Der Direktor des Wasserwirtschaftsamts, Jean-Paul Lickes, erklärt, welche Folgen das Wachstum für die Trinkwasserversorgung hat, wie intensive Landwirtschaft sich auf die Wasserqualität auswirkt und wieso Prävention und Information bei Starkregen und Überschwemmungen effizienter sind als Warnsysteme

„Ohne die Bereitschaft der Bauern werden wir den guten ökologischen Zustand der Gewässer nie erreichen“

d'Lëtzebuerger Land vom 27.05.2022

d‘Land: Herr Lickes, in den letzten Wochen hat es nur wenig geregnet. Wie steht es um die Trinkwasserreserven in Luxemburg?

Jean-Paul Lickes: Im Stausee haben wir in den Wintermonaten die Marke von 319 Metern erreicht, die wir uns zum Ziel gesetzt hatten, sodass wir dort genug Reserven haben. Neben der alten bei Esch/Sauer ist nun auch die neue Produktionsanlage der Sebes (Syndicat des eaux du barrage d᾽Esch-sur-Sûre) in Eschdorf zur Hälfte in Probe-Betrieb. In dem Bereich sind wir also auf der sicheren Seite.

Wieviele Gemeinden sind an das Sebes-Netz angeschlossen?

Es sind vorwiegend die Gemeinden, die Mitglied eines Wassersyndikats sind. Rund 80 Prozent der Bevölkerung werden vom Sebes-Netz erreicht, unter der Voraussetzung, dass ihre Trinkwasser-Infrastruktur es erlaubt.

Was heißt das?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Das Netz der Distribution d‘eau des Ardennes (DEA) im Norden ist ziemlich verästelt, mit engen Leitungen und vielen kleinen Behältern. Im Osten gibt es ebenfalls solche Situationen. Viele der Dörfer sind in den vergangenen Jahren gewachsen, auch mit landwirtschaftlichen Betrieben und Tourismus, ohne dass die Basis-Infrastruktur kontinuierlich mitgewachsen ist. Vor allem im Sommer kommt es vor, dass die Leitungen oder Behälter nicht groß genug sind, um die Einwohner, Industriezonen und Bauernhöfe mit ausreichend Wasser zu versorgen, obwohl im Stausee genug Trinkwasser produziert wird.

Wer ist zuständig für den Ausbau der Leitungen?

Das Wasserwirtschaftsamt hat eine Kontrollfunktion, es kann die Infrastruktur gemeinsam mit dem Ministerium mitfinanzieren oder Anreize schaffen, doch die endgültige Entscheidung liegt bei den Gemeinden. Wir können sie nicht dazu zwingen, neue Leitungen oder neue Behälter zu bauen; sie haben ja kommunale Autonomie.

Woher beziehen Gemeinden ihr Trinkwasser, die nicht Mitglied eines Syndikats sind?

Die 23 Gemeinden, die nicht in einem Syndikat sind, haben eigene Quellen. Es sind vorwiegend Kommunen im Osten und Westen Luxemburgs. Bei denen ist es in den vergangenen Jahren manchmal problematisch gewesen, denn wenn ihre Quellen nicht ausreichen, fehlt ihnen die Möglichkeit, sich ihr Trinkwasser anderswo zu beschaffen. Deshalb versuchen wir, diese Gemeinden dazu zu bewegen, sich einem Syndikat anzuschließen. Weil das für sie mit einer größeren Investition verbunden ist, fehlt ihnen dazu manchmal die Motivation. Es gibt aber bereits Gemeinden, die sowohl eigene Quellen haben, als auch in einem Syndikat sind und von beidem profitieren.

Wieso wird das Quellwasser in diesen Gemeinden knapp?

Viele Gemeinden sind in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Ein weiteres Problem ist, dass die Bauernbetriebe wesentlich größer geworden sind. Eine Kuh verbraucht mehr Wasser als ein Mensch. Wenn ein Bauer seinen Bestand von 50 auf 250 Kühe erweitert, ist das, wie wenn eine neue Wohnsiedlung entsteht. Für eine Gemeinde kann das zu einer wahren Herausforderung werden.

Können Sie in dem Fall helfen?

