Mit Die Sperber-Bussard-Frage liefert Nora Wagener einen Erzählband, der die Absurditäten in Zeiten von Internetforen, Social Media und KI humorvoll offenlegt

Von Energievampiren und den Fallstricken des World Wide Web

d'Lëtzebuerger Land du 15.08.2025

„Welchen Traum der Menschheitsgeschichte würdest du gern verwirklicht sehen?“, fragt Proust 5 einen I-Chatbot in Bot-Gespräch VIII. „Eine Welt ohne Hunger und soziale Ungerechtigkeit“, so die erwartbar politisch korrekte Antwort des I-Bots. Hier wurde mit jener Version des Proust-Fragebogens („Questionnaire de Proust“) gearbeitet, die der Chatbot zur Verfügung gestellt hat.

Für die Antworten dieses fiktiven Chatbots wurde ein reeller Chatbot genutzt. Natürlich liegen die Parallelen zu ChatGPT auf der Hand. Die Fragen sind so absurd wie aus dem Leben gegriffen: „Was schenkt man seinem Mobber zum Wichteln?“

„Die Bot-Gespräche“ sind bezeichnenderweise das letzte Kapitel in Nora Wageners Kurzgeschichtenband Die Sperber-Bussard-Frage; am Ende der Irrungen löst die KI unsere menschlichen Fragen. Die 13 Kurzgeschichten kreisen um Themen wie Digitalisierung der Arbeitswelt, Chatbots, Online-Shopping oder Hate Speech in Internet-Foren.

In unterschiedlichen Genres – mal in E-Mail- bzw. Briefform, mal in Chats, mal in Ich-Erzählungen – nähert sich Nora Wagener in den Geschichten den Fallstricken der neuen digitalen (Arbeits-)Welt und entlarvt humorvoll deren Absurditäten.

In der titelgebenden Kurzgeschichte „Die Sperber-Bussard-Frage“, in Chat-Form geschrieben, spiegelt sich der alltägliche Wahnsinn. Wie über diverse Social-Media-Kanäle verraten die Kommentare der User/innen mehr über sie selbst, als dass sie zur Klärung des Sachverhalts oder der vermeintlichen Fragestellung beitragen und schwafeln sich mitunter um Kopf und Kragen. Wagener dokumentiert diese Foren bis zum Abgleiten in wüste Beschimpfungen authentisch: „Werwolf14: Mit gutem Beispiel vorangehen war gestern!! Wenn das unsere Vorbilder sein sollen ... selbstgerechtes, egoistisches Rentner-PACK!!! Man sollte denen allen mal eine Lehre erteilen, mal klarmachen, wer hier der BOSS ist!“

Wie bereits in Nora Wageners früheren Werken sind ihre Hauptfiguren schräg-schrullige Gestalten, wie etwa Bernd, ein Mann mit einem Bürstentick, in ihrer Kurzgeschichte „Die Bürstenwelt“. Für den ordnungsliebenden Mann gibt es nichts Befriedigenderes als das Durchforsten des Internets nach Bürsten zur Reinigung seines Haushalts.

In „Die-Rosalie-Studie“ ist es eine Sexarbeiterin, die sich auf Kunden mit ausgefallenen Wünschen und Fetische spezialisiert hat; die Fantasien der Kund/innen treibt die Erzählerin hier auf die Spitze und ad absurdum. In „Der Trip“ beschreibt die Ich-Erzählerin eine geheimnisvolle Reise, über die die Leserin selbst im Ungewissen gelassen wird und die über Social Media als „Bali-Urlaub“ präsentiert wird: irgendetwas zwischen Thomas Manns Der Zauberberg und der surrealen Filmwelt von Lanthimos‘ The Lobster. Über einen QR-Code, der auf dem Nachtschrank auslag, bekommt die Protagonistin einen Zugang zu ihrem individuellen Wochenplan. „Futter für ihre Träume“ sind die „Augmented-Reality-Sessions“ – ein hinzugebuchtes Extra. Unwillkürlich stellt man sich die Fragen: Bis zu welchem Grad kann die Selbstinszenierung ausarten und wie weit kann der Selbstbetrug vorangetrieben werden? Verschmilzt er irgendwann mit der Realität?

Wie schon in ihrem 2017 mit dem Servais-Preis ausgezeichnetem Band Larven trifft Wagener mit ihren Kurzgeschichten den Nerv der Zeit. Wenngleich sie stellenweise die Metaphorik etwas zu dick aufträgt („Die Luft riecht nach feuchtem Wollpullover, tote Regenwürmer und Blättermatsch pflastern die Wege, und das Meer sieht aus wie ein Leichenzug, der träge an der Stadt vorbeizieht“) merkt man ihren Geschichten doch eine kluge Reife an, die auch einem Blick von außen geschuldet sein dürfte. Wageners Erzählungen reißen durch subtile Ironie mit und bringen einen zum Lachen.

