Die kleine Zeitzeugin

Ein Tag in Türkiye!

d'Lëtzebuerger Land du 21.08.2020

Sommer 2019. Küçükkuyu ist nur einen Katzen- oder Delphinsprung von Petra auf Lesbos entfernt, ein paar Griech/innen, die rüber machen, um auf dem Markt einzukaufen, sind an Bord der Fähre, eine Handvoll Tourist/innen. Was ich denn in Küçükkuyu wolle, fragt der Mann im Reisebüro verdrossen, warum nicht wenigstens Troja? Er versteht nicht, dass ich nicht in einer Herde zum Pferde will.

Auf der Fähre begegne ich Lisa, zackige Achtzig mit strammen Silberzöpfen, sie ist von überall und lebt auf Lesbos. Sie lädt mich ein, mit ihr und einem einheimischen Freund die Schönheiten der Umgebung zu erforschen. Aber es ist mein erster Tag in Türkiye; es ist nur ein Tag, ich will ihn allein in und mit Türkiye verbringen. Und alles ist des Sehens würdig.

Statt mich wegen Kurdistan-Likes zu verhaften, lächelt der Zollbeamte mich durch und am Häfchen warten schon einladende Tische. Allein angesichts meiner Banknoten werden sämtliche Köpfe geschüttelt, und wo ein Change sein könnte, fällt grad auch niemand ein.

BankaBanka! Die Straße glüht, Passanten schicken mich geradeaus, immer geradeaus. Durch eine Straße voller Kuaföre. An Verkaufsständen vorbei mit dem gleichen Plastikkram, den es auf den türkischen Märkten in Wien gibt. Es ist überhaupt wie in Wien, nur mit Meer und weniger Kopftüchern. Dafür mehr türkischen Fähnchen und Wimpeln. Geradeaus, geradeaus, immer weiter in die Türkei hinein. Auf der Fassade eines Häuserblocks hält ein gigantischer Sichelmond den Stern zwischen den Klauen. Falls jemand vergessen sollte, wo er gerade ist.

Ein soignierter älterer Herr, dem ich mein Banka-Mantra zumurmele, wirft mir einen Blick zu, der mich erschlägt. Jemand schickt mich in einen stinkenden Keller, der Insasse bietet Putzmittel feil. Er steigt mit mir aus dem Verlies und deutet auf BANKA gegenüber, wo es in Eiseskälte kaum Menschen, dafür Nummern gibt und eine junge Frau ohne Geld. Jedenfalls für mich. Bezüglich meines Ansinnens schüttelt sie den Kopf und deutet nach jenseits.

Kurz vor Durst-, Hunger- und Hitzetod tritt, Allah sei gedankt, Reiseschutzengel auf in Gestalt eines Türken aus Köln, beziehungsweise eines Kölners aus der Türkei. Im Austausch für meine Euros zückt er entzückende Scheine voll mahnend blickender Herren.

Beschwingt ziehe ich meinem lang schon visualisierten Lieblingsfrühstück, dem türkischen, entgegen. Auf der Strandpromenade sonnen sich vor einem toten Helden die Hunde, sie fühlen sich pudelwohl. Lauter gut genährte, würdige, entspannte Hundeindividuen. Ein Vorurteil, Türken hassen Hunde, weniger. Zumindest ein Reiseziel erreicht!

Ich knipse Hunde und Helden unter dem Blick der älteren Herren. Vor ihrem Kaffee oder Cay sitzend, haben sie alles im Blick. Auf der Suche nach meinem türkischen Frühstück werde ich von Nachbarterrasse zu Nachbarterrasse geschickt, die Kräfte schwinden schon, da erscheint eine junge Frau, sie stellt sich als Englischlehrerin und Lokalbesitzerin vor. Dass sie eine leibhaftige Ausländerin hier sieht! Die Tourist/innen hier seien städtische Türk/innen, die hier ihre Häuschen haben. Menemen hat sie aber auch nicht, sie schickt mich weiter, zum Nachbarn. Der hat es. Jetzt ist es wieder so türkisch wie in Wien.

Der Singsang des Muezzin bohrt sich in die Gehörgänge der unbeeindruckten Terrassengäste. Aus der Moschee tröpfeln ältere Männer mit grantigem Blick. Aus der Schule kommen die Kinder in Uniformen. Ich knipse eine Polizeistation, hochgewachsene Uniformierte bauen sich vor mir auf. Wieder werde ich nicht verhaftet, niemand traut mir einen Umsturz zu.

Über glühende Betonplatten an Strandhäusern vorbei, am blendenden Blau. Ich verbrenne mir das Gesäß auf der Bank eines vor sich hinschmelzenden Spielplatzes, alles hier ist aus Plastik. Ich kaufe Wasser, der Wasserverkäufer findet Luxemburg auf Französisch schön.

Der Strandsand ist senffarben. Ein dürrer alter Mann watet tief in sich versunken durch das seichte Wasser. Die meisten Frauen tragen Bikinis, eine ältere Frau im Bikini schreitet ins Meer. An ihrem Arm eine Frau in einer Burka von afghanischem Blau. Es ist der schönste Augen-Blick des Tages. Nicht nur wegen Blau und Blau, ich knipse das Bild mit den Augen.

Michèle Thoma
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