Wegen der vielen Servituden ist das schwierig. Das neue Wassergesetz erlaubt zwar Enteignungen, um Leitungen zu ziehen, doch wegen der öffentlichen Ausschreibungen kann es Jahre dauern, bis sie verlegt sind.

Manchmal werden Quellen auch „schlecht“, weil sie Pestizide enthalten. Was kann man dagegen tun?

Um das zu vermeiden, wurden fast alle Quellen, die zurzeit in Betrieb sind, von einer Schutzzone umgeben. Trotzdem können Belastungen nicht vollständig vermieden werden. Die Quellen, die zurzeit wegen zu hoher Pestizidwerte oder Nitratrückstände außer Betrieb sind, könnten 65 000 Einwohner mit Trinkwasser versorgen. Dieses Wasser muss mit aufwendigen und teuren Maßnahmen wiederaufbereitet werden. Und das in Zeiten, in denen das Trinkwasser knapp zu werden droht.

Vor vier Jahren hatte die damalige Umweltministerin Carole Dieschbourg angekündigt, dass Mitte der 2030-er Jahre mit Engpässen beim Trinkwasser zu rechnen sein werde. Wie ist die Lage heute?

Ich würde den Horizont derzeit auf 2035 oder 2038 schätzen. Die Trinkwasserstrategie beruht auf drei Pfeilern. Rund um die Quellen und den Stausee errichten wir Schutzzonen. Mit einer kohärenten Wassersparstrategie wollen wir den Pro-Kopf-Konsum senken – alleine für Privathaushalte liegt der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch aktuell bei 130 Litern, mit Industrie und Handel bei rund 200 Litern. Nicht zuletzt wollen wir zusätzliche Ressourcen erschließen. Weitere Grundwasserreserven anzapfen wollen wir aber nicht, um eine Übernutzung zu verhindern. Stattdessen wollen wir die Oberflächengewässer dafür nutzen.

Als mögliche Lösung hatte Carole Dieschbourg 2018 die Trinkwassergewinnung aus der Mosel durch Uferfiltration in Aussicht gestellt. Wird das inzwischen umgesetzt?

Wir haben schon Studien durchführen lassen über die Art der Aufbereitung und darüber, wie man das Leitungsnetz aus der Mosel mit dem der Sebes verbinden kann. Verschiedene Verläufe sind möglich, doch wir wollen bestimmte Defizite beheben, die zurzeit im Leitungsnetz im Osten bestehen. Vor allem in der Moselgegend sind einige Gemeinden stark gewachsen und „schwächeln“ ein bisschen bei der Wasserversorgung. Sie wollen wir gleich an das Netz mit anschließen.

Mit dem Wassergesetz von 2008 wurde das Kostendeckungsprinzip eingeführt, das die Bürger mit höheren Preisen zum Wassersparen animieren sollte. Hat das funktioniert?

Ich denke nicht, denn anders als beim Benzin wissen die meisten Menschen nicht einmal, wieviel Leitungswasser kostet. Weil Trink- und Abwasserversorgung in kommunaler Hand sind, hat Luxemburg so viele unterschiedliche Wasserpreise wie es Gemeinden hat. Die Preiserhöhung beim Kostendeckungsprinzip sollte eigentlich bewirken, dass alle Gemeinden genug Geld haben, um ihre Infrastruktur instand zu halten. Hinzu kommen noch zwei Gebühren für die Entnahme von Trinkwasser und die Rückführung von geklärtem Abwasser. Dieses Geld fließt in den Wasserfonds, über den Maßnahmen in den Schutzzonen finanziert werden. Der Wasserpreis liegt in Luxemburg zwischen fünf und 7,50 Euro pro Kubikmeter. Im europäischen Vergleich ist das eher Durchschnitt.

Wird Trinkwasser künftig noch teurer werden?

Ich denke, dass wir zurzeit relativ gut dastehen.

Vor einigen Jahren wurde darüber nachgedacht, Trinkwasser zu importieren, wenn Luxemburg in dem Tempo weiterwächst. Ist das noch aktuell?

Wir haben verschiedene Szenarien geprüft. Um Wasser aus Deutschland zu importieren, müssten wir fast 80 Kilometer Leitungen bauen. Abgesehen von der komplizierten Genehmigungsprozedur würde das sehr teuer werden und die Kosten-Nutzen-Rechnung würde nicht aufgehen. Darüber hinaus ist es grundsätzlich besser, die Versorgung mit einer Primärressource wie Wasser im eigenen Land zu behalten.

