Theater

Die Kunst der Freundschaft

d'Lëtzebuerger Land du 25.03.2022

ergangenen Mittwoch feierte die Neuinszenierung von Yasmina Rezas Kultstück Kunst in der deutschen Übersetzung von Eugen Helmlé ihre Luxemburger Premiere. Bereits am 3. Oktober 2021 wurde das Stück in der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig uraufgeführt. Für diese Koproduktion des Théâtre National de Luxembourg und des Schauspiels Leipzig zusammen mit dem Mudam und der Kunsthalle der Sparkasse Leipzig hat Regisseur Frank Hoffmann Kunst in einen selbstreflexiven Kontext gestellt: ins Museum. So brechen die drei seit vielen Jahren befreundeten Serge, Marc und Yvan nachts ins Depot einer Galerie ein, um das weiße Bild, ein Antrios aus den Siebzigerjahren, zu bewundern, das Serge für 200 000 Franken „ergattert“ hat.

Das Publikum befindet sich in dem majestätischen, von I.M. Pei entworfenen Foyer des Mudam. In völliger Dunkelheit und umgeben von Kunstwerken, die teils offen, teils verpackt vor und um die Sitze platziert wurden. Darunter minimalistisch anmutende, an das Werk Frank Stellas erinnernde Linienbilder. Designermöbel. Eine Op-Art-Installation aus Spiegeln. Skulpturen in einem Yves Klein zum Verwechseln ähnlichen Blau. Das Bühnenbild der bekannten deutschen Szenografin Susann Bieling integriert Referenzen an die moderne Kunst. Das weiße Bild, der Mittelpunkt des Stücks, erinnert an Robert Rauschenbergs White Paintings (1951), die für manche Kunsthistoriker als das Ende der Malerei gelten.

Ein Theaterstück über die bildende Kunst in ein Museum zu verlegen, mag ein interessanter Zug sein, der die reflexive Eigenschaft der modernen und der zeitgenössischen Kunst betont. Doch trotz Mikrofonen verliert der Ton sich in der Architektur, und es ist fällt schwer, dem Gesprochenen zu folgen. Trotz der akustischen Schwierigkeiten konnten die Darsteller des Schauspiels Leipzig, Christoph Müller als Marc, Denis Petković als Serge und Wenzel Banneyer als Yvan, durch ihr glaubwürdiges Zusammenspiel und eine urkomische, hemmungslose Darbietung überzeugen.

Wie Eindringlinge treten Serge, ein Arzt und Kunstliebhaber, und der Ingenieur Marc, der sich prinzipiell gegen die zeitgenössische Kunst und Kultur sträubt, in das dunkle Foyer. Serge will seinen Freunden seinen neuerworbenen Antrios präsentieren, der ihn mehr gekostet hat, als der arme Yvan in einem Jahr verdient. Statt auf Begeisterung stößt Serge jedoch auf das Unverständnis, ja die Verachtung seines Freundes Marc, der das 1,20 Meter mal 1,60 Meter große Bild als „weiße Scheiße“ bezeichnet und Serge damit vor dem Snobismus retten will. Die Kappe seines Filzstifts suchend, tritt Yvan hinzu – der einfache, gutmütige Mensch, früher in der Textilindustrie, heute in der Schreibwarenhandlung des Onkels seiner Verlobten tätig, der einfach nur Freund sein will. Anders als Marc, hat Yvan keine eigene Meinung zum weißen Bild. In seinem Bedürfnis nach Harmonie lässt er die Kunst auf sich wirken. Die Diskussion zwischen Serge und Marc mündet schließlich in Handgreiflichkeiten.

Eigentlich ist eine Parallelgeschichte – Yvans Hochzeit, bei der Serge und Marc Trauzeugen sein sollen – der Anlass ihres Zusammentreffens, der durch die Diskussion über Kunst regelrecht in den Hintergrund gerückt wird. In einer ikonoklastischen Geste malen die drei Freunde mit Yvans Filzstift auf das weiße Bild, um ihre Freundschaft zu retten; nur um am Ende festzustellen, dass der Filzstift abwaschbar ist. Das weiße Bild und die Geste bleiben für den Zuschauer immerzu unsichtbar.

„Über sich selbst lachen zu können, ist eine beneidenswerte Gabe“, sagt Yasmina Reza. Die Hauptfrage der Kunst ist somit nicht die offensichtliche, was Kunst ist, sondern was Freundschaft bedeutet und kann ob Kunst über sich selbst zu lachen vermag. Rezas Werk ist eine Selbstreflexion, denn es macht die Frage nach Kunstschaffen und seiner Rezeption zum Hauptthema. Dabei ist Selbstreflexion eine zentrale Eigenschaft der modernen und zeitgenössischen Kunst; die Selbstironie hingegen ist etwas, dem nachgesagt wird, dass es gerade in der Moderne fehlte und erst in der Postmoderne zum Vorschein kam. Doch es gibt einen Unterschied zwischen herablassendem Gelächter und einem ehrlichen Lachen, deshalb können Serge und Yvan gemeinsam über Serges Kauf lachen, ganz zum Ärgernis von Marc. Wieso aber ist Marc so verbittert? Ist es Neid über die Freude und den finanziellen Wohlstand seines Freundes? Ist es die Angst, seinen Freund zu verlieren, nichts mehr mit ihm gemein zu haben? Im Laufe des Abends werden verschiedene Aspekte von Freundschaft und den Erwartungen an eine Freundschaft erörtert: das Besitzergreifende, das Überhebliche, letztendlich die Kontrolle: „Man muss Freunde immer bewachen, sonst entgleiten sie einem.“

Yasmina Reza schrieb Kunst, eines ihrer bekanntesten Stücke, im Jahre 1994, nachdem sie bei einem Freund zum Abendessen eingeladen war, der ein weißes Bild für sehr viel Geld gekauft hatte, was sie in Lachen ausbrechen ließ. „Wir sind Freunde geblieben, weil wir lachten.“ Dieses autobiografische Ereignis wurde ihr zur Inspiration. Kunst machte sie international bekannt und wurde in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Dennoch spaltete das Stück der französischen Autorin, Schriftstellerin und Dramatikerin das Publikum. Die einen hielten ihre Art und Weise, sich über moderne und zeitgenössische Kunst lächerlich zu machen, für zu einfach und ihren Text für nicht nuanciert genug. Andere hingegen feierten die Ehrlichkeit und Schärfe ihres sozialkritischen und humorvollen Werks, welches auch heute noch aktuell bleibt.

Anastasia Chaguidouline
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