger auf jemanden zu zeigen, sondern gemeinsam zu schauen, wie man wichtige Probleme lösen kann. In einem weiteren Schritt wollen wir Bildungsexperten einladen, die die Schwierigkeiten, die die Akteure sehen, aufgreifen und dafür Lösungen bieten sollen. Und so einen direkten Austausch zwischen der Wissenschaft und der Praxis herstellen.

Wie verhindern Sie, dass Sie bei Ihren Beratungen und Anhörungen nicht Blindstellen im System wiederholen?

Das ist eine ganz berechtigte Frage. Wir versuchen sowohl Schüler einzubinden als auch Studierende, die das System durchlaufen haben. Schwieriger gestaltet sich die Einbeziehung der Eltern. Um möglichst viele von ihnen zu erreichen, haben wir die Fragebögen in vier Sprachen übersetzt.

Die schulpolitisch engagierten Eltern sind meistens entweder Expats, die das aus ihrer Kultur der Herkunftsländer nicht anders kennen, oder Luxemburger. Besonders in den Sekundarschulen sind die Elternvertretungen von Luxemburgern dominiert.

Das stimmt. Vielleicht muss man an Organisationen herantreten, wie den Clae oder die Asti.

Meinen Sie denn, dass überhaupt ein Interesse besteht an einer neuerlichen Bildungsdebatte? Oder kommt nicht zur Pandemiemüdigkeit eine gewisse Reformmüdigkeit hinzu?

Das sehen wir spätestens, wenn wir die Antworten auf unsere Fragenbögen erhalten. Ich meine aber, dass die Pandemie ein günstiger Moment ist, um eine neue Bildungsdebatte anzustoßen. Sie tut wirklich not.

Und dann?

Wir werden das Feedback in unsere Empfehlungen einbauen und diese an die Minister und an das Parlament weitergeben. Damit ist unsere Mission erledigt. Ob und wie unsere Empfehlungen umgesetzt werden, ist dann an der Politik zu entscheiden.

Ines Kurschat
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