Cepal und der Kuelbicherhaff

Schweinetest

d'Lëtzebuerger Land du 22.04.2004

Frohe Kunde für die kleine heimische Agrarwelt war vor einer Woche aus Mersch und Gasperich gelangt: Cepal S.A. und die Genossenschaft De Verband teilten mit, bis Ende des Monats könne eine Einigung über die Fusion der Cepal-Betriebe Silocentrale und Cap+ mit De Verband zu einem unabhängigen Unternehmen in Form einer S.A. oder einer s.à.r.l. gefunden werden.
Weniger erfreulich lesen sich die jüngsten Verlautbarungen von Cepal und dem Herdbuchverband über dessen eventuelles Zusammengehen mit dem Service élevage et génétique (SEG) der Cepal. Seit einer letzten Sitzung mit Landwirtschaftsminister Fernand Boden und Arbeitsminister François Biltgen am 19. Januar haben die Beteiligten einander nicht mehr getroffen, aber über die Branchenmedien wird beinhart kommuniziert: „Hass und Fanatismus“ hätten „noch nie zu einer Einigung geführt“, schrieb Cepal-Verwaltungsratspräsident Marco Gaasch vor zwei Wochen auf Seite 1 des Bauernzentralen-Organs De Lëtzebuerger Bauer an den „werten Herrn Stoll“. Zwei Tage vorher hatte Jean Stoll, Generalsekretär des Herdbuch-verbands, im von fünf Agrargenossenschaften unterhaltenen Online-Agrarportal (www.agrarportal.lu) Gaasch einen „Lügner“ genannt, weil dieser in einem RTL-Radiointerview meinte, Herdbuch blockiere eine Einigung mit seiner „Sturheit“.
Tatsächlich ist Herdbuch bis heute nicht abgewichen von seinem am 12. Dezember letzten Jahres gemachten Vorschlag zur „Reprise des services du SEG en les intégrant dans les structures de la FHL“. Seit Ende der 1970-er Jahre konkurrieren SEG und Herdbuch bei der Leistungsprüfung von Milchbetrieben, der Zuchtwertschätzung von Rinder- und Schweinerassen, der künstlichen Besamung von Rindern und Schweinen und mit Beratungsangeboten. Herdbuch sieht sich als den ökonomisch Stärkeren an: 2003 erzielte man mit 62 Mitarbeitern einen Umsatz von knapp 21 Millionen Euro, beim SEG waren es 2002 mit 32 Mitarbeitern 9,5 Millionen. 2002 hatte der SEG einen Verlust von 430 000 Euro ausgewiesen, der sich 2003 auf eine Million erhöht haben könnte – gegenüber einem Eigenkapital von 425 000 Euro und Reserven, die sich zumindest 2002 nur auf 701 Euro beliefen; die endgültige Bilanz der Cepal-Betriebe für 2003 liegt noch nicht vor. Zwar musste Herdbuch 2003 einen Verlust von 40 000 Euro verbuchen. Doch ihm standen ein Eigenkapital von rund 2,9 Millionen und finanzielle Rücklagen von über 270 000 Euro gegenüber.
Als „feindlichen Übernahmeversuch“ lehnt die Cepal bis heute diesen Vorschlag ab, der für Jean Stoll „eine win-win-win-Lösung“ wäre: Mindestens 25 Arbeitsplätze ließen sich erhalten; der erweiterte Betrieb könne von Beginn an schwarze Zahlen schreiben und würde endlich eine kritische Masse auf dem kleinen Markt erreichen. Da die Regierung anbot, die Infrastruktur des SEG-Sitzes am Kuelbicherhaff für 4,4 Millionen Euro von der Cepal aufzukaufen, falls es zu einer Einigung von SEG und Herdbuch käme, erhielte derBauernzentralen-Konzern liquide Mittel. Der Staat wiederum könne künftig Subventionen sparen, die er heute an Herdbuch und SEG zahlt. 
