Die Angst vor nuklearen Waffen ist zurück. Menschen horten Jodtabletten und fragen sich, wo Atombunker sind

„Lëtzebuerger si sécher“

d'Lëtzebuerger Land vom 11.03.2022

„Wou wier zu Miersch ee Bunker au cas où? Froe fir ee Kolleeg“, twittert ein User an jenem Sonntag, an dem Putin seine Abschreckungswaffen in besondere Alarmbereitschaft hat versetzen lassen. Mittwochs verschickt die Regierung eine Pressemitteilung, in der steht, viele Menschen hätten Apotheken aufgesucht, um Jodtabletten zu besorgen. Auf Nachfrage des Land bestätigt die Marketing-Abteilung des Cactus eine Verkaufszunahme von Waren wie Nudeln, Reis oder Konservedosen. Genaue Zahlen will die Supermarktmette nicht mitteilen; ein Teil dieser Waren wird gespendet, ein Teil gehortet, wie in Gesprächen zu vernehmen ist. Es gibt Anzeichen dafür, dass die alten Ängste zurück sind: Die Ängste vor den Atombomben.  

Dass in der Nachkriegszeit ein Bedrohungsgefühl verbreitet war, ist durchaus nachvollziehbar: Seit 1945 besitzen die USA nukleare Waffen sowie die UdSSR ab 1949 nukleare Waffen; das Szenario eines erneuten Weltkrieges begleitete das 20. Jahrhundert. Reagiert wurde hierauf mit Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung: Das Nato-Hochkommissariat für nationale Sicherheit wird 1959 gegründet, um militärische und zivile Schutzaktionen zu koordinieren. Übungen finden statt, die Rettungsdienste auf den Ernstfall vorbereiten und kostspielige Geräte sollen die Radioaktivität messen. Außerdem veranlasst die Regierung den Bau von Bunkern. 

Als Régis Moes die Ausstellung „Der Kalte Krieg in Luxemburg (2016)“ ausarbeitete, hat er unterschiedliche Bunker besucht, die Einwohner Luxemburgs im Falle einer nuklearen Bombardierung aufsuchen könnten. „In den Sekundarschulen, die in den 1960-er Jahren geplant wurden, wurden diese integriert – wie im Athenäum und dem Neubau des Diekircher Lyzeums“, erwähnt der Historiker. Allerdings handele es sich um „Placebos, denn da wurden nie Türen und keine Luftfiltersysteme eingebaut“. Der einzige ausgestattete Bunker befindet sich in der ehemaligen Kaserne der Berufsfeuerwehr der Stadt Luxemburg. Zur Debatte stand auch die Einrichtung eines War-Room-Bunkers auf Schloss Senningen. „Doch anders als in den Nachbarländern, entschied man, dies sei zu teuer“. Dabei war das Unbehagen unter Luxemburgern nach der Kubakrise groß – Großherzogin Charlotte sagte 1962 ihre diplomatische Reise nach Washington ab. „Die Gesellschaft war daraufhin alarmiert und hamsterte die Läden leer“, erläutert Régis Moes. Patrick Majerus von der Strahlenschutzkommission betrachtet die Bunker aus Zeiten des Kalten Kriegs ebenfalls als obsolet: Im Falle eines Nuklear-Angriffs würden sie nicht ausreichend Schutz gewähren und bei einem Atomkraftwerk-Unfall reiche es, sich in seine eigene vier Wände zurückzuziehen, und die Ventilation abzuschalten. 

Ein Artikel aus dem Luxemburger Wort von Mai 1968 gibt einen Einblick darin, wie das atomare Wettrüsten das politische Weltgeschehen dominierte. Der Autor schreibt, die atomare Rüstung stand „als Schreckgespenst hinter allen politischen Ereignissen des Jahres“. Aufregung entstand, als bekannt wurde, dass die Sowjets im Besitz von Satellitenraketen für militärische Zwecke seinen. Woraufhin prompt aus den USA verkündet wurde, sie hätten eine neuartige Rakete entwickelt – „einen regelrechten Weltraumomnibus, der ein ganzes Bündel Wasserstoffbomben durch den Weltraum kutschieren könne“.

Käme es zu einem Atomschlag, würden die Schockwelle und die Hitze, die eine Kernwaffe verursache, das Leben von Millionen von Menschen sofort beenden, schreibt Max Roser, Gründer von Our World in Data. Hinzu kommen persistierende tödliche Strahlungswerte und radioaktiver Staub, der sich über atmosphärische Luftströme über weite Strecken verteilen würde. Noch bedeutender seien die nuklearen Winter, die auf einen gehäuften Einsatz von Kernwaffen folgen würden. Mit einem Temperaturrückgang von 20 oder 30 Grad Celsius in zuvorderst landwirtschaftlichen Regionen wie Eurasien und Nordamerika, sei dann zu rechnen. Konkret heißt dies, die Nahrungsmittelproduktion würde zusammenbrechen und eine weltweite Hungersnot auslösen.