Ihre Protagonisten sind Gestalten, die Gunnar, Ferdinand oder Hagen heißen – schrullige Figuren, über die die Autorin selbst auf einer metafiktionalen Ebene in Das Dingsa reflektiert: „Die Hagens dieser Welt sind vom Aussterben bedroht, da ist fraglos etwas dran. Männer heißen heutzutage auch nicht mehr Ferdinand, nicht mehr Gunnar.“

In Das Dingsda sind die Freunde Ferdinand und Gunnar verzweifelt auf der Suche nach ausgefallenen Usernamen für eine möglichst coole Identität im Web, auf Reddit („so etwas ähnliches wie Jay-Jay Love“). Gunnar schreibt darin an einem Polizeiroman – ein Anschreiben gegen die Energiekrise und die Putins Krieg geschuldeten steigenden Gaspreise – von dem er sich Erfolg verspricht, aber dabei langsam verrückt wird: „Kein Wunder, dass so viele Autoren den Verstand verlieren. Ab einem gewissen Punkt wird es schwierig zu unterscheiden, wo der eigene Arm anfängt und wo der andere Arm beginnt, Figur zu werden.“

Am stärksten spiegelt wohl ihre Erzählung Die Energievampire die moderne Arbeitswelt wider. Der als Brief an ihren Nachfolger geschriebene Leitfaden einer Angestellten sei jedem Staatsbeamten empfohlen ... Darin warnt Michelle ihn etwa, vor welchen Kolleg/innen er sich in acht zu nehmen habe. Die überzeichneten Charaktere sind Stereotypen, die es als solche in jeder Behörde gibt. Wie etwa Frau Schaumburg, „die unbestrittene Meisterin des Ignorierens“. „Überreize ihre Gutherzigkeit nie. Das wird sie Dir lange übelnehmen“, warnt sie. Frau Schmitt, „Falle Nummer eins“, bezeichnet sie als top Energievampirin. Die Energievampire erkenne man daran, dass „sie Dir um den Hals fallen, sich festsaugen und wenn sie Dich wieder freigeben, bist Du schlechtgelaunt und kraftlos“. Für 20 Minuten mit Frau Schmitt müsse man so etwa vier Stunden „Regenerationsphase“ einplanen.

Es sind aber auch wertvolle Tipps zum Sparen der eigenen Energie im Umgang mit dem Beantworten mündlicher Anfragen und der täglichen E-Mail-Flut, die in „Die Energievampire“ formuliert werden: „ein gelungener E-Mail-Austausch ist eine große Kunst“, liest man. Deshalb solle er sich so kurz und präzise wie möglich halten, denn „Missverständnisse führen zu noch mehr Schriftverkehr, mehr Schriftverkehr zu noch mehr Missverständnissen.“

In der titelgebenden Erzählung „Die Sperber-Bussard-Frage“ geht es angesichts des Wahns der parallelen digitalen Welt(en) im Internet grob um die Frage „ob wir als Gesellschaft noch was taugen. In Das Kein-Sorgenkind versucht die Ich-Erzählerin ihren Bruder zum Entschlacken von der Arbeit, der Welt und sich selbst zu bringen – in einer postapokalyptischen Zeit, in der das Internet zu einer „unbeherrschbaren und irrsinnigen Manipulationsmaschine“ geworden war und selbst diejenigen, die durch gezieltes Streuen von Informationen irgendwelche Ziele verfolgten, komplett die Kontrolle über das verloren hatten, was damit im Netz passierte ...

Wageners Kurzgeschichten fallen aus dem Rahmen. Sie sind kreativ, unheimlich und fantastisch zugleich; sie illustrieren die moderne Arbeitswelt und zeigen, wie uns diese zu Zombies macht. Unmissverständlich legt sie offen, wie das Internet zum öffentlichen Raum geworden ist, in dem ein jeder seine Emotionen preisgibt und ungefiltert in die Welt hinausschreit: „In der Anonymität des Webs ist das Sprichwort ‚Kleider machen Leute‘ nämlich für die Tonne. Bis auf den Usernamen ist man dort fast splitterfasernackt.“

Ohne zu moralisieren, stellen alle Geschichten unterschwellig die Frage, die George Orwell seiner Zeit mit seiner Dystopie 1984 aufwarf – das Szenario einer Gesellschaft zeichnend, die sich selbst entmündigen lässt und schnurstracks der totalen Überwachung entgegen segelt: Sind wir – wie Wagener in ihren Erzählungen insinuiert – zu gläsernen Menschen geworden?

Nora Wagener, Die Sperber-Bussard-Frage. Kurzgeschichten. 192 Seiten. éditions guy binsfeld. Preis 23,- Euro

Anina Valle Thiele
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