Am 19. Januar hatte Herdbuch die Idee zu einem Businessplan verfeinert. Das Gegenangebot der Cepal war Ende Dezember entstanden: Eine neue Firma sollte für die Führung der Abstammungsbücher von Rindern und Schweinen, für Leistungskontrolle, Zucht und Besamung gegründet werden. Zweitens sollte ein übergeordneter „nationaler Koordinationsrat“ unter Einschluss von Staat, Landwirtschaftskammer und Schlachthöfen in Zukunft die Tierproduktion im Lande steuern, drittens sollten Viehvermittlung und -handel „separat“ betrieben werden. Was diese Struktur leisten sollte, wurde nicht präzisiert. „Wir haben absichtlich nur einen allgemeinen Vorschlag gemacht“, sagt Marco Gaasch, „damit es nicht heißt, wir wollten wieder alles dominieren.“
Doch diese Konstruktion steht konträr zum Konzept, mit dem Herdbuch Erfolg hat. Kommerziell sehr einträglich ist sein Engagement in der „Verwissenschaftlichung“ der Tierhaltung auf ihm angeschlossenen Höfen hin zur Qualitätsproduktion: Im Rinderbereich etwa konnte ungeachtet der BSE-Krise das von Herdbuch und Cactus initiierte Qualitätslabel Fleesch vum Lëtzebuerger Bauer kontinuierlich Zuwächse verzeichnen und trägt maßgeblich dazu bei, dass Herdbuch drei Viertel seines Umsatzes mit dem Viehhandel erwirtschaftet. Ein solches integriertes Konzept aus Zucht, Leistungsprüfung, Input-Output-Bilanzen auf den Höfen und Produktmarketing verträgt sich schwer mit dem Cepal-Vorschlag, diese Bereiche in drei unterschiedliche Strukturen zu überführen.
Man könne über die Höhe der Beteiligungen an den neuen Strukturen reden, sagt Marco Gaasch. So, wie mit De Verband. Der springende Punkt für Jean Stoll aber ist „die fehlende Kostenwahrheit“ über den SEG. Gaasch sage nicht die Wahrheit, wenn er behauptet, alle relevanten Daten über den SEG lägen vor.
Mag sein, dass dabei Emotionen mitschwingen. Kooperationsversuche zwischen Herdbuch und SEG hatten schon in den 70-er Jahren im Streit geendet. Die Führung der Abstammungsbücher von Rind- und Schweinerassen, die Zuchtwertschätzung und Milchleistungsprüfung erledigt seit der Nachkriegszeit der Herdbuchverband im offiziellen Regierungsauftrag, ein solches Mandat hat der SEG nicht. Jean Stoll pocht darauf, dass der SEG zum Konkurrenten auf einem eng begrenzten Markt nur aufsteigen konnte, weil das politisch hingenommen wurde.
So, wie der Ausbau des Kuelbicherhaff, Sitz des SEG, zum Centre de sélection et d’expérimentation, mit dem Spezialanliegen, durch gene-tische Vermehrung leistungsfähiger Zuchtsauen der Schweinepro-duktion aufzuhelfen. Bedeutungsvoll ist das noch immer: Die heimische Schweineproduktion ist derart unterentwickelt, dass Luxemburg als einziges EU-Land eine ausgeweitete Schweinehaltung kofinanzieren darf. „Wir wollen wissen, welche Kosten auf dem Kuelbicherhaff entstehen, wie hoch er subventioniert wird und was er einbringt“, sagt Stoll. Darum gehe es eigentlich.
Schon im Dezember zog der Herdbuchverband den geballten Zorn von Cepal und Bauernzentrale auf sich, als er andeutete, seine Zuchtsauen hätten womöglich eine höhere Fleischleistung als die des SEG. Geklärt ist diese Frage bis heute nicht; recht peinlich ging Ende letzten Jahres der Versuch von SEG/ Cepal aus, im Lëtzebuerger Bauer die eigenen Leistungen hervorzustreichen: auf dem Kuelbicherhaff wird französisches Erbmaterial vermehrt, zitiert wurden französische Testergebnisse, daraus abgeleitet die ökonomische Ergiebigkeit der SEG-Sauen. Am 24. Dezember aber rügte das Institut porcin in Paris per Brief, dass eine solche ökonomische Extrapolation über die Grenzen Frankreichs hinaus „interdite“ sei.
Die harte Haltung von Herdbuch richtete sich allerdings nicht nur an die Adresse von Cepal und SEG, sondern auch an Landwirtschaftsminister Boden. Am 19. Januar verfügte er, ein externes Audit über die Rinder- und Schweinezucht inklusive den Kuelbicherhaff anfertigen zu lassen.
