Vom Rand ins Land

Das Buch heute

d'Lëtzebuerger Land vom 16.06.2017

Als Büchernarr, der mit Büchern ziemlich anders umgeht als die meisten Leser, stelle ich mir Fragen, was mit unseren Bibliotheken im Lande geschieht.

Das betrifft besonders die Leser, die Bücher regelmäßig ausleihen und wieder zurückbringen. Wer schon Tausende von Büchern auf diese Art durch seine Finger gehen ließ, wird kaum die Frechheit haben zu behaupten, er habe sie genau gelesen, erforscht und ausgequetscht. Er hätte sonst vermutlich an seiner seelischen Gesundheit Schaden genommen. Ein lesender Mensch ist nie eine Bibliothek, sondern bestenfalls Liebhaber einer oder mehrerer Bibliotheken.

Bei manchen Lesern herrscht die Vorstellung, ein Buch sei ein Ganzes, das man als ein solches vollständig rezipieren müsse. Das Ganze eines Werkes zu beherrschen, ist schon eine glückliche Erfahrung, aber wer das Ganze auflöst, kann auch beglückende Erfahrungen des Seins und des Sinns machen, denn er lernt die fragmentarische Struktur von Sein und Sinn kennen.

Zudem wird der Bücherfreund dauernd mit der Frage konfrontiert, ob das Buch nicht ein auslaufendes Modell sei, das sich immer mehr im Internet auflöst: Wer liest denn überhaupt noch Bücher? Nun, diese Frage ist voreilig, nicht nur weil auch noch heute Romane verschlungen werden, sondern auch Sachbücher. Das Medium mag dabei wechseln – auch wenn das Zeit braucht –, doch der Unterschied, auf den es ankommt, ist nicht so wichtig, wie manche Verteidiger des alten Mediums  meinen. Was hier zu kurz kommen mag: das Umblättern der Seiten, ihr Geruch und ihr Aussehen; also eigentlich eine Aura, die ein „Computerbuch“ nur schwer ersetzen kann. Dafür hat es andere Vorteile: die Quantität an Buchstaben pro Gewichtseinheit, die Verstellbarkeit der Schriftgröße oder die Schnelligkeit der Verbreitung zum Beispiel.

Bücher, die ich wirklich verschlungen habe, wie die Werke Thomas Manns, will ich nicht mehr in digitaler Gestalt lesen oder nur noch in Auszügen. Aber bei manchen Texten, etwa denen von Gottfried Keller und Auszügen von Brecht, Flaubert, Montaigne, Pascal, Valéry, Ludwig Hohl, Cioran, Elias Canetti, Schopenhauer, Nietzsche und so fort ist die digitale Fassung der Werke für mich nicht mehr so negativ.

Um auf unsere Bibliotheken zurückzukommen: Die Nationalbibliothek wird in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft auf den Kirchberg umziehen und dort ein Gebäude besetzen, in dem sie sich ausdehnen kann. Auch sieht es so aus, als werde sie dort kulturellen und sozialen Anliegen gerecht werden können, die bisher eher zu kurz  kamen. Wesentlich intensiver als das bisher der Fall war, werden neben den stillen Arbeitsräumen für persönliche Arbeiten auch kleinere Räume für Gruppenarbeiten und zur Verfügung stehen sowie ein  Café. Eine von vielen gewünschte Erweiterung der Öffnungszeiten ist vorgesehen. (Man denkt an den Samstagnachmittag.)

Dass für ein Gebäude mit solchen Ansprüchen die Quantität des angestellten Personals und seine Qualität – mit zum Teil neuen Berufsprofilen – wachsen muss, ist unvermeidlich. Die Regierung unseres kleinen Landes ist gefordert, damit seine kulturellen Qualitäten solchen Anforderungen entsprechen. Wissen zu wollen, wie viele Bücher genau die Nationalbibliothek (und andere) umfasst, ist eine Frage für Bouvard und Pécuchet, die sich im Louvre ja auch darum bemühen wollen, Begeisterung für Raphael an den Tag zu legen.  

Hochinteressant in unserem Zusammenhang ist ein Aufsatz, den Peter von Matt 2010 im März/April-Heft von Sinn und Form veröffentlichte: „Die Tumulte der Wissenschaft und die Ruhe der Bibliotheken“. Auf acht Seiten (S. 160-168) umreißt er  die Problematik. Ich will an dieser Stelle einige Gedanken zum Mythos und der Wissenschaft aus diesem wichtigen Text in Bezug auf das Buchwissen hervorheben:  „In der Tat bleibt es eine chronische Versuchung auch der strengen Wissenschaft, irgendwann in diese Rolle zu schlüpfen und mit dem Versprechen der absoluten Wahrheit zu kokettieren (...) Das Paradox, dass wissenschaftliches Wissen nur über die Demut des Nichtwissens zu gewinnen ist und den Verzicht auf Totalität zur Voraussetzung hat, will den Menschen, denen an den ersten und letzten Dingen nun einmal gelegen ist, nur schwer einleuchten.“

Anschließend verweist von Matt auf den wirklich großen Text von Lessing: „Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte, und spräche zu mir: Wähle!, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke, und sagte: Vater gib!, die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein.“

Noch viele weitere und herrliche Gedanken Peter von Matts in diesem Aufsatz lasse ich meine Leser aber lieber selber entdecken: Es lohnt sich.

Jacques Wirion
© 2017 d’Lëtzebuerger Land