Im Jahr 2000 wurde die europäische Wasserrahmenrichtlinie beschlossen, die vorsah, dass bis 2015 alle Gewässer in einem guten Zustand sein sollten. Die ökologische Qualität der Wasserläufe in Luxemburg ist aber immer noch nicht gut. Nur 51 Prozent der Flüsse und Bäche weisen einen mäßigen Zustand auf, 23 Prozent einen unbefriedigenden und 20 Prozent einen schlechten. Woran liegt das?

Wir sind in einer ähnlichen Situation wie die anderen Benelux-Staaten und Regionen wie beispielsweise Nordrhein-Westfalen. Mit denen gemeinsam haben wir die hohe Bevölkerungsdichte und einen hohen Anteil an intensiver Landwirtschaft. Für Luxemburg kommt noch erschwerend hinzu, dass das Land an der Wasserscheide zwischen Rhein und Maas liegt. Das beinhaltet, dass wir zwar ein quellenreiches Land sind, doch unsere Fließgewässer in hydrologischer Hinsicht allesamt Bäche mit kleinen Einzugsgebieten sind. Außer der Mosel, die unser Land nur streift, haben wir keine größeren Flüsse.

Was ist mit Alzette und Sauer?

Selbst Alzette und Sauer sind im internationalen Vergleich eher kleine Gewässer. Sie sind dadurch gekennzeichnet, dass sie im Winter wesentlich mehr Wasser führen als im Sommer. Die längeren Trockenperioden infolge des Klimawandels führen zudem dazu, dass der Wasserstand der Bäche im Sommer sehr niedrig ist. Die hohe Bevölkerungsdichte bewirkt, dass kleinere Wasserläufe wie die Eisch oder Mamer – aber auch die Alzette – in den Sommermonaten bis zu 70 Prozent aus geklärtem Abwasser bestehen und nur noch ganz wenig Quellwasser führen. Obwohl unsere Kläranlangen ziemlich effizient sind, ist es quasi unmöglich, alleine damit einen guten ökologischen Zustand zu erreichen.

Brauchen wir noch bessere Kläranlagen?

Wir ertüchtigen unsere Kläranlagen relativ konsequent. Daran sind oft internationale Studienbüros beteiligt. Wenn ich denen vorlege, welche Ablaufwerte sie respektieren müssen, halten sie das finanziell für nicht umsetzbar. Aber es ist die einzige Möglichkeit, die Luxemburg hat, um jemals überhaupt einen guten ökologischen Zustand erreichen zu können. Die Technik, die es dafür braucht, ist sehr teuer. Darüber sind die Gemeinden nicht froh, weil sie einen Teil davon bezahlen müssen. Pro Einwohnergleichwert hat Luxemburg die teuersten Kläranlagen in Europa.

Nicht nur die ökologische, sondern auch die hydromorphologische Qualität der Wasserläufe ist schlecht. Dabei würde die Renaturierung von Bächen und Flüssen nicht nur die Wasserqualität verbessern, sondern auch vor Hochwasser schützen. Wieso wurde in diesem Bereich bislang nur sehr wenig umgesetzt?

Um einen ökologischen Korridor zur Renaturierung eines Bachs anlegen zu können, braucht man an beiden Ufern Platz. Und um Platz zu haben, braucht man Grundstücke. Wegen des hohen Preisdrucks ist es aber fast unmöglich, noch jemanden zu finden, der ein Grundstück verkaufen will. Nicht einmal mehr an einem Bach.

Aus dem Wasserbewirtschaftungsplan geht hervor, dass die Gewässer stark mit Pestiziden und Nährstoffen belastet sind.