Dessen Implikationen sind nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch; es geht um nicht weniger als die Durchleuchtung des staatlichen Subventionsgebarens der letzten sieben Jahre. Der Ausbau des Kuelbicherhaff für den SEG mit einem Kostenpunkt von 218 Millionen Franken wurde seinerzeit von der Regierung mit 170 Millionen bezuschusst. Und damit die Bildung einer weiteren Konkurrenzsituation zwischen Herdbuch und SEG.
Unmittelbar nach Aufnahme der Arbeit des Centre de sélection et d’expérimentation musste Fernand Boden in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage (Nr. 69 vom 8.11.1996) einräumen, dass ein Antrag auf zusätzliche Beihilfen von insgesamt 100 Millionen Franken für Funktionskosten des Kuelbicherhaff eingetroffen sei. Zwar kam es zu einer solche Zuwendung anscheinend nicht – immerhin gab es aus der Generalinspektion der Finanzen im Finanzministerium einen „Avis minoritaire“, wonach der Staat sich keinesfalls an Funktionskosten des nach Ansicht so mancher Experten für Luxemburg überdimensionierten Projekts beteiligen sollte. Im Staatsbudget 1998 aber wurden per „Amendement“ die Zuwendungen an den Kuelbicherhaff von sieben auf 36 Millionen Franken nach oben korrigiert – nach einer kontroversen Debatte im Agrarausschuss.
Es waren diese Zuwendungen, die in den Staatsbudgets 1998 bis 2004 zwischen 36 Millionen Franken und zuletzt 717 500 Euro differierten, über die Herdbuch-Generalsekretär Stoll am 19. Januar Aufklärung verlangte. Würden sie an eine neu geschaffene Struktur weiter fließen? Und wie ist das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen? Wurden die Zuchtziele erreicht, mit denen die Cepal angetreten war? „Weder der Minister noch der SEG konnten diese Frage beantworten“, sagt Stoll. Es ist allerdings seiner „Sturheit“ zu verdanken, dass Fernand Boden nun meint, „ob der Kuelbicherhaff weiter sinnvoll ist, müssen uns die Experten sagen“. Erwartet wird ihr Verdikt Mitte Juli.
Ob es dann zur Annäherung zwischen Cepal/SEG und Herdbuch kommt, bleibt abzuwarten. Vorerst konzentrieren sich beide auf sich selbst. Herdbuch will seine Aktivitäten nicht zuletzt im Bereich der lukrativen Viehvermittlung mit den Schlachthöfen in Esch und Ettelbrück intensivieren. Cepal und SEG vertiefen unterdessen ihre Kontakte mit der niederländischen Partnerfirma CRV-Delta. Sie ist ein ganz großer, sogar globaler Player in der Milchkontrolle und Rinderbesamung und hofiert den SEG bereits seit geraumer Zeit zur Beteiligung an einer „Benelux“-Lösung in diesem Sektor. Ein mehrheitlicher Einstieg von ihr beim SEG bzw. die Gründung eines neuen Unternehmens sei nicht auszuschließen, sagt Marco Gaasch, „immerhin gibt es den Binnenmarkt, und von wem der Bauer eine Leistung angeboten bekommt, kann ihm gleich sein, wenn Qualität und Preis stimmen“.
Das ist der starke Punkt der Cepal in der Verhandlungen mit Herdbuch, wenngleich er so offen nicht benutzt wird, um „eine Tür offen zu halten für eine Luxemburger Lösung“: gerade Milchbetriebe, zumal die größten agrarischen Wertschöpfer hier zu Lande, werden mit der jüngsten EU-Agrarreform und mit dem Beitritt der zehn neuen Länder unter Preisdruck geraten. Ein preiswerterer Anbieter als Herdbuch könnte auch Landwirten willkommen sein, die sich heute noch von Herdbuch kontrollieren und beraten lassen.
Und wer kontrolliert und berät, hat einen Fuß bei den Bauernbetrieben in der Tür, um ihnen weitere Produkte und Leistungen zu empfehlen: vielleicht Futter oder Dünger aus dem Agrocenter, oder reformierte Produktionsmethoden, wie Herdbuch sie als Ökologisierung für die konventionelle Landwirtschaft anbietet. Nur vordergründig geht es bei der Diskussion um die Zukunft des SEG um 32 Arbeitsplätze. Ihr Ausgang ist von einiger Tragweite für die Viehwirtschaft insgesamt.

Peter Feist
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