Luxemburgensia

Ein Mehr im Leben

d'Lëtzebuerger Land vom 09.07.2021

Iwwerliewen heißt der neue Roman des Englischlehrers und Sozialpädagogen Georges Kieffer. Hier treffen wir auf Menschen, die mit dem Überleben kämpfen und einen Mehrwert im Leben finden. Da ist Romain, dessen unheilbar kranke Eltern den gemeinsamen Freitod wählen. Der Syrer Muhammed Jesus Assad, welcher den grausamen Tod seines Freundes miterlebt, seine Heimat verlässt, um nach einer langen Odyssee in Luxemburg zu landen. Dort wird er von Romain und seiner Freundin Fiona aus tödlicher Gefahr gerettet.

Es sind vorwiegend junge Menschen, die sich mit erschreckenden Ereignissen des Lebens auseinandersetzen müssen. Voller Spannung und mit Humor regt das Buch an, sich für das „Mehr“ im Leben zu öffnen. Leben ist rätselhaft und risikoreich. Der Tod ist ihm immanent. Es ist auch Leidenschaft, Streben nach einem Mehr. Auch da, wo es aus Neid nur um ein Mehr an „Jicken“ handelt oder wenn es um das Messen des „Zizis“ geht.

Krankheit, Verbrechen, Feindschaft und Krieg charakterisieren unser Leben. Die Illusion, allmächtig zu sein, entwickelt eine enorme Kraft, so dass ein ganzes Volk darunter leidet. Es ist die Angst vor dem Fremden, der Andersheit des Lebens, die zum Hass gegenüber dem Fremden führt. Dementsprechend verkommt die Sprache zum Grölen, so etwa auf dem Oktoberfest im „Hesperpark“. Trieb und Angst sind das Grundkapital der „braunen Partei“, deren Mitglieder nicht vor unkontrollierter Gewalt zurückschrecken.

In vielen Situationen steckt auch mehr positives Potential als wir glauben. Dazu gilt es die nötigen Antennen zu entwickeln. Das gehört zur Kulturarbeit des Menschen. Und so lassen sich giftige Skorpione in Medikamente verwandeln, wie wir aus deren Zwiegespräch erfahren. Und so ist auch die Vespa nicht nur Bewegungsmittel. Sie ist Kultobjekt, Ausdruck der „Dolce vita“.

„Sproochmates“ nennt sich der Autor. Er zeigt uns, wie Worte Leben deuten und ihm Bedeutsamkeit geben. Die Sprache drückt ein Mehr im Leben aus: „Mir iwwerliewen zesummen.“ Gerade da, wo es um das Genießen und Begehren geht, zeigt sich auch die Freude des Autors am Buchstaben und am Wort.

Das Fiktionale hilft Spannungen des Lebens zu bearbeiten. Es sind Songs der britischen Band The Smiths, die zum Träumen einladen, Mut schenken. Ideale und Perspektiven werden rituell verinnerlicht: „There is a light that never goes out.“ Dies gilt auch für das Kino.

Zivilisation geschieht durch Arbeit, Sprache, aber eben auch Sexualität. Und so erleben wir die Freude und die Lust von Muhammed Jesus und Romain, wenn sie, geführt von den Freudinnen Talia beziehungsweise Fiona, ihre ersten Erfahrungen im Liebespiel machen. „I’m human and I need to be loved.“ Das scheint mir das „Credo“ des Romans zu sein. Solche Liebe drückt sich auch im Versprechen des Opas aus, dem elternlosen Romain beizustehen, aber auch in der pädagogischen Aussage der Französischlehrerin: „Du muss schwätzen … du muss positiv Ziler setzen. Denk un aner Saachen, konzentréier dech op d’Schoul, soss geet et schief.“

Es sind nicht nur Sprechakte, die Unterstützung geben, sondern auch Taten, durch die man dem Mitmenschen beisteht.

Der Kampf um Frieden und die Freiheit ist Fiona wichtig. Sie empört sich gegen einen Lehrer der rechtsextrem denkt. Damit tritt sie ein in den Teufelskreis von Aggressivität. Das schulische Umfeld versucht zu besänftigen, zu verdrängen und Auswege zu arrangieren. Eingepackt schiebt sie „e kräftege Koup Schäiß“ in des Lehrers Briefkasten. Ein Akt, welcher auch die Unfähigkeit der implizierten Akteure zeigt, den Konflikt zu versprachlichen. Fiona kann den Kampf durchstehen. Wichtig ist, dass sie später mit Romain darüber sprechen kann. Ekel und Destruktivität konnten subjektiviert werden, nachdem beide sich The Elephant Man in der Cinémathèque angesehen haben. Die Widersprüchlichkeit des Lebens spiegelt sich auf der Leinwand. Kino ist ein pädagogisches Institut.

Für Georges Kieffer ist Leben auch Geschenk, Generosität und Gnade, gerade wenn man an einem Nullpunkt angekommen ist. Hoffnung, Gemeinschaft und ein Blick für die Potentialitäten einer Situation helfen, dass Leben glückt. Zum Schluss hofft auch der Autor auf die gnädige Beurteilung des Lesers. Diese ist ihm sicher. Das Buch kann ich als Lektüre im Vieso- und Luxemburgisch-Unterricht wärmstens empfehlen. Und warum sollte man den Stoff nicht verfilmen?

Jean-Marie Weber
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