Von den Feldern fließen noch immer zu viele Nährstoffe und Pestizide in die Gewässer. Darüber führen wir mit der Landwirtschaft seit zehn Jahren sehr schwierige Diskussionen. Jedes Mal, wenn wir fast eine Lösung gefunden haben, passiert irgendetwas, das wieder alles zum Scheitern bringt. Aktuell ist es der Ukraine-Krieg, wegen der die Landwirte nun meinen, wieder mehr Weizen produzieren zu müssen, was sie wieder zu einer stärkeren Düngung berechtige. Die Landwirtschaft nutzt jede Gelegenheit, um an der klassischen intensiven Produktionsweise festzuhalten. Sogar so einfache Dinge wie Uferlandstreifen, wo jeweils fünf bis zehn Meter direkt neben Gewässern nicht angebaut wird, sind sehr schwierig durchzusetzen. Ohne die Bereitschaft der Bauern werden wir den guten ökologischen Zustand der Gewässer aber nie erreichen.

Um die Landwirtschaft zur Umsetzung von Wasserschutzmaßnahmen zu bewegen, wurden Kooperationen zwischen Gemeinden, Syndikaten, Landwirten und Staat gegründet. Bauern, die daran teilnehmen, werden finanziell unterstützt. Wie wird die Initiative von den Landwirten angenommen?

Das Problem ist: Wenn 80 Prozent der Landwirte in der Kooperation mitmachen, und 20 Prozent nicht, kann es passieren, dass diese 20 Prozent die gute Arbeit der 80 Prozent fast zunichte machen.

Im Stau bilden sich Jahr für Jahr Blaualgen. Stellen sie eine Gefahr für das Trinkwasser dar?

Blaualgen stellen für die Trinkwasseraufbereitung kein größeres Problem dar, sondern eher für den Badespaß. Sie entstehen vorwiegend durch Nährstoffe, insbesondere durch Phosphor, die über guten Boden in den Stau geschwemmt werden, etwa bei Platzregen.

Und die Pestizide?

Pestizide haben im Stau nichts verloren, deshalb haben wir die Schutzzonen ausgewiesen. Wir können natürlich nicht von heute auf morgen alles beseitigen, aber wir arbeiten in der landwirtschaftlichen Kooperation daran, die Zufuhr von Pestiziden und Nährstoffen in den Stausee zu minimieren.

Eine Luxemburger Brauerei hat vor einigen Jahren tief gebohrt und 30 000 Jahre altes Mineralwasser aus der Eiszeit gefunden, das „von jeglicher menschlicher Verschmutzung frei“ sei, auch von Nitraten, was sie sich durch das Forschungsinstitut List bescheinigen ließ. Ist sauberes Wasser künftig nur noch als Mineralwasser in Flaschen zu erhalten?

Erstens möchte ich betonen, dass diese Brauerei keine Erhöhung ihrer Förderung erhalten hat. Zweitens stellt sich die Frage, was sauberes Wasser ist. Eine naturbelassene, nicht anthropogen belastete Quelle in einem Wald kann einen natürlichen Nitratgehalt von fünf bis acht Milligramm enthalten. Alles, was darüber hinausgeht, ist menschgemacht. Wir wollen den Nitratgehalt in den Quellen auf 25 Milligramm begrenzen. An vielen Orten ist er jedoch höher. Der Grenzwert liegt bei 50 Milligramm, ab diesem Wert schneiden wir die Quelle ab. Aus keinem Hahn fließt Wasser, das mehr als 50 Milligramm Nitrate enthält. Und das ist absolut vertretbar und nicht gesundheitsschädlich. Das gleiche gilt für Pestizide. Nirgends soll Wasser mit einem problematischen Anteil an Spurenstoffen aus dem Wasserhahn fließen. In einer Gesellschaft, in der seit über 200 Jahren industriell produziert wird, sind wir aber alle endokrinen Disruptoren ausgesetzt. Wie die miteinander interagieren, weiß bis heute niemand so genau, weil die meisten Stoffe nur individuell toxikologisch untersucht werden. Beim Trinkwasser sind wir in Luxemburg aber auf der richtigen Seite und ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, dass jeder hier Wasser vom Hahn trinken kann. Die Trinkwasserverordnung ist sogar strenger als die Mineralwasserverordnung. Trotzdem kommt es immer mal vor, dass Trinkwasser nicht konform ist, doch diese Probleme sind in den allermeisten Fällen hausgemacht, etwa wenn Wasserfilter in einem Haus nicht gereinigt oder Regenwasseranlagen falsch angeschlossen werden.

In den vergangenen Jahren haben starker und anhaltender Regen wiederholt für Überschwemmungen gesorgt. 2016 wurde von Jahrhundertregen, 2021 von Jahrhunderthochwasser gesprochen. Wie sind diese Phänomene zu erklären?

