Binge watching

Bilder einer besseren Welt

d'Lëtzebuerger Land du 14.08.2020

Auf dem Time Square in New York prangt groß das Hakenkreuz, in San Francisco werden die Bürger in der japanischen Selbstverteidigungskunst ausgebildet. Die Welt, die The Man in the High Castle abbildet, basiert auf einer alternativen Geschichtsschreibung: Wie sähe die Welt heute aus, wenn die Alliierten den Krieg nicht gewonnen hätten? Lose basierend auf dem gleichnamigen Roman von Philip K. Dick schreibt sich The Man in the High Castle in der Schnittstelle zwischen dystopischer Science-Fiction und Alternativhistorie ein. Neben den Amazon-Studios hat auch Ridleys Scotts Produktionsgesellschaft Scott Free das Serienprojekt umgesetzt. Ridley Scott hat 1982 mit Blade Runner bereits ein Science-Fiction Werk aus der Feder von Philip K. Dick (Do Androids Dream of Electric Sheep?) adaptiert. Hier nun sind die Achsenmächte Kriegssieger und die USA werden unter Nazi-Deutschland und dem japanischen Kaiserreich aufgeteilt, dazwischen wurde eine neutrale Zone definiert. Juliana Crain (Alexa Davalos) erhält den Hinweis, den „Mann im hohen Schloss“ aufzusuchen, um ihm eine bedeutende Filmrolle zu überbringen. Doch der ebenso kalte wie berechnende Obergruppenführer der SS, John Smith (Rufus Sewell), hat seinen Spion Joe Blake (Luke Kleintank) bereits auf sie angesetzt, denn die Bilder des Films könnten die Zukunft der weltpolitischen Lage für immer verändern.

Eine Erklärung für den Erfolg der Show liegt womöglich in der seltsamen, aber nicht seltenen Faszination der „naziploitation“, die Darstellung historischer Nazis dienen als erzählerisches Konstrukt von „reiner Bosheit“ – eine Perspektive, die von der Gewissheit geprägt ist, dass solche Darstellungen auf eine ferne Vergangenheit verweisen. Deshalb können sie auch ihr ironisch-postmodernes Potenzial daraus schöpfen, diese Abbildungen vielmehr als ahistorische Parodie zu kennzeichnen. Obergruppenführer John Smith: Allein der Name verweigert ihm eine Identität. Die Figur könnte sich allzu leicht zur Parodie werden. Dass sie es nicht tut, ist vor allem dem Spiel Rufus Sewells zu verdanken, der der Figur einiges an Menschlichkeit einzuhauchen vermag – ein Nazi, der nicht nur stereotyp-böse ist. Dieser Smith ist gewiss ein unermüdlich arbeitender Detektiv, dessen Eleganz eher eine Tarnung für seinen scharfen Intellekt ist. Durch ihn überträgt sich ein Gefühl der totalitären Staatsparanoia auf den Zuschauer, denn The Man in the High Castle ist eine Welt der Täuschungen und des Misstrauens: kein noch so spontanes Gespräch ohne die unterschwellige Bezichtigung des Landesverrats oder der Androhung von Folter. Dass sich das Ganze vor dem Bild einer Modellfamilie der 1960-er Jahre abspielt, irritiert umso mehr: John Smith steht beispielhaft für den gesamtamerikanischen Traum, denn seine Eltern haben während des Börsencrashs von 1929 ihren Reichtum verloren und John lebte einen geradezu anormalen amerikanischen Traum, indem er die nationalsozialistische militärische Karriereleiter emporklomm. Das Verstörende und zugleich Ironisch-Faszinierende der Serie ist in seiner Figur zusammengefasst: Das Dargestellte haben wir so mitunter schon oft gesehen und doch zugleich nicht gesehen, eine Interpretation des Wohlstandsstaats der 1960-er Jahre mit all seinem Optimismus und seinem modernen Design, die indes mit faschistischer Ästhetik und Nazi-Sprache kontrastiert, gar „pervertiert“ wird.

Die präzise Konstruktion, mit der The Man in the High Castle diesen großen Unbekannten im Besitz der Filmdokumente inszeniert (Der Titel erinnert an das Filmzitat „pay no attention to that man behind the curtain“ aus The Wizard of Oz) ist eine Metareflexion über die Bedeutung und die Wirkung des bewgten Bildes: Die Filmrolle selbst ist in dieser Science-Fiction-Geschichte der MacGuffin, sie ist das Bedeutungszentrum, über das die Figuren miteinander oder gegeneinander agieren. Die dokumentarischen Aufnahmen sind Bilder einer besseren Welt, fernab totalitärer Staatssysteme; sie zeigen, dass die Utopie noch nicht verloren ist.

Marc Trappendreher
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