Mischa der Fall

Wahnsinn in situ

d'Lëtzebuerger Land du 17.07.2008

Mischa der Fall – dabei handelt es sich um den Fall des Schweizers Mischa Ebner, der im September 2002 als mutmaßlicher Frauenmörder und Gewalttäter traurige Berühmtheit erlangte. Bei seiner Festnahme gab der damals 27-Jährige insgesamt 30 Delikte zu. In seiner persönlichen Spirale der Gewalt hatte er sich in zwei Jahren vom Handtaschenklau bis zu immer brutaleren Attacken auf Frauen „hoch gearbeitet“. Am Ende stand der Tod der 23-jährigen Natalia Slupski, die ihren schweren Verletzungen durch Messerstiche erlag. Durch seine Geständnisse trat Mischa Ebner damals in den Fokus des öffentlichen Interesses. Sein ganzes Leben stand zur Debatte. Die Frage: „Was macht den Menschen zum Täter?“ 

Ebner war der Täter, der früher Opfer war. Von den Eltern schwerst misshandelt, wurde er im Alter von vier Jahren völlig verwahrlost aufgefunden. Als junger Erwachsener schien ihm die Integration in die Gesellschaft gelungen. Der eher unauffällige junge Mann arbeitete als Koch, hatte eine Freundin und konnte bemerkenswerte Erfolge als Militärsportler verbuchen. Genau wie sein Bruder ging Mischa am Ende den Weg des Suizids. Während sein Zellengenosse bei laufendem Fernseher schlief, erhängte sich Mischa Ebner mit einem Leintuch.

Mischa der Fall – eine lange Spur der Gewalt am Körper, Typologien von Tätern und Opfern, ein Fallbeispiel des heimlichen menschlichen Wahnsinns, das Bild der Bestie, kommentiert und analysiert von Kriminologen und Medizinern. Diese Elemente haben der Choreograf Bernard Baumgarten und der Regisseur Claude Mangen aufgegriffen, um sie in einer anspruchsvollen Inszenierung mit Tanz, Schauspiel, Ton- und Bildinstallationen zu verarbeiten. Der wahrlich nicht geringe Anspruch des Projektes war die physische und psychische Einbeziehung des Zuschauers in den irren Überlebensweg des gewaltbereiten Täters – im Angesicht der Qua-len seiner Opfer. Das Ergebnis langer Konzeptarbeit ist dieser Tage in Mersch und Ettelbrück zu sehen. 

Dabei ist eine der interessantesten Luxemburger Produktionen der letzten Jahre entstanden. Tatsächlich gelingt es dem Duo Baumgarten/Mangen, den Zuschauer ganz nah an Mischa Ebner und seine irre Welt heranzuführen, die verzweifelte Suche dieses Menschen fühlbar und spürbar zu machen. Natürlich ist das für den Zuschauer mitunter zutiefst verstörend. So nah am eigenen Körper möchte man den Wahnsinn nicht spüren, man möchte ihn außer Sichtweite, eingesperrt und kontrolliert wissen.

Der eigentliche Geniestreich dieser Inszenierung sind die Spielorte: Der Zuschauer durchläuft eine Strecke, die ihn vom Merscher Kulturhaus, durch die Duschkabinen eines lokalen Sportvereins, in einen Bus bis zu den erstaunlichen Räumlichkeiten des alten „Geckenhauses“ in Ettelbrück führt. Für die brilliante Schluss­szene findet sich das Publikum auf der Bühne des CAPe ein. Dabei ist die­ser lange Inszenierungsweg kein effekthaschendes Gadget der Regiearbeit, sondern dient auf intelligen­te Weise den künstlerischen Absichten. 

Am Ende der zweieinhalb Stunden verlässt man den Bus mit ungemein vielen starken Eindrücken, mit nachdenklichem Sinnieren über das komplexe Thema. Selten hat man Schauspieler wie Marc Sascha Migge oder Tänzer wie Stefano Spinelli so gut gesehen. Die Toninstallationen von Emre Sevendik sind auf den Punkt genau richtig konstruiert. Es scheint, als ob jeder Beteiligte sein Bestes in den Dienst des Projektes setzt – das Personal der Merscher und Ettelbrücker Kulturinstituten inbegriffen. Am Ende fragt man sich, warum Tanz- und Theatervorführungen nicht öfters so sein können: aufwühlend, vielfältig, ausdrucksstark, originell und intelligent inszeniert, und letztendlich auch das Ergebnis einer sichtbar guten Zusammenarbeit und Organisation. Sicher ist dieser Mischa nicht jedermans Fall, aber keiner könnte behaupten, er habe Langeweile (oder „gar nichts“) empfunden. Chaos inbegriffen.

Mischa der Fall, Regie und Konzept von Claude Mangen und Bernard Baumgarten, mit u.a. Laurence Katz, John Andrew Kaiser, Nora Koenig, Marc Sascha Migge, Nathalie Moyen, Sarah Picard, Stefano Spinelli, mit Texten von Toni Bernhart, einer Szenografie von Do Demuth, Videoinstallationen von Jacqueline Wachall und Klaudia Stoll und Soundinstallationen von Emre Sevindik. Eine Produktion von UnitControl, Trois C-L, Mierscher Kulturhaus, CAPe Ettelbrück, Maskénada, in Zusammenarbeit mit dem CHNP Ettelbrück. Weitere Vorführungen vom 22. bis zum 24. Juli. Mit jeweils zwei Vorführungen pro Abend, die deutschsprachige um 20 Uhr und die französischsprachige um 20.30 Uhr. Treffpunkt im Merscher Kulturhaus. Unbedingt reservieren unter Tel. 4708951.

Anne Schroeder
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