Die Angst vor der Atom-Apokalypse muss vor allem zu Beginn der 1960-er Jahre besonders groß gewesen sein, wie es ein weiterer Wort Artikel aus jener Zeit nahelegt, in dem steht: „Angst vor dem Weltuntergang hat es in unserer kleinen Menschheit immer gegeben, aber für Leute mit normalen Nerven und einigermaßen gesundem Verstand lag die Katastrophe doch in weiter Ferne. Heute ist das anders geworden. Die Stimmung ist schlecht. Wenn nicht das gesamte Universum, wenigstens unsere birnenförmige Erde ist in Gefahr.“ Abschließend spekuliert der Autor, ob die Waffen nicht doch ihren Nutzen haben: „Was geschähe, wenn es keine Bomben mehr gäbe? Vormarsch der roten Armee, die an der Wasserbilligerbrücke mit roten Nelken als Befreiungsarmee begrüßt würde! Hat am Ende doch der Franzose recht, der behauptet, nur der Existenz der Kernwaffen verdanken wir unser Heil, den Frieden und die Freiheit?“

Dass ein nuklearer Angriff zu überstehen sei und das Leben irgendwann weiter geht – davon ging der Schweizer Staat im Kalten Krieg aus. Anders als seine Nachbarländer investierte das Alpenland fleißig in Bunkerinfrastrukturen; in den 1960-ern
begann die Schweiz für jeden Einwohner einen Platz in einem Schutzraum einzurichten. Die Stadt Luzern besitzt einen der größten zivilen Bunker, der bei einem Atomschlag 20 000 Personen beherbergen sollte. Zwar wird Bürgerinnen ein Bunkerplatz gewährt, wie genau sich das Leben jedoch unterirdisch abspielen sollte, stand auf einem anderen Blatt: So war beispielsweise vorab jeder selbst für seinen Notvorrat verantwortlich. 

Die Professorin für Internationale Beziehungen am Berliner Zentrum für internationale Sicherheit, Marina Henke, vermutet, Putin werde im Ukrainekrieg keine Nuklearwaffen einsetzen, die ganze Landstriche zerstören, – möglicherweise aber Nuklearbomben mit geringer Sprengkraft „für die psychologische Kriegsführung“. Gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland meint sie, Putin könnte beispielsweise nukleare Waffen über der Ostsee oder dem Schwarzen Meer zünden; „dadurch würde zwar die Umwelt in großem Maße verseucht werden, aber es werden keine Menschen direkt zu Schaden kommen“. Damit ziele der KGB-Rentner auf die Psyche der Menschen in Westeuropa ab: Es käme zu Panik, Aggressionen und Nahrungshortung.

Nicht unwahrscheinlich ist überdies ein Unfall in einem Atomkraftwerk; insgesamt 15 Reaktoren stehen in der Ukraine. In der Nacht auf den 4. März hatte die russische Armee das Atomkraftwerk Zaporijia beschossen – das größte in Europa. Hierbei kann es zwar nicht zu einer nuklearen Explosion kommen, wohl aber zu einem Kühlungsausfall des Stahlbehälters, in denen die Brennelemente aufbewahrt sind. Und ohne Kühlung kommt es zur Kernschmelze und Freisetzung von Radioaktivität – wie in Tschernobyl 1986. Eine Reihe an von Reporterre befragten Atomforscherinnen bereitet die Kappung des Stromnetzes, wie in Kriegszeiten üblich, die größten Sorgen: Fällt das elektrisch betriebene Kühlsystem aus, kann es zu einem schwerwiegenden Atomunfall kommen. Zum Glück hat Xavier Bettel sein Beschwichtigungsmantra bereits zur Hand; und wie bei jedem Mantra, wiederholte Bettel am 4. März den gleichen Inhalt dreimal hintereinander: „Ech wëll de Leit, déi sech Suerge maachen, soen dass Lëtzebuerg sécher ass, dass Lëtzebuerg eng sécher Plaz ass, dass Lëtzebuerger sécher sinn an dass ee keng Angscht muss hunn“.

Eine Gruppe an Personen traut dem Staat zunehmend weniger zu, im Interesse der Bürger zu handeln. Seit der Weltwirtschaftskrise 2008 breitet sich auch in Europa die Survivalisten-Bewegung aus. Eine Minderheit von ihnen beschäftigt sich mit dem Bau von Atombunkern, wie auf dem Blog Guide Sur Le Survivalisme vernehmbar: „Der Atomkrieg, auch wenn er still und leise ist, existiert tatsächlich“; und empfiehlt den Bau eines unterirdischen Stahlgehäuses. Ein Leben unter der Erde solle man planen – ganz wie ein Maulwurf: Einen Container zum Schlafen, zum Kochen und natürlich für die Notdurft. Vielleicht wird die ein oder andere Person stutzig, wenn Xavier Bettel sein Mantra zu häufig wiederholt und will ihr Selbstwirksamkeitsgefühl mit einem Bunker-Bau aufrechterhalten, – auch wenn Bunker letztlich nutzlos sind.

Stéphanie Majerus
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