Durch den Klimawandel. Letzten Sommer hatten wir in der Tat anhaltenden Regen, doch dann kam Starkregen dazu. Wir hatten noch Glück, denn 100 Kilometer von uns entfernt sind 80 Liter mehr Regen gefallen. Wenn das bei uns passiert wäre, hätte es mit großer Wahrscheinlichkeit auch hier Tote gegeben.

Beim Starkregen 2016 ging alles sehr schnell. Vergangenes Jahr waren die Böden aber schon seit Tagen gesättigt. Hätte man die Katastrophe nicht kommen sehen müssen?

Wir lagen an der Grenze dessen, was der deutsche und der französische Wetterdienst vorhergesagt haben. Die Gewitterzellen können sich innerhalb weniger Stunden extrem verändern. Es ist schwierig, das den Leuten zu erklären und sie haben auch kein Verständnis für Unvorhersehbarkeit. Trotz unserer hochtechnologisierten Gesellschaft können wir nicht alles voraussehen. Weil wir mit einem zwei- bis fünfjährigen Hochwasser rechneten, warnten wir die Campingbetreiber und Baustellenarbeiter entlang der Flüsse. Mit einem hundertjährigen Hochwasser haben wir natürlich nicht gleich gerechnet.

Gestorben ist in Luxemburg zwar niemand, doch der Sachschaden war hoch. Hätte das durch ein besseres Frühwarnsystem und schnelleres Eingreifen verhindert werden können?

Von der Brutalität der Sturzflut wurden alle Länder überrascht, auch wir. Das Innenministerium hat das Warnsystem jetzt verbessert. Der Erfahrungsaustausch zwischen Wasserwirtschaftsamt, dem Hochkommissar für nationale Sicherheit und dem CGDIS läuft noch. Im Gegensatz zum Europäischen Hochwasserwarnsystem Efas, das regionale Vorhersagen trifft, mit denen das CGDIS nur wenig anfangen kann, versuchen wir, präzise Pegelstände für Flüsse und Ortschaften zu prognostizieren. Denn das CGDIS muss wissen, wo es seine Rettungsleute genau einsetzen soll.

Sturzfluten sind mit Wettersatelliten schwer vorauszusehen. Deshalb hat das List vor zehn Jahren getestet, wie solche Phänomene mit Mobilfunk-Richtstrecken erfasst werden können. Hat das zu etwas geführt?

Das Projekt läuft möglicherweise noch in Zusammenarbeit mit der Post. Doch nehmen wir mal an, wir wüssten, dass in 25 Minuten in Redingen 70 Liter Regen pro Quadratmeter fallen werden. Ein Einwohner von dort arbeitet in der Stadt Luxemburg und bekommt das mit. Was macht er dann? Setzt er sich ins Auto und rast mit 120 km/h nach Hause? Laufen die Menschen in den Keller, um noch schnell ein paar Sachen zu retten? Bringen sie sich dadurch selber in Gefahr?

Ist es denn besser, sie nicht zu warnen?

Wir haben Starkregen-Karten berechnet, auf denen landesweit Gefahrenpunkte eingezeichnet sind, egal ob das nun an einem Bach ist oder am Tiefpunkt eines Dorfs, wo es vielleicht überhaupt keine Gewässer gibt, das Risiko aber genau so hoch ist. Auf diese Weise können die Menschen auf dem Geoportal einsehen, ob ihr Haus an einem Gefahrenpunkt liegt oder nicht.

Wenn man davon ausgeht, dass extreme Phänomene künftig häufiger auftreten oder gar zur Regel werden, müsste man dem besser vorbeugen. Nach dem Hochwasser im Ernztal sagten Sie im Sommer 2016 dem Land: „Bei der Starkregen-Prävention sind wir noch nicht weit. Bei der Regen- und Schmutzwassertrennung muss noch viel geschehen (...) Bei der Minderung des Abflusses von Wasser aus den Hängen sind wir noch am Punkt Null.“ Wie fällt Ihr Urteil sechs Jahre später aus?

