Die kleine Zeitzeugin

Ich bin verknallt in Hendrik Streeck!

d'Lëtzebuerger Land du 11.09.2020

Er ist so blond, so Mann, er hat so ein fein geschnittenes Gesicht, aber auch ein markantes, so ein knackiges Kinn. Ein fein geschnittenes Gesicht haben alle deutschen Virologen, die uns im Fernsehen erscheinen, die deutschen Fernseh-Virologen sind ausnehmend hübsche Virologen. Auch die müde deutsche Fernsehvirologin hat so ein fein geschnittenes Gesicht. Der holde Drosten-Knabe mit den kecken Löckchen und den kecken Grübchen, manchmal sieht er süß abgekämpft aus, er kämpft ja auch mit einem Virus.

Aber alle überstrahlt Sunnyboy Streeck. Das bübische Lachen, so frei heraus. So gerade heraus, so ehrlich. So mannhaft. Altmodische Eigenschaften fallen einer ein, wacker und frohgemuth und frohen Herzens, einer der auszieht um das Virus zu besiegen. Das goldene Vlies kurz gestutzt. So deutsch, darf man das sagen, deutschendiskriminierend ist das ja nicht. Oder doch, positiv diskriminierend? Alles an ihm sitzt richtig, er sitzt gerade. Wohlerzogen. So schmuck, wie aus dem Ei gepellt. Wer sagt denn noch so was, wie aus dem Ei gepellt? Wer ist denn noch wie aus dem Ei gepellt? Bescheidenheit ist eine Zier, das auch noch, er wirkt bescheiden, obschon das ja wirklich niemand mehr sein will. Wer bescheiden ist, hat schon verloren. Er aber ist souverän bescheiden.

Vielleicht ist sein Vater General und der kleine Hendrik wuchs in einer Art Buddenbrook-Villa auf, in einem strengen und gesitteten Umfeld, Klavier, Reiten, Bogenschießen? Aber dafür ist er nicht neurotisch genug. Zu offen. Dieses strahlende Lachen, das alle Viren weglacht, aber keinesfalls auslacht. Sein Vater ist auch nicht General, er ist Psychiater. Seine Mutter ist Psychiaterin. Irre, dabei wirkt der Sohn gar nicht psycho! Er ist kein Sadist, nicht mal ein subtiler, dem immer ausgefallenere Tode einfallen, egal wie wir uns tarnen und maskieren. Er ist ein Hoffnungsträger. In der Zeit, als wir einsam im Knast den Prophezeiungen von Kassandra Lauterbach ausgeliefert waren, brachte er Licht ins Dunkel. Mit seinem Heintje-Lachen.

Und dann behaupteten die Blöden, er sei gekauft worden. Und seine Studie sei keine richtige. Und dass er in den Karnevalsgebieten Hausbesuche machte um das Virus auf frischer Tat zu ertappen, habe überhaupt keine Aussagekraft. Er wirkte dann getroffen, Edle kann man leicht treffen, Gemeinheit trifft sie unvorbereitet. Er sagte dann immer, er sei nur ein Virologe. Wir wissen es nicht, sagte er am Ende dieser oder jener Sendung. Was überzeugt mehr? Aber bald überstrahlte er wieder alle, wenn er uns ernsthaft, aber ohne tödlichen Ernst vom Virus erzählte.

So gerade. So zackigknackig. Hm, das ist vermutlich sexistisch. Aber ich bin eine Frau, ich darf das. Zwar eine alte, weiße Frau. Aber eine Frau. Und der Mann ist ja nicht schwarz. Also ist es wenigstens nicht rassistisch. Oder vielleicht genau deswegen rassistisch? So germanisch wie er wirkt auch noch, ich bin in einen Germanen verknallt. Ist das Nazi? Dabei stand ich doch auf Typen wie Keith Richards. Auf Kette rauchende Italo-Gangster in amerikanischen Filmen. Ich versuche mich rauszureden, aber sexistisch ist das ja auch. Greise Lustmolchin. Aber ich bin eine Frau, offiziell zumindest, also darf ich das.

Es ist nicht mehr so einfach, verliebt zu sein. So richtig war ich das zuletzt in George Harrison. Ich wollte zu ihm nach London, aber leider hatten wir Schularbeit.

Dagegen machen kann man sowieso nichts. Leider bin ich nicht die einzige. Die Kabarettistin Desirée Nick, eine schöne reife Frau – reif, glaube ich, geht auch nicht mehr, zu biologistisch –, hat sich auch schon geoutet, da wage ich mich doch auch aus der Deckung. Bedeutet leider auch Konkurrenz. (Wobei, vielleicht, er ist einfach zu gut drauf, zu gut gekleidet, zu sportlich, ein zu schmucker Jüngling, vielleicht ist er schwul, und alles ist total hoffnungslos?)

Ich guggel eine Frau von ihm. Er ist verheiratet.

Es bringt wohl nichts, hinzureisen.

Ich bin ja nicht mal ein Virus.

Michèle Thoma
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