Neben Flächenrenaturierungen ist auch der Anbau von bestimmten Kulturen schwierig. Eine davon ist Mais, weil er den Boden versiegelt, fast wie Beton, sodass das Wasser nicht abfließen kann. Wir haben aber sehr viel Maisanbau in Luxemburg. Ein weiteres Problem stellt die Bodenversiegelung bei Neubaugebieten dar. Das Wasserwirtschaftsamt setzt sich dafür ein, den Versiegelungsanteil so tief wie möglich zu halten, doch die Bauherren wollen oft nichts von Dachbegrünung oder bepflanzten Parkplätzen wissen. Auch Carports könnten unserer Ansicht nach problemlos ein grünes Dach haben. Solche Maßnahmen würden bei Starkregen viel bringen, wenn sie systematisch angewandt würden. In Dänemark und den Niederlanden ist man da schon viel weiter.

Strafen an die EU-Kommission wegen nicht-konformer Kläranlagen muss Luxemburg inzwischen nicht mehr zahlen. Trotzdem waren noch bis vor einigen Jahren viele mechanische Anlagen veraltet und zu klein. 2017 war ein Prozent der Einwohner gar nicht an eine Kläranlage angeschlossen.

Wir haben nur noch wenige mechanische Kläranlage, die meisten im Ösling. Den größten Teil haben wir inzwischen chemisch umgestellt.

Wegen des hohen Bevölkerungswachstums müssen auch die großen, biologischen Kläranlagen schon wieder ausgebaut werden, obwohl manche erst vor ein paar Jahren eingeweiht wurden. Müsste Luxemburg vorausschauender planen?

Als 2012 die Beggener Kläranlage eingeweiht wurde, hätte sie bis 2035 halten sollen. Niemand hat wohl mit so einem hohen Bevölkerungswachstum in der Stadt Luxemburg gerechnet.

In Esch/Alzette stellt sich das gleiche Problem. Die Kläranlage in Schifflingen wird gerade ausgebaut, könnte aber bald schon wieder zu klein sein.

Die Anlage in Schifflingen reicht nicht aus. Aller Voraussicht nach muss noch ein zweiter Standort für einen zusätzlichen Ausbau gefunden werden.

Die Kläranlagen liegen genau wie die Quellfassungen sowie Renaturierung und Hochwasserschutz in der Zuständigkeit der Gemeinden und von interkommunalen Syndikaten. Wäre ein zentralisiertes Modell nicht effizienter?

Generell stellt sich die Frage, ob wir nicht zu viele Syndikate haben. Alleine im Süden gibt es drei. Ob es mit einem Syndikat besser funktionieren würde? Das müssen Sie die Kommunalpolitiker fragen.

Seit 15 Jahren existiert der Bewirtschaftungsplan zur Umsetzung der europäischen Wasserrahmenrichtlinie. Inzwischen liegt schon der dritte Zyklus vor, der Entwurf wird immer länger. Sind Sie zufrieden mit dem, was Luxemburg bislang erreicht hat?

In Punkto Fachwissen haben wir inzwischen einen guten Überblick über unsere Gewässer. Mit dem Klimawandel haben wir ein neues Element, das im ersten Entwurf noch keine so große Rolle gespielt hat. Wir sind partizipativer geworden und haben einige Erfolge zu verbuchen. Im Gegensatz zu anderen Ländern halten wir unsere Ziele hoch, was auch ein Verdienst von Carole Dieschbourg ist. Es wird wohl auch noch einen vierten und fünften Zyklus geben, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass kein Land die Wasserrahmenrichtlinie bis 2027 erfüllen wird..

Liberaler Wasserchemiker

Jean-Paul Lickes (52) ist seit 2000 beim Wasserwirtschaftsamt beschäftigt, erst als Ingenieur, dann als Chef des Labors. 2010 wurde er stellvertretender Direktor, 2014 übernahm er die Leitung der Verwaltung von André Weidenhaupt, als dieser Erster Regierungsrat der damaligen Umweltministerin Carole Dieschbourg wurde. Für die DP sitzt der promovierte Chemiker seit 2017 im Gemeinderat von Habscht und kandidierte 2009 bei den Kammerwahlen im Südbezirk. Lickes ist auch Verwaltungsratsmitglied der Allianz vun Humanisten, Atheisten an Agnostiker zu Lëtzebuerg (AHA).

Luc Laboulle
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